187 Strassenbande: »Wir zeigen Sachen, die anderen Rappern peinlich wären.«

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Gangsta-Rap regiert. Nachdem das Genre lange totgeredet wurde, hat es ­spätestens im vergangenen Jahr jede andere HipHop-Ausprägung in den Schatten gestellt. ­Bushido, Kurdo und Kollegah, die Azzlackz, Banger Musik und Alles Oder Nix – sie alle feierten mit Musik von der Straße in unterschiedlichster Ausformung große Erfolge. Parallel dazu wächst und gedeiht in Hamburg seit einigen Jahren ernstzunehmende Konkurrenz. Ihr Name: 187 Strassenbande.
 
Angeführt von Bonez MC, einem charismatischen, großgewachsenen 29-Jährigen, haben sich die Rapper, Sprüher und Freunde von 187 zunächst lokal einen Ruf erarbeitet. Ihre wachsende ­Fangemeinde liebt die Strassenbande für ihr nahbares Image und ihren ungeschönten ­Straßen-Sound, der in seiner ungefilterten ­Härte an den frühen Gangsta-Rap aus West-Berlin erinnert. 2014 kam schließlich der Durchbruch in den Rap-Mainstream: »High & Hungrig«, das gemeinsame Album von Gzuz und Bonez MC, chartete in den Top 10 und avancierte nicht nur in der JUICE-Redaktion zu einem echten Geheimtipp. Gut möglich, dass 2015 nach diesem Achtungserfolg für die Hamburger zu einem schicksalhaften Jahr wird. Zumindest hat die Strassenbande endlich ein eigenes Studio und für das kommende Jahr zahlreiche Projekte in der Pipeline. Den Anfang macht der dritte Labelsampler, auf dem sich neben Gzuz und Bonez MC auch die 187-­Talente Maxwell, Hasuna und Sa4 der breiten Öffentlichkeit präsentieren. Satt sein ist nicht.

 
Ihr seid sehr wählerisch, wenn es um Interviews geht. Umso schöner, dass es jetzt geklappt hat.
Bonez: Dass wir uns im vergangenen Jahr fast komplett aus den Medien rausgehalten haben, ist gar nicht so bewusst passiert. Das hing damit zusammen, dass Gzuz nach seiner Zeit im Gefängnis noch ein bisschen Therapie machen musste und nicht viel Zeit für solche Sachen hatte. Aber insbesondere ­Videointerviews stehen wir schon kritisch gegenüber. Wenn ich mir alte Interviews mit mir angucke, finde ich fast immer irgendwas, das mir nicht passt. Deswegen habe ich ja auch diesen Deal mit Niko von der Backspin: Immer, wenn wir ein neues audiovisuelles Interview mit dem machen, nimmt er dafür das letzte aus dem Netz. Aber Printmedien finde ich eigentlich immer cool. Ich hab’ mir ja auch schon früh JUICE gekauft. Ich glaube, ich hatte sogar die allererste Ausgabe.
 
Dann wurdest du also früh mit HipHop sozialisiert. Ging es dir genauso, Gzuz?
Gzuz: Ich kam im Prinzip erst durch Bonez zu HipHop. Vorher war bei mir in erster Linie Kiffen angesagt, weißte so.
 
Seit wann kennt ihr euch denn?
Gzuz: Das sind so zehn Jahre mittlerweile.
Bonez: Ich bin gebürtiger Hamburger, bin aber mit meinen Eltern erstmal ­weggezogen als ich zwei war. Wir haben dann in ­Frankreich gelebt, anschließend im Süden von Deutschland, ­bevor ich mit 18 mit meiner Freundin nach Hamburg zurück bin. Wenig später hab ich dann Gzuz kennengelernt – auf dem Basketball-Court, 1on1, da hat er mir erstmal nen Zehner abgeknöpft. Von da haben wir miteinander gehangen. Und zu der Zeit fingen wir auch an zu rappen. Wir nannten uns anfangs gemeinsam Bonez, weil wir beide so dürr ­waren, dass man unsere ­hervorstehenden Knochen sehen konnte. Gzuz hat die ­Rapsache damals aber noch nicht ­ernstgenommen, weswegen ich mir erstmal alleine einen Namen gemacht habe.
 
Bonez, du kommst aus einer Musiker­familie, oder?
Bonez: Ja, mein Vater hat damals, als er noch in Hamburg gelebt hat, Musik gemacht und kannte zum Beispiel den Typen, der das Eimsbush Basement Studio geleitet hat. Und mein Onkel aus England spielt bei den Stranglers [eine britische Punk-Band; Anm. d. Verf.] Gitarre.
 
Seid ihr auch wegen der Musik als Familie so viel hin- und hergezogen?
Bonez: Nee, meine Eltern wollten mich nicht in der Großstadt aufwachsen lassen – hat aber nichts gebracht. Ich war trotzdem schon mit 14 kleinkriminell, ständig auf dem Jugendamt, dann auf dem Internat. Dort hab ich richtig mit Kiffen angefangen und auch alle anderen Drogen genommen, na ja.
 
Gzuz, du bist aber in Hamburg aufgewachsen, oder? Haben deine Eltern auch einen musikalischen Background?
Gzuz: Ja, ich war immer in Hamburg. Meine Eltern waren keine Musiker, aber meine Mutter und ich haben viel gesungen als ich klein war.
Bonez: Was uns beide verbindet, ist eine linke politische Einstellung. Die besetzten Häuser auf der Hafenstraße in Hamburg – da haben unsere Eltern jeweils eine Verbindung zu.
 
Man ist wohl automatisch ­linkspolitisch ­geprägt, wenn man auf St. Pauli ­aufwächst.
Bonez: Ja, schon. Ich selbst habe mich auch als Kind als Hamburger ­gefühlt. In Süddeutschland habe ich immer ­hochdeutsch geredet und allen gesagt, dass ich Hamburger bin. Wohlgefühlt habe ich mich im Süden nie, ich wollte immer zurück. Als ich dann mit 18 Jahren wieder in den Norden kam, haben Bushido und die ganzen Berliner ständig auf ­Hamburg rumgehackt. Also fingen wir an, Texte zu schreiben, die gegen Berlin ­stichelten. Ende 2006, Anfang 2007 drehten wir dann mit ner Aldi-Medion-Kamera unser erstes ­Musikvideo. Damals hat niemand außer uns in Hamburg mit Straßenrap Welle gemacht.

 
Also hat euch eine Phase geprägt, in der harter Rap aus Berlin dominiert hat?
Bonez: Ja, Berliner Rap hat uns zu hundert Prozent geprägt. Wir haben früher oft Bassboxxx, also Frauenarzt und so gehört. Außerdem habe ich wegen Bushido, Sido und der Sekte angefangen, Drogen zu ­nehmen. Aber ich bin dadurch ja kein schlechter Mensch geworden. Hamburg war damals jedenfalls überhaupt nicht am Start. Eimsbush war tot, Samy Deluxe hatte zwar sein Label, aber die falschen Leute gesignt, da war niemand von der Straße. Also haben wir unser Ding gemacht. Und je mehr positives Feedback es gab, desto stärker haben wir uns dazu berufen gefühlt, noch einen draufzusetzen. Obwohl, los ging es natürlich mit Graffiti – mit 187 haben wir damals alles vollgeschmiert. Ich selbst habe aber irgendwann gemerkt, dass mir fürs Sprühen das Talent fehlt. Ein paar Bubbles konnte ich schon, aber das wars dann auch. Also habe ich das talentierteren Leuten wie Frost überlassen.
 
Also gab es niemanden in Hamburg, mit dem ihr euch mit 18, 19 identifizieren konntet?
Gzuz: Nee, das war halt alles eine ganz andere Schiene.
Bonez: Samy Deluxe war immer krass und kann sehr gut rappen. Aber als wir jugendlich waren und kriminell sein wollten, da war Bushido mit seiner Lederjacke und seinem Zahnstocher natürlich reizvoller.
 
Warum wolltet ihr kriminell sein? Aus Rebellion?
Bonez: Ich musste nie kriminell sein, um zu überleben, ich habe nicht auf der Straße geschlafen oder so. Aber ich hatte schon ­immer eine Neigung dazu. Ich habe ­früher auch geklaut und meinen Eltern davon ­erzählt. Die meinten, dass es nicht so schlimm sei, wenn man bei einer großen ­Kette klaut. Ich habe nur irgendwann mal im falschen Laden geklaut, da hab ich ne richtige Kelle bekommen. Bei einem kleinen Händler, der mit seinem Laden sein Leben finanziert, ging das aber überhaupt nicht klar. Da musste ich dann hin und dem alles doppelt zurückgeben.

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Bushido hat uns gerade im Interview erzählt, dass er Bonez-MC-Fan ist. Freut euch solches Lob?
Bonez: Übertrieben. Er hat auf jeden Fall meine Jugend geprägt. Seinetwegen habe ich mir für das Shooting für diesen Artikel einen Carlo-Colucci-Pullover gekauft. Und für seine Musik bekommt er unseren größtmöglichen Respekt.
 
Obwohl eure Musik euer Leben scheinbar ungefiltert wiedergibt, besitzt sie großen Unterhaltungswert und spricht auch Leute an, die nicht so aufgewachsen sind wie ihr.
Bonez: Ich mache ja auch diese ganzen Video­blogs, in denen wir zeigen, wie wir leben. Wir sind, wie wir sind, und zeigen Sachen, die ­anderen Rappern peinlich wären: Wir ­stolpern, fahren Mietwagen, kaufen uns Plastik-Chromfelgen für unseren Wagen – solche Sachen ­machen uns Fan-nah. Andere Künstler schließen sich in ihren Studios ein, die sieht man draußen nur mit Bodyguards.
 
Gzuz, nervt das manchmal, dass bei Bonez immer die Kamera läuft?
Gzuz: Als ich rausgekommen bin, hat mich das Ganze – unser Hype und so – schon ­überfordert. Aber ich habe auch versucht, das hier als meinen Beruf anzunehmen, und da gehört so was eben dazu.
 
Wie sehr hast du eure steigende ­Popularität denn mitbekommen, ­während du gesessen hast?
Gzuz: Du lebst da drinnen ein ganz anderes Leben und bist mit dem Kopf ganz weit weg von der Welt draußen.
Bonez: Wir konnten ihm ­regelmäßig ­Fotos zukommen lassen und mit ihm ­sprechen. Er wusste also, was draußen abgeht. Durch den fehlenden direkten Kontakt konnte er die Dinge nur eben nicht schmecken und riechen.
 

 
Hast du im Knast viele Texte geschrieben?
Gzuz: Nein, gar nicht. Ich muss mit den Jungs im Studio sein, um schreiben zu ­können. Alleine geht das nicht.
Bonez: Einen Text hast du doch geschrieben, im Untersuchungsgefängnis. Da habe ich dir den Beat vorgegeben und dann hast du ins Telefon gerappt. Gab es auch auf Youtube.
Gzuz: Ja, aber insgesamt wusste ich da drinnen wirklich nicht, was ich hätte schreiben sollen. Da passiert einfach nix.
 
187 besteht im Kern aus Hamburgern. Ihr steht aber in engem Kontakt zu Leuten von außerhalb, auch zu einigen Berlinern. Ist Kontra K etwa Teil der Strassenbande?
Bonez: Auf jeden Fall. Auch auf dem neuen Sampler ist wieder unser erweitertes ­Umfeld vertreten: Omik K, Capuz, Kontra rappt auf zwei Tracks, wir haben Momo [aka der Afrikaner aus dem Block; Anm. d. Verf.] aus Köln dabei und Hanybal aus Frankfurt – das Wunschfeature von Gzuz.
Gzuz: Ich höre aus Deutschland eigentlich nur Hanybal.
Bonez: Ach ja, Fatal von DePeKa ist auch mit drauf, den habe ich vor ein paar Jahren zusammen mit Kontra kennengelernt, als der noch ein wenig anders unterwegs war. (grinst) Mittlerweile spricht er mit seiner Musik ja viel mehr Menschen an – was, wenn ihr mich fragt, eigentlich das Ziel jedes Musikers sein sollte.
 
Käme denn der Schritt zu einem Major und zu »massenkompatibler« Musik auch für euch in Frage?
Bonez: Hast du »High & Hungrig« gehört? Der Song »Ferrari« ist schon fast lächerlich poppig. Ich würde nie sagen, ich mache jetzt den Schritt in den Pop-Bereich, aber wir haben eigentlich immer auch eingängigere Songs gemacht. Auf dem Sampler ist auch ein Lied mit Kontra K, das ein bisschen weggeht von meinem Straße-Silberkette-­Style. 2007 dachte ich noch, ich werde niemals etwas anderes als Westcoast-Musik machen. »Doggystyle« höre ich auch noch heute im Auto, aber ich habe mich mittlerweile weiterentwickelt. Ich werde jetzt dreißig und meine Tochter ist fast zwei Jahre alt – natürlich will ich der auch mal Videos von mir zeigen können. Weiterentwicklung ist wichtig, solange man sie nicht krampfhaft sucht. Ich werde auch nicht zwangsläufig immer dieselbe Musik machen. Wenn mir das keinen Spaß mehr macht, mach ich was anderes.
 
Momentan läuft es für euch ziemlich gut. Gzuz, du hast viele Zwischen­schritte der vergangenen Jahre verpasst. Fällt es dir deswegen schwerer, mit eurem aktuellen Erfolg umzugehen?
Gzuz: Ich hab’ da auf jeden Fall einen anderen Blick drauf. Aber zum Glück sind wir ja ein sehr gut funktionierendes Team, das sich ­gegenseitig ergänzt, und ich war zumindest schon auf einer Tour vorbei. Ein bisschen habe ich mich mittlerweile an dieses Leben gewöhnt.
Bonez: Auf der »Free Gzuz Tour« war er ja im Prinzip auch dabei, wenn auch nur als Namenspatron. Damals mussten wir uns entscheiden: Machen wir alle unser eigenes Ding oder halten wir 187 am Leben, indem wir Gzuz krass hochhalten? Im Endeffekt hat diese Zeit auch stark dazu beigetragen, dass 187 so wachsen konnte. Während und weil er weg war, wurde Gzuz irgendwie zum Herz dieser ganzen Sache. Er ist das Herz, ich bin der Herzschrittmacher.
 
Wie bekannt seid ihr heute in ­Hamburg?
Bonez: Manchmal ist das schon krass. Letztens wollten wir mal wieder selbst Flyer verteilen und wurden aufm Kiez von jedem Dritten angelabert. Ein Glück, dass wir jetzt auch ne Karre haben. In der Bahn werden wir mittlerweile schon zu oft erkannt.
 

 
Wer sind denn eure Fans?
Bonez: Ganz unterschiedliche Leute. Zu mir kamen schon 40-jährige Männer. Und als ich neulich aufm Kiez vor der Haspa [Hamburger Sparkasse; Anm. d. Verf.] vorbeiging, stand ein Punker auf und sagte mir, meine Musik habe sein Leben verändert.
 
Stellt ihr euch mittlerweile die Frage nach sozialer Verantwortung?
Gzuz: Für mich hat nie jemand Verantwortung übernommen, ich hab nur Scheiße gefressen in meinem Leben. Was soll ich denn in meinen Songs sagen? Dass es mir gut geht? Scheiß drauf, ist halt nicht so. Ich bin eben ich. Ich ­finde, die Eltern sollten ihre Kinder erziehen. Und was ist mit den Medien? Jeden Tag zeigen sie im Fernsehen Schönheits-OPs und sowas. Das ganze Fernsehen ist doch total verroht. Ich bin ja nicht der Erste, der so redet.
Bonez: Die Gesellschaft hatte uns doch unser Leben lang aufm Kieker. Die haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind.
Gzuz: Ihr wart das, nicht ich. Ihr seid schuld, ich will nur Geld verdienen. (beide lachen) ◘

Fotos: Sylvain Dantec

Dieses Interview ist erschienen in JUICE #164 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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