Ahzumjot – Luft & Liebe // Review

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(https://ahzumjot.de)

Chance The Rappers Modell einer erfolgreichen Karriere durch Gratis-Content scheint mit Ahzumjot sein deutsches Pendant gefunden zu haben. Der Hamburger Wahl-Berliner spuckt seit einem Jahr im Quartalstakt kostenlose Projekte aus, um sich neu zu positionieren, nachdem er mit seinem etwas haltungslosen Majorlabel-Debüt »Nix mehr egal« in einer Sackgasse angekommen war. Das Free-Album »Luft & Liebe« ist das Finale dieser soge­nannten QT-Reihe, die Ahzumjot als Image-Befreiungsschlag dient. Nun ist die neue Reimgeneration, zu der Ahzumjot damals gezählt wurde, tot. Dieser zahme Myspace-Rap mit Hang zum Kitsch verschwand zusammen mit ihrer Plattform. Ahzumjot, der stets ein gekonnter Early Adopter von US-Sounds war, eignete sich auf Produk­tionsebene den schwerfälligen Klang von Travi$ Scott und anderen Style-Konsorten an. So klingt auch »Luft & Liebe« betrübt und milchig. Mühselig rollen die Snares auf dem Boden, die Bässe schweben durch den Raum. Darüber wechselt Ahzumjot Flows wie Migos. Er fletscht endlich die Zähne, wenn er im Ignorant-Banger »Limbo« über andere Rapper spricht: »Fallen all eure Idole und die alten Rapper um/Hab’ kein’ Respekt mehr vor denen, nee/Hab’ alle im Backstage gesehen/Wie sie sich so wie Rapper benehmen.« Wer ist dann der Rapper Ahzumjot? Eine Frage, die er sich auch selbst auf diesem Album stellt. Es geht um No New Friends, Loyalität zur Crew, Distanz zur Szene, Fuccbois und stetigen Selbst­zweifel. Das überrascht insofern wenig, als dass Reflexion und Selbst­findung stets integrale Bestandteile der Inszenierung von ­Ahzumjot waren. Allerdings haben diese Texte nun in der kargen Soundästhetik endlich ein ideales Zuhause gefunden. Die diesigen Flächen seiner Musik fangen die Borderline-Zeilen auf und lassen sie umso beeindruckender wirken. »Luft & Liebe« ist weniger ein Album als eine Mitteilung darüber, wo sich Ahzumjot 2017 künstlerisch befindet. Befreit vom Majorlabel als auch von alten Stigmata. Es fühlt sich nach einem Neuanfang an.

Text: Lukas Klemp