Caramelo: »Eigentlich komme ich aus der Memphis-Ecke, habe aber früher eher Boombap gemacht« // HipHope

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Globalisierung macht natürlich auch vor HipHop nicht Halt. So kommt es, dass runtergepitchter Lean-Talk, schleppende 808s und Isaac-Hayes-Swag straight outta Down South ihren Weg in nordrhein-westfälische Kleinstädte finden. Caramelo aus Rheda-Wiedenbrück orientiert sich mit seinem Sound an Protagonisten aus Memphis und Tennessee – und ist dabei mehr als ein dahergelaufener Three-6-Mafia-Impersonator.

Was sich erst einmal nach provinzieller Monotonie anhört, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Brutstätte eines eigenen kleinen Rap-Mikrokosmos. So zumindest beschreibt Caramelo seine Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück. »Viele, denen ich erzähle, wo ich herkomme, haben natürlich keinen Plan, wo das ist«, sagt er lachend; wohlwissend um die dörflichen Assoziationen mit seiner Heimatstadt. Doch kleinbürgerliche Mentalität und kontrastarme Engstirnigkeit findet man nicht in Rheda-Wiedenbrück. Im Gegenteil: Die Kleinstadt in der Nähe von Bielefeld sei voll von Leuten, die interessiert seien – an Kultur, an Musik, an HipHop. »Die Szene hier ist ziemlich groß, es gibt extrem viele coole Leute.« Gemeint sind Caramelos Jungs, seine Day Ones, mit denen er noch heute unterwegs ist. Und mit der Hometown wird nicht hinterm Berg gehalten. »Die Clique ist 78.« Das soll jeder wissen.

Hört man Caramelos »SLIDEPHONEFUNK«-Mixtape, stolpert man unwillkürlich über seine musikalischen Vorbilder aus dem US-amerikanischen Süden. Angefangen habe damals alles mit »Chicken Head« von Three 6 Mafia. Als Zwölfjähriger reimt Caramelo auf wahllos gepickte Memphis-Beats Sachen, die ihm gerade im Kopf herumschwirren, und nimmt alles am PC seiner Mutter mit dem Headset auf. Diese Herangehensweise habe sich bis heute gar nicht großartig verändert: »Wenn ich abends nen Beat anmache, kann ich nicht pennen, ohne was drauf geschrieben zu haben. Meistens beginnt das mit einem spontanen Einfall. Ich erzähle einfach.«

Heute darf man Caramelo zu den spannend­sten Rookies in Rap-Schland zählen. Vor nicht allzu langer Zeit war das alles andere als absehbar. Sein erstes Mixtape »Zwischen 2 Welten« verschwand kurz nach Erscheinen mitsamt der alten Caramelo-Facebook-Seite von der digitalen Bildfläche. Das habe allerdings weniger mit einer Identitätskrise als mit pragmatischen Umständen zu tun gehabt: »Ich hatte keinen Plan vom Releasen und hab das bei so ner wacken Seite hochgeladen. Das war mein erstes Release, davor hatte ich immer nur einzelne Songs bei Youtube«, erklärt er. Trotzdem sei er in der Folge auf der Suche nach seinem künstlerischen Ich gewesen und konnte zum Sound seines Mixtape-Erstlings nicht mehr zu hundert Prozent stehen. »Eigentlich komme ich ja aus der Memphis-Ecke, habe aber in der Zeit von ‚Zwischen 2 Welten‘ mehr Boombap gemacht. Das ist halt nicht, was ich heutzutage immer noch fühle«.

Was bei Caramelo anfangs aus Jux mit den Homies aus der Hood startete, nahm mit der Zeit Form an – und findet seit Herbst 2015 ständig neue Höhepunkte. Mit seiner Interpretation des dunklen Okkultismus-Rap aus den US-Südstaaten erspielt er sich nicht nur diverse Club-Gigs, sondern durfte sich auch kürzlich mit Yung Hurn und der Live-From-Earth-Gang beim Melt!-Festival die Bühne teilen. Seiner Hood wird Caramelo aber immer treu bleiben – auch wenn sich in seinem Leben gerade alles exponentiell vergrößert.

Dieses HipHope erschien in JUICE #177 (hier versandkostenfrei nachbestellen).u1_juice_177