Eunique: »Ich geb dir jetzt richtig, du Penner!« // Feature

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Wie viel Talent verträgt Rap in D? Eunique reichte ein Video voll ungebändigter Flows und ignoranter Punchlines, um Hatern ­Magenschmerzen zu bereiten und Business-Insider ans Telefon zu holen. Für JUICE öffnete die Hamburgerin die Studiotür.

»Für viele Leute gibt es ein großes Frau-und-Rap-Fragezeichen – das habe ich lange Zeit gar nicht gecheckt«, erzählt Eunique. Für die 21-jährige Hamburgerin war Rap immer eine Selbstverständlichkeit. Ihr früh verstorbener Vater stand selbst am Mic, und auch in der Wohnung ihrer Mutter lief US-Rap rund um die Uhr. »Ich habe immer mitgerappt«, sagt Eunique. Ein paar Jahre später steht sie auf einer WG-Party in der Cypher: »Ich hab mich einfach dazugestellt, auf gut Glück, mit der Attitüde: Ich geb dir jetzt richtig, du Penner! Selbst der Typ, der von mir geroastet wurde, war so geflasht, dass er sofort cool damit war. Diesen Respekt zu bekommen, fand ich sehr schön.« Bis sich Eunique einer größeren Öffentlichkeit zeigt, wird es dennoch eine Weile dauern.

Als sie mit acht Jahren einen Rechner samt Logitech-Webcam geschenkt bekommt, beginnt Eunique, ihren Alltag aufzuzeichnen – inklusive Lip-Sync-Takes und Lehrstunden am Keyboard. Doch der Schritt in die Öffentlichkeit war für sie keine Selbstverständlichkeit: »Ich war früher sehr verschlossen. Ich hatte eine Pflegefamilie, meine Mutter und viele Freunde um mich herum, aber ich war irgendwie lost.« Als Eunique sich in ihrer Jugend dazu entschließt, die Musik zum Beruf zu machen, denkt sie über eine Karriere als Songwriterin oder Musikmanagerin nach. Erst ein Freestyle-Video, das sie einem damaligen Ex-Freund schickt, wird zum Impuls, mit ihrem eigenen Können an die Öffentlichkeit zu gehen.

»Ich fand’s richtig scheiße, dass er mir nicht geantwortet hat, nur weil ich seine Ex-Freundin bin. Mir ging’s doch um die Bars – war das jetzt heftig oder nicht, Digger?« Also stellt Eunique das Video kurzerhand online. Wenige Wochen und viele Likes später hagelt es Anrufe und Mails aus dem Deutschrap-Business. »Ich war total überfordert«, erinnert sich Eunique. Erst ein gewisser Michael Jackson, der als Manager, Produzent und Regisseur bereits mit gestandenen Größen wie Savas und Manuellsen arbeitete, weckt bei einem Telefonat Vertrauen.

Im April 2016 findet sich die Hamburgerin dann im Berliner Westen wieder, den Sommer verbringt sie im abgedunkelten Studio. Das Arbeiten an der Karriere nimmt man in Berlin-Schöneberg nur allzu wörtlich: Mit geradezu militärischer Disziplin sitzt Eunique im Bootcamp – wie sie das Studio selbst nennt – täglich an der Musik, in Form von Rap-Sessions, aber auch mit Klavier- und Songwriting-Stunden, bei denen sie ihre vielseitigen Flows mit stringenten Songstrukturen zu bändigen lernt. Ein Fitnesscoach und eine Choreografin sollen außerdem dabei helfen, aus der Frau eine Hitmaschine zu machen.

Tatsächlich gelingt dem neuen Team bereits mit dem ersten veröffentlichten Projekt – einem Cover von 385i-Vorsteher Nimo – ein kleiner Hit. »Im Studio läuft immer Musik im Hinter­grund. Als ‚Nie Wieder‘ lief, bin ich direkt mit einem Freestyle darauf eingestiegen. Am nächsten Tag standen wir im Wald, um ein Video zu drehen.« Eunique muss lächeln, als sie die Anekdote erzählt. Dass aus einer Handvoll spontaner Videos, in denen es nur um ignorante Bars ging, eine Rapkarriere mit anstehendem Albumdebüt und Joy-Denalane-Feature geworden ist, scheint auch sie gerade erst zu realisieren. Wobei: »Ich bin nie davon ausgegangen, dass ich als Frau keine Anerkennung bekäme«, meint Eunique. Zum Glück, möchte man hinzufügen.

Dieses Feature erschien in JUICE #179 (hier versandkostenfrei bestellen).