Gzuz: »Heute ist vieles nur Augenbrauen­gezupfe.«

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Gzuz-Ebbe-Flut-Presse

Back in Bargteheide. Gzuz tischt Frühstück auf. »Für die Gäste nur das Beste«, sagt er mit einer dreckigen Lache und schmiert sich eine Schrippe. Im Hintergrund wummert der aktuelle Stand von »Ebbe & Flut« aus den Studio-Monitoren. Anderen Menschen würde in dieser Situation wohl das Herz in die Hose rutschen. Es geht hier schließlich um das erste Gzuz-Album. Vor allem aber geht es um einen wohlverdienten Platz für die 187 Strassenbande im deutschen Rap-Business.

Gzuz scheint dieses Geschäft für nicht mehr als eine Manege voller Clowns zu halten – und doch wird auch er wissen, dass es jetzt drauf ankommt. Es geht um eine nachhaltige Perspektive, nicht nur für sich, sondern für die Bande. Straßengeschichten haben dem Endzwanziger bereits zweieinhalb Jahre hinter Gittern beschert, Kollege LX ist gerade erst eingewandert. Und das, obwohl letzterer mit Maxwell jüngst den »Obststand« ausverkaufte, Deutschrap damit den Überraschungserfolg der Saison bescherte und sich selbst eine positive Sozialprognose verschaffte. Nun ist es an Gzuz, nachzuziehen. Wenn Bonez der kühle Kopf der Bande ist, darf man Gzuz das Herz nennen. Doch erhöhter Puls? ­Fehlanzeige. Während Bonez mit Haus-Produzent Jambeatz am Rechner sitzt und Track für Track mit kurzen Kommentaren durchgeht, steht Gzuz an der Wand und performt – für sich. Man sieht ihm an, dass er diese Tracks ernstnimmt. Er konzentriert sich noch einmal merklich auf die persönlichen Passagen des Albums, die in seine Biografie blicken lassen. Seine kompromisslosen Punches bringen ihn an der richtigen Stelle selbstherrlich zum Lächeln. Derweil sorgen die roughen Dancehall-Vibes, die sich immer wieder durch das Album ziehen, bei den Gästen für einen irrealen Zustand zwischen Bewegungsdrang und Schockstarre. Erst als die Ode an den jüngst geshoppten CL500 schließlich mit einer humoristischen Bridge über dessen geldfressenden Antrieb endet, löst sich die Spannung im Raum in schallendes Gelächter auf. So viel zum Thema Gezeiten.

Als Teaser deines Albums hast du das Video »32 Bars« releast, in dem es heißt, du seist jetzt Rapper. Rappen ist für dich also zum Beruf geworden?
Ja, im Prinzip schon. Rap ist meine Haupteinnahmequelle. Ich hatte gestern auch einen langen Tag im Studio und war abends total groggy – wie nach einem richtigen Arbeitstag. (lacht) Was sich heute alles Rapper schimpft, ist eine andere Sache.

 
Wann hast du denn gemerkt, dass da für dich mehr drinsteckt als ein netter Zeitvertreib?
Meine Karriere hat eigentlich um 2008 herum angefangen, da ging es mit 187 los. Wir haben uns damals einfach mit vielen Leuten zusammengetan, die auch Bock auf Graffiti hatten, und haben HipHop zelebriert. Da war ich gerade zwanzig.

Zu der Zeit hast du auch Bonez kennengelernt?
Nein, das war schon 2004, glaube ich. Damals kam er gerade nach einer Zeit in Süddeutschland mit seiner Freundin zurück nach ­Hamburg. Wir haben uns zum ersten Mal auf dem Basketballplatz getroffen.

Hast du Sport damals ernstgenommen?
Ich habe mal kurz im Verein gespielt und mir wurde gesagt, dass da richtig was hätte draus werden können. Aber dann, du weißt, dieses Andere … (lacht)

Dieses Rappen?
Nein, als ich Bonez kennengelernt habe, habe ich noch nicht gerappt. Ich hab damals vor allem viel Scheiße gebaut und bin zu Hause rausgeflogen. Ich war viel allein und habe mit Bonez zum ersten Mal einen richtigen Freund getroffen, bei dem ich gemerkt habe, dass es einen Zusammenhalt gibt. Und so habe ich den ziemlich schnell als meinen großen Bruder akzeptiert.

Hat er dich auch zum Rappen gebracht?
Genau. Bonez hat damals schon gerappt. Am Anfang nannten wir uns eigentlich zusammen Bonez, weil wir so lange, dünne Elendige waren. (lacht) Zu der Zeit waren wir immer zusammen unterwegs, alle haben nur die beiden »Knochen« gesehen. Ich war aber viel zu verkifft damals und dann hat er’s als Bonez erstmal alleine durchgezogen. Als es schließlich bei ihm lief, bin ich wieder dazugekommen, weil ich gemerkt habe, dass da Groupies kommen! (lacht) Bonez ist auch heute noch der Motor von 187. Jeder trägt seinen Teil motiviert bei, aber Bonez ist schon ne richtige Maschine.

Was hast du damals gehört, als du mit dem Rappen angefangen hast?
Fifty.

Sonst nichts?
Ich hatte nicht wirklich Zugang dazu. Ich hatte keine Kohle, um mir CDs zu kaufen, und Internet-affin war ich auch nicht. Aber als mir jemand »Get Rich Or Die Tryin’« [Major-Debüt von 50 Cent; Anm. d. Verf.] gegeben hat, war ich richtig geflasht. Auch die Verpackung und das Drumherum haben mich krass mitgenommen.

Deutscher Rap hat dich also nicht ­interessiert?
Doch, Aggro. Und zu deren Zeit kam dann auch in Hamburg Undergroundscheiß auf, den wir gehört haben. Ich meine, ganz früher gab es natürlich auch schon Straßenrap aus Hamburg, Bacapon und so. Aber ich bin erst später damit eingestiegen.

Als es mit deiner Karriere losging, musstest du erst mal eine Haftstrafe absitzen, richtig?
Genau, 2010 bin ich in Haft gegangen und 2013 erst wieder rausgekommen. In der Zeit hat meine Karriere aber ohne mein Dasein einen riesigen Schub bekommen. Überhaupt hat die Haft zur Bekanntheit von 187 einen großen Teil beigetragen. Als ich rauskam, war ich plötzlich auf einem ganz anderen Level, da musste ich psychisch erst mal nachkommen. Die Haftzeit hat mir schon ­zugesetzt. Ich war auf meinem Gangster-Film, als ich rauskam, und wollte ­schnelles Geld machen. Das habe ich im Knast schließlich jeden Tag gesehen.

Der Knast macht einen krimineller, als man vorher ist?
Ja, viel krimineller! Auch kompromissloser und abgestumpfter. Du lebst dort in einem Mikrokosmos, und wenn du rauskommst, musst du dich geistig erst mal wieder angleichen. Drinnen konnte ich mich nicht darauf vorbereiten, was da kam. Wir sind dann aber direkt getourt, und mir hat das total Spaß gemacht mit den Anderen. Ich habe am Anfang zwar auch verkackt, weil ich teilweise viel zu besoffen war. (lacht) Aber ich habe gemerkt, dass da viel Potenzial drin steckt. Und mit der zweiten Tour zum »High & Hungrig«-Album habe ich wirklich gesehen, was da geht. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst nicht so Internet-aktiv bin, ich habe kein Smartphone und nutze auch privat kein Facebook. Ich komme damit irgendwie nicht zurecht. Also habe ich erst live realisiert, was eigentlich passiert. Und auf der Straße wollten ständig Leute Fotos mit mir machen.

Du hast den 187-Hype im Knast also nicht so recht verfolgen können?
Dazu muss ich auch sagen, dass ich auf St. Pauli großgeworden bin – beim Pauli-­Stadion, dem DOM und der Reeperbahn. Und die U-Haft, in der ich zwanzig Monate gesessen habe, ist auch direkt auf der Ecke. Ich hab sogar meinen Bus vorbeifahren hören, mit dem ich früher jeden Tag gefahren bin. Du hörst das Stadion und drehst durch, Digger! Am 13.11.2011 war das HSV-Pauli-Derby, das St. Pauli gewonnen hat – ich bin ausgerastet! Jedenfalls konnte man auch über die Fenster kommunizieren, und Bonez hat mich immer auf dem Laufenden gehalten. Ein Jahr lang geht das gut, aber nach anderthalb, zwei Jahren bist du so im Knasttrott, dass einfach alles viel zu weit weg ist für dich. Wenn du rauskommst, musst du dann wieder auf die Optik klarkommen.

Im letzten JUICE-Interview hast du auch eine anschließende Therapie erwähnt.
Ja, es gibt zwei Wege im Knast: Entweder du fühlst dich drinnen gut, bleibst sauber und kommst relativ schnell in den offenen Vollzug. Oder aber du machst direkt klar, dass du ein Drogenproblem hast, mit dem auch die Tat zusammenhängt, und dann kannst du einen Teil der Haft durch eine Drogentherapie ersetzen. Und weil ich wusste, dass ich im Knast auch mal rauchen oder negativ auffallen werde, habe ich den Weg gewählt. Drogen haben mich mein ganzes Leben lang schon begleitet, mit 14 habe ich meine erste Entgiftung gemacht.

Wie bist du denn zu Drogen gekommen?
Ach, Diggi, St. Pauli, das geht doch ganz schnell. Mit zwölf oder 13 habe ich zum ersten Mal gekifft und bin gleich drauf backen geblieben. Ich fand das einfach viel zu geil.

Auf dem Album gibt es einen Track namens »Kriminell«. Erinnerst du dich an deine erste Straftat?
Ja, das erste Mal kriminell geworden bin ich im Spielzeugladen vom Mercado [Einkaufszentrum in Hamburg-Altona; Anm. d. Verf.]. Da gab es eine Spielzeugwaffe, die zwanzig Mark gekostet hat, und da ich nur zwölf hatte, habe ich ein Preisschild umgeklebt. Hat sofort geklappt. Ich fand auch immer schon die Bösewichte geiler als die Helden. Die waren nicht so geleckt. Ich bin immer für den Underdog. Wenn jemand schon super krass ist, dann ist es doch langweilig, den selbst auch noch zu feiern.

 
Was war dann als Jugendlicher so ­reizvoll daran, kriminell zu sein?
Ich konnte mich irgendwie damit identifizieren. Und ich fand den Lifestyle geil, dicke Autos und so – das wollte ich auch alles haben. St. Pauli hat sicher einen Teil dazu beigetragen, du kriegst dort jede Menge Action mit. Ich glaube aber auch nicht, dass du zwangsläufig diesen Weg gehen musst, nur weil du an einem bestimmten Ort lebst. Du musst schon Bock auf einen kriminellen Lifestyle haben. Ich habe schließlich auch Kollegen, die neben mir aufgewachsen sind und die studieren. Wenn du aber Bock auf diesen Scheiß hast, dann fällt’s dir auf St. Pauli wohl leichter als im Schwarzwald. (lacht)

Im Refrain des Songs heißt es: »Ihr wollt es.« Wen sprichst du damit an?
Die Leute, die Gesellschaft, wenn man so will. Die wollen das, was ich mache, ja auch irgendwie sehen, oder nicht? Ich hab auch schon ne Polizistin getroffen und ihr angemerkt, dass sie Fan ist. Die hat’s genau gecheckt – »Wir kennen doch Ihre Videos.«