Haftbefehl – Koks, Moos… und die Familie [Titelstory]

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Haftbefehl
 
Es hat eine Weile gedauert, doch im ­November 2014 bekommt Deutschrap ­endlich das Gangsta-Rap-Album, auf das wir seit Jahren warten. Es heißt »­Russisch Roulette« und ist wahrscheinlich der ­künstlerische Höhepunkt im musikalischen Schaffen von Aykut Anhan aka Haftbefehl. Ein Album in Blockbuster-Montur vom ­ersten bis zum letzten Song, bretthart und zugleich selbstreflexiv, mit viel Herz ­und ganz dicken Eiern.
 
Die Stimmung und der Aufbau von »Russisch Roulette« erinnern vor allem an große, düstere Eastcoast-Klassiker à la Mobb Deep und Wu-Tang. Mit all den deutschen ­Straßenrap-Veröffentlichungen, die in den letzten Monaten die Top 10 der Charts bevölkert haben, hat dieses Album nicht viel gemein. Mit »Russisch Roulette« katapultiert sich Haftbefehl endlich ­unwiderruflich in den ­HipHop-Olymp. Folgerichtig haben wir Baba Haft bereits Anfang ­Oktober, als er schon mitten im Promo-Stress für sein viertes, Ende ­November erscheinendes Album steckt, dort besucht, wo er ­herkommt: in ­Offenbach am Main.
 
Langsames Herantasten
 
»Sorry mein Bester, aber Haft schläft noch. Er hatte gestern einen Dreh für Arte, der bis tief in die Nacht ging«, erklärt mir sein ­Manager Erfan Bolourchi. Bolourchi ist ein Musik­industrie-erfahrener Mann. 2007 ­gründete er gemeinsam mit PhreQuincy die Verlagsedition »Curtains Up«, seitdem hat er mit zahlreichen nationalen und ­internationalen Rappern sowie mit großen Firmen wie ­Adidas und sämtlichen Musik-Majors gearbeitet. ­Haftbefehl kennt er nun schon ein paar Jahre. Vor einiger Zeit wurde er schließlich sein Manager und half ihm dabei, einen Szene-intern heiß ­diskutierten Deal bei Universal zu unterschreiben. Jetzt sitzt er neben mir auf dem Rücksitz von Haftbefehls neuem Jaguar-Coupé und spielt mir exklusiv die fertigen »Russisch Roulette«-Songs vor. Vor uns sitzen Lukas, Label-Manager bei Azzlackz, und Aytak, Haftbefehls älterer Bruder. Das düstere »Azzlack Sterben Jung 2« läuft auf der Anlage, während wir in die Innenstadt von Offenbach rollen. Die erste Strophe des Songs erzählt bildhaft aus dem Leben eines Junkies: »Als du die Engelstrompete in den Mund nahmst, war dir da nicht klar, dass du dem Teufel einen lutschst?«
 
Die zweiten 16 Takte wiederum widmet Haftbefehl dem Typen auf der anderen Seite der Drogen-Verwertungskette, auf der auch Aykut Anhan selbst einige Jahre lang stand. ­Während viele Gangsta-Rapper den Handel mit Drogen in Hollywood-Manier zu etwas Glamourösem hochstilisieren, beschreibt Haftbefehl die düstere ­Ausweglosigkeit von Dealer und Junkie niederschmetternd und plakativ. Überhaupt jagen einem einige der Songs auf »Russisch Roulette« kalte Schauer über den Rücken. So pointiert und ­atmos­phärisch wie auf diesem Album hat Aykut Anhan das kriminelle Leben, in das er mit 14 nach dem Tod seines Vaters hineingezogen wurde, bislang nicht porträtiert.
 
Massive, auf möglichst großen Unterhaltungs­wert ausgelegte Banger à la »Chabos wissen wer der Babo ist« schießt Haftbefehl auf seinem mittlerweile vierten Album natürlich weiterhin mit links aus der Hüfte. Man nehme nur die erste Single »Saudi Arabi Money Rich«, wo im Video die Geldgeilheit des Menschen fantasievoll und völlig überkandidelt auf die Spitze getrieben wird, oder einen Song wie »Lass die Affen ausm Zoo«. Auf Stücken wie diesen steht Haftbefehls Talent für Flows und Reimstrukturen im Vordergrund, die so next level sind, dass sie konservative Rap-Fans heillos überfordern. Im Wesentlichen zeichnet sich »Russisch Roulette« jedoch durch die vielen düsteren Songs aus, in denen der Lifestyle eines durchschnittlichen Straßenjungen aus einer zugrunde gewirtschafteten Stadt beschrieben wird.
 

 
Bereits auf seinem Debüt »Azzlack Stereo­typ« vermochte Haftbefehl, die dunklen ­Seiten seines Lebens in ­eindrücklichen Tracks wie »Hass – Schmerz« zu ­kanalisieren. Auf »Kanackis« fand sich dann ein ­bedrückender »Skit« und auf »Blockplatin« das starke »Mann im Spiegel«. Auf »Russisch Roulette« folgen demselben Pfad Stücke wie »Gasherd« (bekannt aus dem ersten Teaser zum Album), »Seele«, »Engel im Herz, Teufel im Kopf« und »Ein Brudi namens Fuffi«, in dem Haftbefehl aus der Perspektive eines Fünfzig-Euro-Scheins unsere kapitalistisch geordnete Gesellschaft dekonstruiert.
»Russisch Roulette« ist so etwas wie das »La Haine« (Titel hierzulande: »Hass«) Deutschlands, ein in schwarz-weiß ­gedrehtes filmisches Kunstwerk, das minutiös den Alltag von Menschen porträtiert, die durch ihre Herkunft von der Gesellschaft in die Ecke gedrängt wurden. Nur ist Haftbefehl eben nicht Regisseur, sondern Musiker. Das macht seine Arbeit selbstverständlich nicht weniger wichtig. Egal, wie offensiv Haftbefehl sich manchmal selbst inszeniert: Dieses Album sollte man kennen, will man die Probleme der jungen Männer aus den deutschen Ghettos verstehen. Vor ein paar Monaten stritt das hiesige Feuilleton darüber, ob der neuen deutschen Literatur deswegen die Relevanz abgehe, weil sie beinahe ausschließlich von ­gesellschaftlich ­Privilegierten verfasst wird. Literarisch im ­klassischen Sinne mögen die Texte auf »­Russisch Roulette« nicht sein. Dennoch ­liefert dieses Album mehr Zündstoff für ­relevante Diskussionen als die meisten der aktuellen Romanveröffentlichungen.
 
Zurück in Offenbach. Für den Moment, 14 Uhr ist es mittlerweile, muss ich weiter warten. ­Gerade sitzen wir in einem modernen ­türkischen Frühstücksrestaurant, gelegen an einer kleinen Einkaufstraße, bedienen uns am Buffet (Menemen, Sucuk, viel Käse) und ­sprechen über Offenbach. »Wenn du hier durch die Stadt läufst, bist du auf jeden Fall der einzige Deutsche«, sagt Aytak. Was sich natürlich nicht ganz bewahrheitet, als wir eine Stunde später durch die Gassen zurück zum Jaguar laufen. Trotzdem ist Offenbach am Main laut Statistik die deutsche Stadt mit dem höchsten Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund: 2011 waren es knapp 54 Prozent.
 
Zudem sieht die Innenstadt an diesem ­grauen, wolkigen Sonntag besonders ­verranzt aus. Nur sehr wenige Menschen sind unterwegs, und die schmuddeligen Gebäude erwecken den Eindruck, in Offenbach sei in den Achtzigern die Zeit stehen geblieben. Auf dem Weg zum Wagen sehen wir zwar keine Dealer und Junkies, dafür aber eine Gruppe männlicher Tagelöhner aus dem Balkan, die an der Straße steht und auf Arbeit wartet. Wenige Minuten später brausen wir mit dem Jaguar raus aus der Stadt. Es wundert sicherlich niemanden, dass Haftbefehl und seine Familie mittlerweile ein paar Kilometer außerhalb ihrer Heimatstadt wohnen.
 
In einem 20.000-Seelen-Städtchen, eine ­halbe Stunde vor Offenbach, treffen wir schließlich Capo vor einem türkischen Imbiss. Dessen Bruder ist immer noch nicht ­aufgetaucht, und so schauen wir an Ort und Stelle einige Male den ersten ­Rohschnitt des Videos zu »Saudi Arabi Money Rich«. Im ­Anschluss machen wir es uns in der Shisha-Bar eines Freundes der Anhan-Söhne ­gemütlich, heißt: Lukas bestellt eine Wasserpfeife, Capo setzt sich an die ­Spielautomaten, Aytak spielt an seiner Gebetskette herum und ich trinke Tee. Die Bar, anfangs noch leer, füllt sich zusehends mit jungen Männern. Fast jeder von ihnen begrüßt zunächst Aytak und reicht dann mir die Hand. Jeder kennt hier jeden, Lukas und ich sind die einzigen Gäste ohne schwarze Haare.
 

 
In der Bar wurden anscheinend früher mal mexikanische Cocktails ausgeschenkt, zumindest lässt die Einrichtung aus Pappmaschee kaum einen anderen Schluss zu. Obwohl ein Automat für Sportwetten, zwei Flachbildfernseher, auf denen Fußball läuft, sowie drei Spielautomaten die einzigen Einrichtungsgegenstände sind und der Raum insgesamt eher kühl wirkt, ist das hier ein guter, ja, ein entspannter Ort. Der schwere Shisha-Rauch macht müde, die Jungs reden über Fußball und über Rapper sowie deren Verbindungen zu Vereinen wie den Hells Angels. Es ist offensichtlich, dass das hier ein in sich sehr abgeschlossener Kosmos ist. Hier kommt keiner hin, den nicht mindestens drei andere der Jungs kennen. Und Frauen offensichtlich eher auch nicht. Aha, diese Parallelgesellschaft, von der die Politiker reden also? Nicht wirklich. Zumindest fremdelt diese Bar nicht mehr mit der Welt da draußen als jede Alt-Berliner Eckkneipe, in der Abend für Abend die zehn gleichen Herrschaften einen über den Durst trinken und jeden Fremden kritisch beäugen, der die heimelige Wohnzimmeratmosphäre des ihnen heiligen Ortes stört. Ich fühle mich hier wohl, obwohl mir Shisha-Bars im Zentrum trister Kleinstädte sehr fremd sind.
 
Um 16 Uhr dann endlich: Haftbefehl ist wach. Auf die Shisha-Bar hat er keine Lust, er möchte nicht unter Menschen. Also steigen wir wieder in den Jaguar und fangen an zu reden.
 
Haftbefehl: Sorry, Ich hoffe du hast dich die letzten Stunden nicht gelangweilt. Ich möchte gerade echt nicht unter Menschen gehen. Können wir einfach eine Runde mit meinem Wagen drehen und uns da drin unterhalten?
 
Natürlich. Was macht das Album?
Damit bin ich jetzt zum Glück seit ein paar ­Tagen durch. Das Ende einer Album­produktion ist natürlich immer krass ­anstrengend. Aber ich fühle mich sehr selbstsicher. Ich habe es endlich geschafft, ein Album zu machen, das genau so klingt, wie ich es mir vorher in meinem Kopf ausgemalt habe. Ich hatte genug Druck im Rücken, wahrscheinlich auch, weil ich jetzt beim Major bin. Bei »Blockplatin« und »Kanackis« habe ich nie hundert Prozent erreicht. Ich war im Studio meistens besoffen und bin auch fast nur nachts dort hingegangen. Jetzt war das ganz anders. Ich trinke auch nicht mehr, wenn ich Musik mache.
 
Den Haftbefehl von früher hat ­dieses bisschen Wahnsinn, das ganze Champagner­trinken, ja irgendwie eine Zeitlang ausgezeichnet.
Meinst du die »Blockplatin«-Zeit? Also, dass ich da so ein verrücktes Album mit so kaputten Songs wie auf der Platin-Seite ­aufgenommen habe? So was wird bei mir nicht mehr vorkommen. Das war ein ­Experiment, viele der Songs habe ich damals einfach in einem Rutsch runtergeschrieben, aufgenommen und fertig gemacht, ohne die Texte ein zweites Mal zu bearbeiten.
 
Wie lange hast du denn bei »Russisch Roulette« an den Texten gesessen?
Ich habe auf dem Album beispielsweise einen Song, der »Ein Brudi namens Fuffi« heißt. Auf dem rappe ich davon, wie dieser Geldschein immer weiterwandert – daran habe ich eine ganze Woche lang gearbeitet. Bei manchen anderen habe ich mir drei, vier Tage Zeit ­genommen, andere wiederum habe ich in einer Nacht oder sogar in einer Stunde geschrieben – ganz unterschiedlich.
 
Mehrere Songs auf deinem neuen Album vermitteln einem sehr gut einen Eindruck davon, wie du dich früher gefühlt haben musst, als du mit Plomben [in Plastik­tüten eingeschweißte Drogen; Anm. d. Verf.] in den Backen am Bahnhof ­standest. Schreiben sich solche persönlichen Stücke leichter oder schwieriger als zum Beispiel »Saudi Arabi Money Rich«?
Das hängt eigentlich immer vom Beat ab und davon, worauf ich gerade Bock habe. ­Manchmal sitze ich auch einfach eine Dreiviertel­stunde lang vor einem ­Instrumental, bevor ich darauf klarkomme. Aber dann geht es zack, und der komplette Text steht ­innerhalb von dreißig Minuten.
 
Dank deines Major-Deals bist du im Grunde weiter weg von deinem ­alten ­Leben als je zuvor. Warum hast du ­gerade jetzt noch mal ein Album ­aufgenommen, das sich so viel mit deiner Zeit als Dealer beschäftigt?
Schon alleine deswegen, weil die Leute damit niemals gerechnet hätten. Die denken doch alle: Der hat jetzt ’nen Major-Deal, der macht bestimmt nur noch so »Blockplatin«-Mucke und geht in den Mainstream. Da dachte ich mir, ich mache genau das Gegenteil: Voll-auf-die-Fresse-Musik.
 
Ich habe das Gefühl, dass du auf »­Russisch Roulette« sehr viel von dir preisgibst.
Das habe ich aber schon immer gemacht. Auf jeden Fall habe ich mehr von mir erzählt als andere Gangsta-Rapper. Nimm nur mal »Mann im Spiegel«.
 

 
Das stimmt. Allerdings hatte ich ­bisher immer das Gefühl, dass Stücke wie »Mann im Spiegel« Ausnahmen waren. Bei »Russisch Roulette« wirkt das ganze Album kaum überzeichnet. Stücke wie »Gasherd« oder »Seele«, der letzte Song auf der Platte, sind für mich das ­Eindrucksvollste, was ich je von dir gehört habe.
Das sind gute Dinger, oder? Ich hatte ja eigentlich vor, »Azzlack Stereotyp 2« zu ­machen. Ich hatte vier, fünf Songs fertig, alle waren mehr oder weniger direkte Nachfolger von »Azzlack Stereotyp«-Songs, und dann hat sich mein Computer plötzlich formatiert. Alle Dateien waren auf einmal weg und ich musste ganz von Neuem anfangen. Dabei entstand dann ein völlig anderes Album. Und irgendwann meinte Erfan zu mir: »Das ist kein ‚Azzlack Stereotyp’«. Und das stimmt auch. Das Album klingt zwar sehr hart, aber der Sound ist trotzdem ein komplett neuer. Ich habe ja sehr viele deepe Dinger auf der Platte. Das ist so, weil ich denke, dass die Leute es feiern, wenn ich Songs wie »Azzlackz sterben jung 2« schreibe. Ich komme bei nachdenklichen Stücken ­immer sehr gut auf den Punkt, glaube ich.
 
Wo du gerade »Azzlackz sterben jung 2« ansprichst: In der ersten Strophe des Songs beschreibst du sehr ­eindrücklich das Leben von Drogenabhängigen. Und im Album-Trailer zeigst du Junkies, ­Dealer und eine echte Crack-­Küche. Warum musste das alles echt sein?
Ich wollte unbedingt mal die Seite von Deutschland zeigen, die man nicht aus dem Internet und dem Fernsehen kennt. Bei den ganzen anderen Rappern sieht alles immer so krass gestellt aus, ich wollte es aber machen wie die Franzosen: Echte Waffen, echte Drogen, echtes Crack. Wir haben Junkies am Bahnhof Geld gegeben, damit wir sie beim Crackrauchen filmen dürfen.
 
Dürfen wir das abdrucken? Junkies Geld zu geben, um sie beim Drogenkonsum filmen zu dürfen, kann sicherlich nicht jeder mit seinem Gewissen vereinbaren.
Natürlich sollte ich darüber wohl eigentlich nicht reden, aber wahrscheinlich sollte ich viele Dinge aus meiner Vergangenheit nicht so detailliert wiedergeben, und ich mache es trotzdem. Was soll’s?
 

 
Als Dealer hattest du mit solchen Leuten zwangsläufig viel direkten Kontakt. Wie nahe kommt man den Junkies in diesem Job? Wie sehr bekommt man mit, wie schlecht es denen geht?
Was soll ich sagen? Eigentlich versucht man immer so gut es geht, Abstand von denen zu halten.
 
Hast du es früher gut hinbekommen, dich von dem Leid dieser Leute ­abzuschirmen?
Ja, auf jeden Fall. Man wird in diesem Job zwangsläufig sehr kaltblütig. Dealer zu sein ist eine sehr stressige Angelegenheit. Du bist andauernd unterwegs, musst immer darauf achten, dass die Bullen dich nicht sehen, und hast dann irgendwann auch gar keinen Bock mehr auf die Leute, die deine Kunden sind. Du wickelst die Geschäfte einfach ab, so schnell du kannst.
 
Wie lange ist diese Zeit mittlerweile eigentlich her?
Ich war, glaube ich, 23, als ich das letzte Mal verkauft habe. Als ich anfing, war ich 14, 15. Ich hörte erst auf, Koks zu ticken, als ich merkte, dass es langsam mit der Musik anläuft.
 
Jetzt bist du 28 Jahre alt, das ist also fünf Jahre her. Musstest du ­darüber nachdenken, wie krass dein ­jetziges ­Leben im Vergleich ist, als ihr euch für diesen Trailer wieder in das ­Drogenumfeld ­begeben habt?
(flüstert) Das ist auf jeden Fall ein riesiger, ein richtig krasser Unterschied.
 
Welcher Mikrokosmos ist ­eigentlich ­moralisch abgefuckter: die ­Musikindustrie oder das Drogengeschäft?
Ich würde behaupten, die HipHop-Szene ist noch hinterhältiger als das Drogen­business. Die Leute in dieser Welt überlegen sich sehr genau, was und über wen sie reden. Die HipHop-Welt hingegen ist eine Hure. Jeder beleidigt jeden – und am Ende machen sie dann doch wieder Fotos miteinander. Deswegen habe ich mich von der Szene in letzter Zeit auch immer mehr distanziert. Eine Zeitlang hatte ich mit sehr vielen Rappern zu tun, ich habe fast jeden von denen ­irgendwann mal kennengelernt. Ich glaube, es gibt keinen erfolgreichen Rapper, mit dem ich nicht irgendwann mal ein Feature hatte. Das ist heute vorbei. Ich überlege mittlerweile sehr viel genauer, mit wem ich mich umgebe, und suche viel häufiger die Ruhe.
 
Bist du also mit deiner Familie aus der Stadt gezogen, um ein ruhigeres Leben zu führen? Hat dir das auch dabei ­geholfen, dieses Album zu schreiben?
Ja. Eigentlich brauche ich schon die Stadt um mich herum, weißte? Aber hier ist es ­entspannter. Ich brauche morgens immer eine Weile, um in die Gänge zu kommen, und finde es einfach anstrengend, wenn ich in Offenbach vormittags auf die Straße gehe und mich direkt Leute erkennen.
 
Wirst du dort mittlerweile von sehr vielen erkannt?
Auf jeden Fall. Wir haben ja gestern ­einen Arte-Dreh gehabt, für den wir auch in ­Offenbach bei einem Rummel waren. Das war verrückt. Irgendwann sprach sich herum: »Haftbefehl ist hier«, und dann saßen wir in dem Auto hier und zig Leute haben gegen die Fensterscheiben geklopft und meinen Namen gerufen. Tack, Tack, Tack, Tack. (gähnt) Ich bin aber niemand, der diese Art von ­Aufmerksamkeit braucht. Es gibt viele ­Rapper, die das mögen, aber ich habe lieber meine Ruhe.
 

 
Um noch mal kurz zu den ­Drogen ­zurückzukommen: In Berlin ist ­momentan zwar Koks sehr präsent, Crack hingegen überhaupt nicht. Hier in ­Offenbach gehört das aber zum Alltag?
Ja, das ist hier schon eine andere Nummer. Am Steindamm in Hamburg gibt es aber anscheinend mittlerweile auch Crack.
 
Wann hast du in deinem Leben deine erste Crack-Küche von innen gesehen?
Mit Crack hatte ich eigentlich nie was zu tun, ich habe immer nur Koks verkauft. Obwohl, einmal habe ich von einem anderen Dealer aus Versehen Crack gekauft und das dann als Koks weitervertickt, ohne es zu wissen. Ansonsten war es bei mir aber immer nur Koks. Als ich das erste mal 100, 200 Gramm gestreckt und weiterverkauft habe, wie alt war ich da? 17, 18? Davor, also mit 15, 16, habe ich immer nur so kleine Tütchen verkauft. Und irgendwann wurde es immer mehr. Ich war nie irgendein Kilo-Ticker, aber irgendwann waren das schon beachtliche Mengen.
 
Ich schätze, wenn man Koks verkauft, hat man die ganze Bandbreite an ­Menschen aus allen Teilen der ­Gesellschaft als Kunden. Was für ­Geschichten hast du in dieser Zeit erlebt?
Ein Kollege von mir ist regelmäßig zu so ­jemandem gefahren, einem Unternehmer, der ein sehr schönes Haus und ein großes Auto hatte – das war also nicht wirklich mein ­Kunde. Dieser Kollege hat ihm das Zeug aber immer nach ­Hause geliefert. Irgendwann fuhr er da mal wieder hin, brachte dem Typen fünf, sechs Plomben, und was machte der Kerl? Er sperrte seine Frau aus der Wohnung und schloss ab, weil er so einen krassen Drogenflash hatte, dass er nicht mit ihr teilen wollte. Er ließ sie im Schlafhemd vor der Tür stehen, und die Frau musste dann sechs Stunden lang mit meinem Kollegen im Koks-Taxi durch die Gegend fahren.
 
Hast du, wenn du solche Geschichten gehört hast, je daran gezweifelt, ob es richtig ist, was du da tust?
Nee, das war einfach Normalität für mich. Wenn du das selber machst, dann ist das irgendwann gar nichts Besonderes mehr für dich. Wenn du jeden Tag jemandem auf die Fresse haust, hinterfragst du das irgendwann auch nicht mehr. Und wenn du jeden Tag lügst, dann passiert das gleiche. Genau so ist es mit dem Koks. Du hast, während du das tust, auch nicht das Gefühl ein Verbrechen zu begehen. Das wird einfach dein Alltag.
 
Wie denkst du heute über die Dinge, die du damals getan hast?
Was soll ich darüber denken? Ich finde das schon scheiße, aber ich hatte damals keine andere Wahl. Das ist eben ein Teil meines Lebens, der mittlerweile aber lange hinter mir liegt.
 
Sein Straßenleben hinter sich zu ­lassen, schafft bei weitem nicht ­jeder. Was glaubst du, war für dich ­ausschlaggebend?
Glück und Talent. Es ist natürlich ­schwierig, aus dem üblichen Ghetto-Kreislauf ­rauszukommen. Deine Freunde stecken ja da drin und deine Familie auch. Das ist einfach dein Leben. Du gehst vor die Tür und bist direkt mitten im Geschehen. Dann hängst du einmal mit den falschen Leuten ab und direkt bist du vergiftet. Wenn du mal Blut geleckt hast, kommst du aus dieser Welt nur schwer wieder raus. Du musst dir vorstellen, dass du, wenn es gut läuft, mit Koks locker mal 2.000 Euro in einer Stunde machst. Einfach, indem du ein Päckchen an der einen Stelle abholst, es dann streckst und wieder woanders ­ablieferst. Du hältst einfach auf dem Weg bei Schlecker an, kaufst Edelweiß [eine Milchzuckersorte; Anm. des Verf.] und haust das da rein. Zack, eine halbe ­Stunde später hast du zwei Millen in der Hand. Wenn du so was einmal gemacht hast, dann willst du es wieder machen. Und wenn du das ­fünfzigmal ­gemacht hast, wie sollst du dann noch für 1.200 Euro im Monat arbeiten gehen? Du stehst einen Monat lang jeden Tag acht ­Stunden hinter dem Band, und das kommt ­dabei raus. Da ist doch klar, dass du nie ­aufhörst. Es sei denn, du machst mit dem durch Drogen angesparten Geld einen Laden auf, bei dem du dann am Tag 500, 600 Euro Kasse machst. Das wäre so ein Weg, aus diesem Kreislauf rauszukommen.
 
Warum hast du aufgehört, Drogen zu verkaufen?
Mittlerweile verdiene ich auf jeden Fall mit Rap mehr Geld als vorher mit dem Verkauf von Drogen.
 
Du hast schon öfter gesagt, dass du in erster Linie rappst, um gutes Geld zu verdienen. Wofür gibst du es aus?
Zum Beispiep für das Auto, in dem wir hier sitzen.
 
Sind dir Statussymbole wichtig?
Na klar. Wenn man die ganze Zeit über Autos und Klunker rappt, dann sollte man sich diese Dinge natürlich auch irgendwann kaufen können.
 

 
Kurzer Zwischenstopp. Mittlerweile fahren wir durch die Innenstadt von Frankfurt. Haft hat Hunger, aber immer noch keine Lust auf fremde Menschen um sich herum. Also halten wir kurz an, und er springt aus den Wagen, um zu McDonald’s zu gehen. Fünf Minuten später kehrt er mit Cheeseburgern für jeden von uns zurück. Bislang haben wir viel über seine Vergangenheit ­gesprochen. Vielleicht habe ich jetzt, mit Fastfood zwischen den Zähnen, die Chance, etwas mehr über den Charakter von Aykut Anhan herauszufinden.
 
Haftbefehl: Ich hätte dich jetzt echt gerne zum Essen eingeladen oder so, aber dieser Dreh gestern hat mich völlig fertig gemacht. Ich hasse es, die ganze Zeit unterwegs zu sein. Videodrehs und Promo-Touren, das ist das Ekelhafteste überhaupt. Ich mag es nicht, unterwegs zu sein, ich bin viel lieber zu Hause. Wenn ich schon reise, dann bitte immer in Richtung Sonne.
 
Noch mal kurz zum Geld: Wofür gibst du das noch so aus?
Auf jeden Fall vor allem, um für die finanzielle Sicherheit meiner Familie zu sorgen.
 
Würdest du dich als hilfsbereiten ­Menschen bezeichnen?
Auf jeden Fall, ich bin kein Egoist.
 
Wäre es als Künstler nicht manchmal von Vorteil, nur auf sich selbst zu achten?
Manchmal wäre das sicherlich von Vorteil, aber mir sind die Leute um mich herum wichtig. Auch wenn ich an einem Album arbeite, wobei man natürlich sehr viel Zeit alleine verbringt, will ich mich immer genug um meine Familie kümmern können.
 
Du hast vor einiger Zeit mal erzählt, dass du in deiner Familie mehr oder weniger die Rolle deines Vaters übernommen hast. Dazu gehört laut deiner Aussagen auch die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dein großer Bruder nicht noch mal ins Gefängnis geht. Ich hab Aytak ja vorhin kennengelernt, deiner Familie scheint es gerade gut zu gehen.
Auf jeden Fall. Aber genau deswegen, vor allem anderen, ist es wichtig, dass ich ­finanziell gut dastehe. Denn wenn ich ihm nicht ­irgendwie helfen könnte, dann würde er auf jeden Fall wieder illegale Sachen machen. Geld ist wichtig, ist halt so.
 
Macht Geld außerdem glücklich?
Was heißt glücklich? Ich bin auf jeden Fall zufrieden.
 
Was macht dich glücklich?
Die Natur, Sonne, Strand, Gesundheit, mit der Familie an einem Tisch zu sitzen, gemeinsam essen. Nee, Geld macht nicht glücklich. Das kann nur die Familie, das ist eigentlich das ­Einzige, was dauerhaft für Glück sorgt. Sich mehr mit seiner Religion auseinanderzusetzen, das ist auch noch so ein Ding. Durch den ­Glauben kann man seinen inneren Frieden ­suchen und auf diesem Weg zum Glück finden.
 
Bist du praktizierender Muslim?
Leider nicht. Aber wenn ich irgendwann damit anfange, muss ich auf jeden Fall mit der Musik aufhören. Ich weiß nicht, wann das sein wird, aber ich finde es geht nicht, dass ich solche Musik mache und mich dann als guten ­Moslem bezeichne. Manche sagen, das sei egal, aber ich kann das nicht mit mir ­vereinbaren, dass ich erst bete und dann im Studio was von Hurensöhnen rappe. Das geht gar nicht, Alder.
 
Macht Musik glücklich?
Höchstens für einen kurzen Moment. Wenn man einen Song fertiggeschrieben hat, dann bekommt man vielleicht mal einen kurzen Flash, aber mehr nicht. Man macht dann ja einfach direkt den nächsten Song. Was meinst du, wie viel Prozent Hühnerfleisch in so einem Chickenburger drinstecken?
 
Keine Ahnung. Sicherlich nicht viel.
Im Fish-Mac steckt nur dreizehn Prozent Fisch, Alder. Aber ey, lass übers Album reden. (grinst)
 
Eine Frage zum Thema Essen noch, bitte: Ist gutes Essen eigentlich etwas, das glücklich macht?
Nein. Obwohl, eigentlich schon. Ich bin ­leidenschaftlicher Esser, und wenn man in einem wirklich guten Restaurant war, dann nach Hause kommt und mit vollem Magen ins Bett fällt, dann ist man auch glücklich – kurz.
 
Wir fahren nun durch ein wohlhabendes ­Viertel am Rande von Frankfurt. ­Haftbefehl zeigt auf eines der sehr großbürgerlich ­aussehenden Häuser.
 
Haftbefehl: Für so etwas brauche ich auch Geld.
 
Wie weit bist du denn noch von deinem eigenen Haus entfernt?
Schon ein Stück. Ich gebe einfach zu viel Geld aus. Ich esse dreimal am Tag außerhalb und lade jeden Tag fünf Leute ein. Und ich kaufe voll viele Klamotten, Alter. Ich leb’ schon krass, ich schmeiße schon häufig Geld zum Fenster raus. Es gab schon Tage, da habe ich zehn Riesen verballert. Aber in ein bis zwei Jahren, wenn ich hoffentlich Gold gehe, kann ich mir für mich und meine Familie so ein Haus kaufen. Es macht mir mittlerweile ja auch gar keinen Spaß mehr, mein Geld für irgendwelchen Kram auszugeben. Es fuckt mich einfach ab, wenn ich wieder mal drei, vier Mille in Klamotten investiert habe, obwohl ich eh einen vollen Kleiderschrank habe.
 
Braucht man als erfolgreicher Rapper Menschen, die einen erden?
Ach, wenn ich Bock habe, Scheiße zu bauen und Kohle zu verprassen, dann höre ich auf niemanden.
War das schon in deiner Jugend so, dass du auf niemanden gehört hast?
Ja, ich wollte immer meine eigenen Fehler machen. Manchmal habe ich aus denen dann gelernt, manchmal auch nicht. Manchmal habe ich Sachen bereut und bin Jahre später doch wieder schwach geworden. Vor knapp einem Jahr habe ich mich zum Beispiel nach langer Zeit mal wieder mit jemandem gehauen.
 
Wann hast du dich das erste Mal in ­deinem Leben geprügelt?
Als Kind habe ich mich öfter gehauen. Wie alt war ich da? So acht, neun? Aber ich war kein Schläger, dazu hatte ich überhaupt nicht ­genügend Kraft. Damals habe ich einen heutigen Freund von mir ins Gesicht geboxt – Hassan, den fetten Bastard – und der hat mich dann richtig vermöbelt. Er war ja auch zwei, drei Jahre älter als ich. Ich musste also ­springen, um überhaupt die Chance zu haben, ihn ins Gesicht zu treffen, und als Antwort schlug er mir richtig einen in die Rübe, Alder.
 
Aber gelernt hast du daraus nichts?
Nee. Als ich 14, 15 war, habe ich mich fast alle zwei Tage gehauen.
 
Warst du da anders als deine Klassen­kameraden oder war das bei euch allen in dem Alter an der Tagesordnung?
Ich war auf jeden Fall ein Problemkind und immer extremer als meine Mitschüler. Aber Schlägereien waren nichts Besonderes in meiner Jugend.
 
Muss man eine harte Kindheit gehabt haben, um als Rapper so viel erzählen zu können wie du?
Ja, auf jeden Fall. Man sollte schon ein ­bisschen was erlebt haben, um in ­seinen ­Texten so Bilder schießen zu können. ­Manchmal sagen mir Leute: »Alter, was hast du da wieder für einen Satz ausgepackt?«. Um das zu können, muss man viel gesehen haben.
 
Also kommen deine eher nachdenklichen Songs direkt aus deiner Erinnerung?
Auf jeden Fall. Manchmal sitze ich aber auch zu Hause und habe keine Inspiration. Dann steige ich einfach ins Auto und fahre eine Runde durch Frankfurt, guck mich am Bahnhof um und blicke auf die Skyline. Das versetzt mich in eine Stimmung, dann höre ich einen Beat, und dann kommen die Ideen. Bei mir geht es eh in erster Linie um die Atmosphäre. Ich bin kein klassischer Rapper. Wie die Stimme auf den Beat passt, die ­Stimmung, das sind Sachen, die mir wichtiger sind als einzelne, krasse Lines. Einfach nur schnell rappen, das war noch nie meins, Alder.
 
Ist es dir wichtig, mit deiner Musik etwas zu hinterlassen?
Das habe ich schon mit meinem ersten Album geschafft. Ich habe in der deutschen HipHop-Szene etwas komplett Neues gemacht, auf das viele aufgesprungen sind. Aber ist mir das wichtig? Ich ziehe in eine Stadt, sehe da nur Spastis und steche automatisch hervor, weißte? So war das immer bei mir, ich war schon immer anders als der Rest. Ich wollte nie das machen, was die anderen machen. Deswegen probiere ich auch mit jeder Platte etwas Neues aus. Ich halte nicht unnötig an einer Sache fest. Und bei der Musik war das genauso. Die deutsche Rap-Szene ist auch Kacke, Alder. Ganz besonders die Gangsta-Rapper. Okay, das letzte Bushido-Album war gut, aber das war auch fast das einzig wirklich krasse Straßenrap-Album in den ­letzten Jahren. Also nicht mal ich habe in dieser Zeit ein gutes Straßenrap-Album gemacht. »Kanackis« und »Blockplatin«, das war nicht Street, das war Mischmasch. »Russisch Roulette«, das ist ein Straßenrap-Album. Da gibt es kein Rumgespiele, da gibt es direkt auf die Nase. Deutscher Streetrap ist aber trotzdem für’n Arsch. (gähnt) ◘
 
Foto: Maxim Rosenbauer
 
Dieses Interview erschien als Titelstory in JUICE #163 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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