Jan Delay & Samy Deluxe [Titelstory]

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Hamburg City rult. Das war schon Ende der 90er Jahre so, als Samy mit Dynamite Deluxe das ­deutsche Rap-Ding in den Diszi­plinen Flows & Skills um ein paar Ebenen nach oben beförderte und Jan mit den ­Beginnern und ihrem genredefinierenden Großwerk »Bambule« mal eben die Blaupause für das vorlegte, was man später den ersten großen Deutschrap-Boom nannte. Das ist auch heute noch so, wenn Samy seine behauptete Vorreiterstellung als derbster Rapper im Land mit einer Tracklist zu belegen vermag, die in ihrer Fülle von »Eimsbush bis 0711« reicht und Jan mit seinem vielschichtigen Flash ein Dauer-Abonnement für die Spitze der Charts abgeschlossen hat – stets mit so viel Swag und Ironie im Subtext, dass nie auch nur im Ansatz der Verdacht aufkommt, er könne keiner »von uns« mehr sein. Und das wird auch weiterhin so bleiben, wenn Samy Deluxe den HipHop-klischeeisierten Begriff von Maskulinität mit dem Album »Männlich« gründlich durchdekliniert und Jan Delay auf seiner neuen Platte »Hammer & Michel« einmal mehr musikalisch klar macht, dass man die Bambul’sche Aufforderung »Rock On« immer schon auf mehr als nur einer Ebene interpretieren konnte. Hamburg City rult. Immer noch. Wer behauptet was anderes…?
 

 
Wie lange kennt ihr beiden euch eigentlich?
SAMY: 1993 habe ich DJ Dynamite kennengelernt, der mit Denyo Basketball ­gespielt hat und Jan bereits vom »Hallo« ­sagen kannte. Wir haben uns damals für 1.000 Mark mühsam den FZ1-Sampler von Casio zusammengespart, der hat 10 Sekunden Sample-Zeit gehabt und gefühlte 100 Kilo gewogen. Und Jan war derjenige, der uns den erklärt hat. Das muss Anfang ’94 ­gewesen sein. Jan und ich haben in Hamburg-­Eppendorf lustigerweise genau nebeneinander gewohnt, seine Straße ging von meiner ab. Von Zimmer zu Zimmer waren das etwa 200 Meter Luftlinie. Trotzdem haben wir uns vor diesem HipHop-Ding nie kennengelernt.
JAN: Ich hab’ den Typen nur manchmal mit seinem Walkman und rappend die Straße entlang laufen sehen.
 
Erinnert ihr euch noch an den ersten Eindruck voneinander?
JAN: Ich dachte sofort: »Dem hau’ ich auf’s Maul, dem Wichser (lacht)!« Nee, ich habe mich gefreut, dass ich jemanden mit ­Kopfhörern auf dem Kopf und Sneakern an den Füßen gesehen habe, weil es so wenige davon gab – schon gar nicht in meiner Hood!
SAMY: Bei mir war das anders, weil ich bereits wusste, wer Jan ist. Die Beginner hatten schon local fame, schließlich hatten die bereits l­egendäre Songs wie »K.E.I.N.E.« und die »Gotting«-EP draußen. Auf meiner ersten HipHop-Jam in Itzehoe, Ende 1992, sind die Beginner auch schon aufgetreten. Jan kannte ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht persönlich.
JAN: Ich habe dich damals aber erkannt und wusste, dass du der Typ bist, der immer ­rappend durch meine Straße läuft (lacht).
 
Wann hast du Samy denn das erste Mal rappen gehört, Jan?
JAN: Das war bei DJ Dynamite im Keller, wo Dynamite Deluxe damals die ersten Sachen aufgenommen haben. Wie ging der Track noch? (fängt an zu rappen) »Funky Jam, und alle gehen ab/(Samy stimmt mit ein) Funky Jam, jede Hüfte schwingt im Takt/Funky Jam, und alle gehen ab/Funky Jam, bis auch den Letzten der Beat packt!« (großes Gelächter)
SAMY: Jan war maßgeblich an unserer ­musikalischen Entwicklung beteiligt. Von ihm haben wir uns immer Feedback geholt. Bis wir 1999 mit Dynamite Deluxe gesignt ­wurden und die Beginner richtig large ­wurden, war Jan ja auch unser Manager.
JAN: Man nannte mich auch den P.Diddy von Eppendorf (lacht).
 
Jan war also eure erste Ansprechperson in sämtlichen Belangen?
SAMY: Ja, genau. Jan war von Anfang an unser Mentor, ohne sich aufzudrängen. Aber das war auch nicht immer ganz einfach.
 
Inwiefern?
SAMY: Jan ist sehr direkt. Wenn wir ihm unsere Demos gezeigt haben, fand er die Beats von Dynamite meistens cool, aber bei den Texten hat er mich manchmal hart ausgebremst. Im Stil von: »Die erste Strophe ist gut, aber die zweite ist komplett scheiße! Das ist das Schlimmste, was ich je gehört habe!«
JAN: Das habe ich so nie gesagt (lacht)!
SAMY: Vielleicht nicht ganz so heftig, aber du hast eben einen sehr schwarzen Humor und deine Kritik gerne mal etwas deftiger verpackt. Aber das war gut, weil ich dadurch kontinuierlich an mir gearbeitet und es geschafft habe, nicht nur gut zu flowen, ­sondern auch inhaltlich Sinn reinzubringen.
 
Erinnert ihr euch noch an euren ersten gemeinsamen Auftritt?
SAMY: Ja, das war in Kiel. Da sind wir im Vorprogramm der Beginner aufgetreten – damals noch als No Nonsense. Das war der letzte Gig unter diesem Namen, bevor wir dann zu Dynamite Deluxe wurden.
 
Das Dynamite-Deluxe-Demo habe ich mir damals direkt bei Eimsbush bestellt und das Geld mit einem frankierten Rückumschlag geschickt. Nach ein paar Wochen kam das Tape dann bei mir an – mit einem handgeschriebenen ­Entschuldigungsbrief von Jan. Es hatte so lange gedauert, weil die Beginner gerade auf Tour waren.
JAN: Geil! Das war wahrscheinlich noch die Zeit, als ich mit Mr. Schnabel in der Emilien­straße zusammengewohnt habe. Mein Zimmer hatte in etwa die Größe von drei Telefonzellen. Da hatte ich ein Hochbett drin und meine ganzen Sampler. Ich habe da drin gewohnt, »Bambule« produziert und das Eimsbush-Tape-Label geleitet!
 
Eimsbush ist damals auch bloß ­entstanden, weil ihr für Dynamite Deluxe kein Plattenlabel gefunden habt, oder?
JAN: Ja. Es gab eben dieses Demo-Tape, und als Manager von Dynamite Deluxe wollte ich natürlich was an den Start bringen (lacht). Wir haben das dann an sämtliche Major-Labels und ein paar Indies geschickt.
SAMY: Der erste Dynamite-Deluxe-Release war ja »Deluxe Stylee« und kam 1997 auf dem Label-Sampler »Plattentellerrand« von Deck8 raus. Die haben uns auch ein Angebot gemacht, aber das war uns zu klein, sodass wir dachten: »Wenn wir eh keine Kohle ­bekommen, dann machen wir das selber.«
JAN: Von den Major-Labels hat sich nur EastWest zurückgemeldet, und da sind wir auch hingegangen.
SAMY: Denen hat bei uns aber ein vermarktbares Image gefehlt. Einen straighten Rap-Act auf einem Major zu veröffentlichen, das war denen vor dem großen HipHop-Boom Ende der 90er wirtschaftlich zu riskant.
JAN: Die Labels wollten das Dynamite-Deluxe-Tape nicht haben, alle unsere Freunde aber schon. Damals waren Mixtapes in New York gerade eine große Sache, also haben wir das genauso gemacht und das Demo-Tape einfach auf Kassette verkauft. Zu Samys 20. Geburtstag im Trockendock (»Hamburgs ­alkohol- und drogenfreies ­Jugendmusikzentrum« (sic!); Anm. d. Verf.) habe ich dann 50 Tapes mitgebracht und alle verkauft ­bekommen. Über Weihnachten 1997 sind wir dann für einen Auftritt auf der MS Stubnitz nach Rostock gefahren, bei dem Bo und ich noch mit Hasskappen Backup für Dynamite Deluxe gemacht haben.
SAMY: Bei dem Auftritt war übrigens schon Marteria im Publikum, der davon wohl noch irgendwelche Walkman-Aufnahmen besitzt, wie er mir mal erzählt hat.
JAN: Da sind wir dann jedenfalls direkt 100 Tapes losgeworden. Und dann hast du mir den Brief geschrieben (lacht).
 

 
Die gute alte Tape-Zeit.
SAMY: Ja, Tape ist super. Für uns war das damals das perfekte Medium, um unserer HipHop-Attitude Ausdruck zu verleihen, nach dem Motto: »Wenn ihr nicht an uns glaubt, dann machen wir es eben selbst.« Und über die Jahre haben wir so mehr als 10.000 Tapes verkauft.
JAN: Ja, auf jeden Fall. Das war noch die geile Eimsbush-Zeit, in der keine Bürokratie ­herrschte. Tape machen, Tape verkaufen, und aus dem Erlös das nächste Tape ­finanzieren oder T-Shirts drucken. Boogie Down eben. Aber sobald du das ­professionalisierst und die ganze ­Angelegenheit in ein deutsches ­Reglement presst – was du ja ­zwangsläufig musst –, steht das Ganze plötzlich auf ­wackeligen Beinen. Es ist natürlich cool, wenn man seinen Homies dadurch Jobs ­verschaffen kann, aber irgendwann macht man das eben nicht mehr nur allein für den Flash, sondern hat Fristen einzuhalten und Pflichten als ­Arbeitgeber zu erfüllen, und das ist nicht geil. Unsere Priorität lag eben immer auf unserer eigenen Musik, und darunter hat das Geschäftliche gelitten. Wenn wir beide richtig Bock auf Business gehabt hätten, dann wären wir mit Eimsbush jetzt immer noch am Start. Aber wir wollten eben vorrangig selbst Künstler sein, und dann geht das nur bis zu einem ­bestimmten Punkt, weil sonst deine Kunst darunter leidet.
 
Ein Bindeglied zwischen euch beiden ist seit jeher Tropf. Wie ist denn die Beziehung zwischen euch dreien?
SAMY: Jan und Kaspar, also Tropf, sind Schulfreunde, die waren in einer Klasse.
JAN: Parallelklasse. Aber wir haben uns schon ein paar Jahre früher ­kennengelernt, mit zwölf etwa, über Tim Beam (ehem. ­Geschäftsführer von Eimsbush ­Entertainment; Anm. d. Verf.).
SAMY: Kaspar war neben Dynamite der erste andere Produzent, den ich kannte. Wir haben uns damals über Jan connectet. Kaspar hat noch bei seinen Eltern gewohnt und dort schon ein kleines Studio-Setup aufgebaut. Zwischen uns entstand sofort ein guter Vibe, weil wir beide krasse Weed-Heads waren – da hatten sich zwei gefunden (lacht). Kaspar hat damals TripHop aufgelegt im Molotow, und ich war regelmäßig da. Ich fand das geil, weil es eigentlich HipHop-Beats ohne Vocals waren. Dazu konnte man super hinterm DJ-Pult auf dem Sofa sitzen, Joints rauchen und ein bisschen rappen. Zu der Zeit haben Jan und Tropf aber musikalisch noch gar nicht zusammengearbeitet, oder?
JAn: Doch, wir haben immer schon Beats gemacht. Und alles, was für Rap-Beats zu musikalisch war, haben wir in unserem ­legendären La-Boom-Projekt verarbeitet.
SAMY: Ab 1996 haben Dynamite und ich dann Tropf als Live-Mischer auf HipHop-Jams mitgenommen, und daraus hat sich dann Dynamite Deluxe entwickelt.
JAN: Heute ist Kaspar mein Produzenten-Partner – wir haben ein gemeinsames Studio, und er mischt die Band und mich auch live. Er ist auf jeden Fall so etwas wie das D von Jan Delay.
 
Spielt ihr beiden euch heute noch Sachen vor und fragt den anderen nach seiner Meinung?
JAN: Um ehrlich zu sein: Wir sehen uns zur Zeit eigentlich nur, wenn wir irgendwo einen gemeinsamen Auftritt haben. Oder einen Interviewtermin. Wir haben noch nicht einmal Zeit dafür gefunden, uns gegenseitig unsere neuen Platten vorzuspielen.
SAMY: Ich habe auch erst durch die JUICE erfahren, dass er Vater geworden ist (lacht).
JAN: Wir sind durch unsere Berufe und ­unsere Familien stark eingebunden. Dazu kommt, dass Sam aufs Land gezogen ist – ­irgendwo an die Grenze vom Kongo, 25 Minuten von Hamburg entfernt (lacht). ­Natürlich ist das scheiße, aber so lange wir Gags ­darüber machen können, ist das schon okay.
SAMY: Wir wohnen eben nicht mehr alle ­zusammen in einem Umkreis von 2 ­Kilometern und können jeden Tag ­gemeinsam Mucke machen. Und wie das dann so ist: Einige dieser ­Musikfreundschaften gehen auseinander, andere halten aber – selbst wenn man sich nicht mehr jeden Tag sieht. Wenn ich Jan treffe, ist es zum Glück noch genauso cool wie immer, wir freuen uns bloß ein bisschen mehr.
 
Samy, bei der Vorbereitung auf dein aktuelles Album hast du dir die Frage gestellt, was genau du von deinem ­Lieblingsrapper hören wollen würdest, und das Ergebnis ist nun »Männlich«. Kannst du mal in Worte fassen, was diese Platte für dich ausmacht?
SAMY: Ich mag Platten, auf denen mir der Rapper etwas über sich selbst erzählt, gleichzeitig aber auch seine verschiedenen Styles präsentiert und auf musikalischer ­Ebene ­Facettenreichtum an den Tag legt, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Diese Ausgewogenheit macht ein gutes Album für mich aus. Biggie und Outkast haben das immer perfekt hingekriegt, und daran habe ich mir ein Beispiel genommen.
 
Als Mann setzt man sich mit dem ­gesellschaftlich vorgegebenen Bild von Männlichkeit vor allem in der Selbstfindungsphase während der Pubertät auseinander. Du bist jetzt 36 Jahre alt – warum war dir dieses Thema nun ein Anliegen?
SAMY: Als wir 18 waren, ging es lediglich ­darum, uns als Künstler zu definieren, nicht als Männer. Wir haben alle rund ums Eimsbush Basement gewohnt und unser jugendliches HipHop-Leben gelebt. Ich bin dann als Erster von uns Vater geworden und habe gemerkt, dass es neben der Musik noch etwas anderes gibt. Dann bin ich auch als Erster von uns rausgezogen und habe einen krassen Kulturschock erlebt. Insofern habe ich mich zwar früh mit einer Facette des Mann-Seins auseinandersetzen müssen, aber trotzdem habe ich mir mit 18 keine großen Gedanken darüber gemacht, was der Begriff »Männlich« für mich bedeutet.
 
Also hattest du etwas nachzuholen, was die Auseinandersetzung damit angeht?
SAMY: Ja, obwohl das nicht die ursprüngliche Motivation war – der Titel kam mir eigentlich erst bei der Arbeit am Album als Schlagwort in den Sinn. Und als ich gemerkt habe, dass ich auch noch seit 18 Jahren auf der Bühne stehe und damit als Rapper zum Mann ­geworden bin, fand ich das spannend und habe versucht, diese thematische Grundidee mit Leben zu füllen.
JAN: Wenn er seine Platte »Männlich« nennt, bin ich aber auch der Erste, der sich darüber kaputtlacht – und das weiß er auch (lacht). Deshalb sage ich dazu nichts. Aber für mich ist Sam auch männlich, ohne dass er seine Platte so nennt.
 
Die Definition von ­»Männlich« ist ja sehr ­komplex, wie du im Song »Mann muss tun« betonst.
SAMY: In dem Song sage ich ja auch: »Leider gibt es mehr Al Bundys als Gandhis/Wer ist der bessere Mann?/Das kommt darauf an, wie du Mann siehst.« Und die Unschärfe des Begriffs zieht sich durch sämtliche Bereiche. Nimm nur mal euer letztes JUICE-Cover mit Kollegah und seiner darauf präsentierten Auffassung von Männlichkeit. Ich finde es cool, dass es das gibt, aber wenn ich meine Platte »Männlich« nenne, ist auch klar, dass das nur wenig mit dem typischen Testosteron-Rap zu tun hat.
JAN: Aber wenn du das ­representen willst, was du ­gerade sagst und was ich sehr cool finde, musst du deine ­Platte eigentlich »Weiblich« nennen.
SAMY: Ich weiß, was du meinst. Deshalb spiele ich auch mit Männlichkeitsklischees und trage in einem Video zum Beispiel eine »Männlich«-Kette in Knallrosa.
 
Auf dem Album selbst kommt diese vielfältige Interpretation des Männlichkeitsbegriffs rüber. Auf DMAX wurde aber auch eine Sendung namens »Männlich Deluxe« ausgestrahlt, in der du dich in erster Linie mit stereotypen Körperbildern auseinandersetzt.
SAMY: Ja, das stimmt. Zum »Dis wo ich herkomm«-Album gab es damals ja auch ein TV-Format, das allerdings im ­Öffentlich-Rechtlichen lief und einen sehr viel ­intellektuelleren Ansatz verfolgt hat. Aber bei DMAX fand ich diese Ausrichtung dann doch etwas passender.
 

 
Jan, einen großen musikalischen ­Einfluss auf dich hat Prince gehabt, der das gängige Bild von Maskulinität oft und gerne gebrochen hat.
JAN: Ja, aber als ich bei einem Schulfreund das erste Mal ein Tape von Michael ­Jackson gehört habe, fand ich den wiederum voll uncool – der war mir viel zu weiblich. Ist doch abgefahren, wie man das als Kind so ­abhandelt (lacht). Aber Prince ist der Derbste!
 
Auf dem Cover von »Purple Rain« beispielsweise präsentiert sich Prince einerseits auf einem dicken Motorrad, einem totalen Männlichkeitssymbol, trägt dabei aber einen lila Anzug und ein Hemd mit Rüschen.
SAMY: Man nimmt sich als Künstler eben die Dinge, mit denen man sein Projekt selbst ­gerne nach außen tragen möchte. Wichtig ist, dass man Titel und Images mit Inhalten füllt. Ich habe Jans Platte zwar noch nicht gehört, aber wenn er jetzt ein Rock-Album macht, muss er mich als Fan musikalisch und inhaltlich erst einmal davon überzeugen, dass er das auch drauf hat. Er muss mir mitteilen können, was für ihn Rock ist. Genauso wie ich den Leuten überzeugend meine Definition von »Männlich« klar machen muss.
JAN: Was Sam nicht weiß, ist, dass ich meine Platte immer erst fertig mache und dann über einen möglichen Titel nachdenke. Bei mir ist der Weg also ein umgekehrter. Plattentitel entstehen bei mir gefühlt immer erst 10 Minuten vor Abgabe.
SAMY: Aber das Rock-Image stand bei dir ja von ­vornherein. Darauf hast du dann alles aufgebaut.
JAN: Scheiß auf’s Image. Ich wollte einfach Rock-Mucke machen.
SAMY: Genau, also stellt man sich in dem Fall eben die Frage: »Was ist Rock-Mucke?« Man stellt einen Oberbegriff zur Debatte, mit dem man sich als Künstler nach draußen begibt, und den man vor der Öffentlichkeit zur Diskussion stellt.
 

 
Daran kann man aber auch scheitern, oder? Jan, wenn ich mich richtig entsinne, hast du eine Schublade, in der unter anderem ein Techno-Projekt begraben liegt.
SAMY: Du hast Techno ­gemacht?
JAN: Electro. Während wir mit dem »Wir Kinder vom Bahnhof Soul«-Album auf Tour waren, habe ich mit Kaspar mal verschiedene Sachen ­ausprobiert – unter anderem haben wir ’n bisschen auf Electro geflasht. Das war erstmal ganz geil, aber als wir uns das nach zwei Wochen wieder angehört haben, klang das doch nur nach zwei HipHop-Typen, die versuchen, Electro zu machen. Und das ist nicht cool.
SAMY: Jeder versucht wohl etwas zu finden, was sich in dem Moment wie eine Form von Wahrheit anfühlt. Wir beide mögen jede Art von Musik – selbst ein Country-Album wäre da vielleicht gar nicht so abwegig, wie manche denken. Trotz all unserer Stil-­Unterschiede sind wir uns nämlich in einer Sache ziemlich ähnlich: Wir machen wenig Kompromisse. Es wird eh immer Leute ­geben, die dein Zeug feiern und andere ­Le­ute, die es haten. Das ist aber nie wichtiger als das, was man selbst machen will.
 
Beschäftigt euch denn der ­Spagat zwischen künstlerischer ­Selbstverwirklichung und Fan-­Erwartungen?
JAN: Diese Erwartungen müssen einem scheißegal sein. Solange ich das richtig ­derbe finde, was ich mache, reicht das. Ich bin da zu mir selbst schon hart genug im Urteil. Wenn es keiner kauft, dann ist das halt so, aber bisher bin ich mit dieser ­Herangehensweise ganz gut durchgekommen.
 
Ihr seid beide schon früh über ­reinen Rap hinausgegangen – ihr habt ­beispielsweise immer schon auf Tracks gesungen. Bei Samy wurde das aber oft kritischer betrachtet. Wieso?
JAN: Das Problem ist, dass Sam viel geiler rappt als ich.
SAMY: (verstellt seine Stimme) »Der soll nur rappen, der Wichser!« (lacht)
JAN: Sam ist einfach der derbste Rapper im Land, da kann jeder scheißen gehen – auch die ganzen Neuen! Und wenn man Fan ist wie ich, dann will man ihn halt rappen hören. Ich selbst kann aber nicht so gut rappen wie er, deswegen nimmt es mir keiner übel, wenn ich singe (lacht).
SAMY: Ich war früher ja selbst ein ­dogmatischer HipHop-Head und habe mir dadurch in meiner späteren Karriere oft selbst widersprochen. Erst durch meinen engen Kontakt zu Jan und Max (Herre; Anm. d. Verf.) habe ich mich musikalisch geöffnet. Beide waren für mich Rap-Vorbilder, die auch andere musikalische Wege gegangen sind. Außerdem habe ich auch durch Samples viel andere Musik entdeckt, gerade was Soul betrifft. Ich habe auf einmal nachgesehen, wer denn eigentlich die Ohio Players sind und mir deren Platten angehört. Und ­irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man eben auch Musik machen will, die in ­anderen Kontexten funktioniert – nicht nur für Baseballkappen-Träger. So etwas wird einem dann von Fans und dogmatischen HipHop-Menschen aber schnell übel genommen.
 
In dem Beginner-Track »Fäule« heißt es ja auch: »Wer HipHop macht, aber nur HipHop hört, betreibt Inzest«. Die Angst vor »anderer« Musik ist aber so alt wie HipHop selbst, oder?
SAMY: Ich glaube, dass sich das ­mittlerweile geändert hat. Wenn du dir die aktuelle Rap-Szene ansiehst, da gibt es alles – von Casper bis MC Fitti, von ganz hart bis Cro. Das ist poppiger, als die Fantas je waren. Aber diejenigen, die jetzt neu sind, dürfen das eben. Wäre Herr Sorge ein Newcomer-Artist gewesen, wäre das womöglich auch besser angekommen.
 

 
Ihr habt euch beide ab einem ­bestimmten Zeitpunkt stärker mit ­Instrumentierungen auseinandergesetzt und einen musikalischen Weg eingeschlagen, der über das reine MC/DJ/Producer-Ding hinausgeht. Wann fing das an?
SAMY: Das war eine fließende Entwicklung. Aber spätestens wenn man beginnt, mit einer Live-Band zu spielen, lernt man, mehr auf Einzelheiten zu hören, und kann dann auch Produzent sein, ohne Instrumente selbst spielen zu können. Als Produzent muss man eine Art Musikbibliothek werden. Wir beide haben einen total breiten Input, aus dem man Sachen herausgreift, sie auseinandernimmt und dann wieder zusammenschmeißt.
 
Welche Rolle nehmt ihr denn bei der Produktion eurer Alben ein?
SAMY: Erst einmal mache ich als HipHop-Produzent Beats, und anschließend lasse ich darauf Instrumente spielen. Die Leute suchen in meinen Booklets ja oft nach anderen ­Produzenten und wollen nicht wahrhaben, dass meine Beats mittlerweile auch ganz gut klingen (lacht). Den Großteil von »Männlich« habe ich produziert, oft aber mit anderen Leuten zusammen. Wenn man sich nämlich zu sehr darauf versteift, alles alleine zu machen, klingt das schnell nach einem Eminem-Album – der ist zwar der beste Rapper der Welt, aber seine Beats sind teilweise einfach nicht geil.
JAN: Wenn ich Ideen im Kopf habe, singe ich die in mein iPhone und archiviere das ordentlich. Wenn dann die Session mit der Band ansteht, schreibe ich die Ideen auf, spiele Beispiel-Songs vor und erkläre, wo ich hin will.
 
Jan, hattest du eigentlich Rock-­Vorbilder, die den Stil der Platte geprägt haben?
SAMY: Du hattest doch eine SMS ­geschrieben: »Mein Rock-Album ist fertig. Und geiler geworden, als das von Bryan Adams (lacht).«
JAN: Das war wie damals mit der Reggae-Platte: Ich flashe einfach auf verschiedene Aspekte einer Musik, und die möchte ich gerne selber alle mal ausprobieren mit meiner geilen Band. Ich habe auch noch viel mehr herumprobiert, als jetzt zu hören ist, aber einiges war einfach scheiße (lacht). Wenn man nämlich so Rock-Riffs mit langsamen HipHop-Grooves verknüpft, dann hat das ganz schnell was von Altherren-Rock auf der Bühne vom Osterstraßenfest in Hamburg.
 
Wenn ihr während einer ­Albumproduktion auch viel ­herumprobiert: Könnt ihr grob ­einschätzen, wie viel Ausschuss bei den ­Aufnahmen so entsteht?
JAN: Bei Sam sind es wahrscheinlich 320 Songs, und bei mir ist es eher ein Text und ein halbes Instrumental (lacht). Nee, also bei mir ist das nicht so viel. Ich probiere verschiedene Texte auf einem Beat aus und andersherum. Und am Ende fliegen vielleicht fünf Beats raus und sieben Texte.
 
Und die sind dann für immer weg oder tauchen die noch mal irgendwo auf?
JAN: Ich hatte einen Text, den ich richtig geil fand, und den habe ich jetzt Slime ­(Hamburger Punkband; Anm. d. Verf.) ­gegeben. Einen Song über Leute mit Fahrradhelm.
 
Kanntest du die Jungs von Slime ­bereits?
JAN: Wir sind einmal mit denen zusammen in Hamburg aufgetreten, auf Kampnagel.Aber jetzt kam das ganz anders zustande: Ich war im Urlaub und habe das Buch »Slime: Deutschland muss sterben« gelesen – das hat mich großartig unterhalten! Darin ­schreiben sie, dass sie eigentlich mal wieder mit ’nem eigenen Album kommen müssten, aber keine Texte schreiben könnten. Da dachte ich, dass ich das eigentlich mal müsste. Als ich wieder zuhause war, kam dann von Dirk »Dicken«, dem Sänger, auf einmal ’ne Mail, ob ich nicht Bock hätte für sie zu schreiben. Dann bat ich ihm ­»Fahrradhelm« an. Er fand die Geschichte geil. Und mittlerweile habe ich ein Demo von dem Song gekriegt. Und das finde ich geil.
 
Auf euren Alben widmet ihr euch beide dem Thema Liebe, allerdings von ­komplett unterschiedlichen Seiten: Jans Song trägt den Titel »Liebe«, Sams Stück heißt »Keine Liebe«. (Beide fangen lauthals an zu lachen.)
SAMY: Geil – dabei haben wir eigentlich voll viel gemeinsam! In meinem Fall ist der Track ganz zufällig bei einer Studio-Session mit Brixx entstanden.
 
Von Brixx hat man ja seit Ewigkeiten nichts mehr gehört, von ihrem Feature auf deinem »Perlen vor die Säue«-­Mixtape einmal abgesehen. Dabei hat die 1999 auf ihrem Debütalbum »Everything Happens For A Reason« ­bereits mit Leuten wie Mos Def, Talib Kweli und Bahamadia kollaboriert.
SAMY: Brixx ist eine super Frau. Unsere KunstWerkStadt ist ja so eine kleine Hippie-Kommune, in der jeder sein Ding macht. Brixx legt da viel auf und macht die ganze Zeit Beats auf ihrem Computer. Mittlerweile kenne ich viele Leute, die sagen: »Klar, lass uns ins Studio gehen. Morgen früh, nachdem ich die Kids zur Schule gebracht habe«, und dann arbeitet man mit denen bis um vier Uhr nachmittags. Das ist natürlich auch cool, aber seit mein Sohn weggezogen ist, ist mein Leben wieder viel mehr Rock’n’Roll: jeden Tag bis zehn Uhr morgens wach, ständig am Musik machen. Da mag ich natürlich Leute um mich herum haben, die da mithalten können. Und Brixx ist auf jeden Fall »one of the boys« (lacht).
 
Jan, in dem Track »Nicht eingeladen« erzählst du von Leuten, die du nicht auf deiner Party haben willst. Von wem willst du dich denn da abgrenzen, wo sich deine Musik doch mittlerweile durch etliche Musikstile und gesellschaftliche Schichten zieht?
JAN: Das ist nur lustig gemeint und an niemand Speziellen adressiert. Da soll jeder hineininterpretieren, was er mag. Ganz im Sinne der alten Elton-John-Schule: Wenn du ein Liebeslied schreibst, sag’ nie »he« oder »she«, sondern lass das offen.
SAMY: So wie Frank Ocean. Die geilsten Lieder sind am Ende ja eh die, in denen man sich über etwas auskotzt und das smart ausformuliert.
 
Jan, du verpackst so was ja auch gerne in ein Bild wie auf dem Stück »Dicke Kinder«.
SAMY: Was ist das für ein Song?
JAN: Das ist ein Song über das hier (zeigt auf eine Pizzaschachtel) und nicht das, was ich vorhin in der Hand hatte (rohe rote Paprika; Anm. d. Verf.). Ich wollte gerne einen Song machen, der sich mit Ernährung ­auseinandersetzt. Für ein solches Thema braucht man aber einen geilen ­Aufhänger, sonst funktioniert das nicht. Da kam mir der Punkrock-Slogan »Zu viele dicke Kinder« wieder in den Sinn, der in den 80er Jahren von einem Underground-Kreativen in Schreibschrift an die Wände Hamburgs ­gemalt wurde. Und als mir dann die Zeile einfiel »Kevin und die Sandy und die Mama und der Papa/die machen alle viel und gerne Happa Happa«, da wusste ich, dass das funktionieren kann.
 
Vor zwei Jahren ist eine Jan-Delay-­Biografie erschienen. Du hast damals zum Boykott aufgerufen, weil die nicht von dir autorisiert war.
JAN: Ja, das sind diese Dinger, die es am Bahnhofskiosk auch von Shakira und ­Eminem gibt. Die schreibt irgend so ein Typ mit zusammengegoogelten Infos und verschachert die dann mit freien Pressefotos an irgendeinen Verlag. Der hat mich auch nach einem Interview gefragt, aber das habe ich natürlich dankend abgelehnt.
SAMY: Kann man das nicht verbieten lassen?
JAN: Nee, habe ich versucht, aber der kann das einfach so machen.
 
Hast du das Buch gelesen?
JAN: Nee, nee.
SAMY: Wie geil, dass es ein Buch über dich gibt und du das nicht gelesen hast (lacht). Aber ich lese auch nichts mehr über mich, sonst müsste man sich ja auch jede ­Plattenkritik geben und jeden scheiß ­Facebook- oder YouTube-Kommentar. Ich lese mittlerweile nicht mal mehr Interviews oder Artikel über mich. Vielleicht das in der JUICE noch mal, weil da auch wichtig ist, ob man irgendetwas gesagt hat, was einem anderen Rapper nicht gefallen könnte.
 
Wird es eigentlich noch mal ein ­Dynamite-Deluxe-Album geben?
SAMY: Gerade geht da nichts. Ich will nicht sagen, dass nie wieder etwas passiert, aber wir haben uns alle so lange nicht gesehen, dass sich da einfach gar nichts ergeben konnte. Mit Afrob hab’ ich da schon mehr zu tun, deswegen kommt ab und zu zumindest mal so ein kurzer ASD-Flash auf.
 
Und die obligatorische Beginner-Frage zum Schluss: Passiert da in diesem Jahr noch etwas?
JAN: Wir stylen auf jeden Fall, aber 2014 kommt sicher nichts mehr raus. Der Flash wäre aber, wenn Mad und Denyo beide ­mitkommen würden auf Tour – das müssen wir aber erst noch sehen. Wir sind eben keine 16 mehr, haben alle auch andere ­Verpflichtungen und deshalb ist das nicht mehr ganz so easy wie früher. Und wir haben nun mal keinen Bock, nur eine Platte der Platte wegen zu machen. Wenn wir ein Album machen, dann muss das auch der Shit werden. ◘
 
Text: Wenzel Burmeier & Daniel Schieferdecker
Foto: Paul Ripke
 
Dieses Interview erschien als Titelstory in JUICE #158 (hier versandkostenfrei nachbestellen).
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