Kalim – Odyssee 579 // Review

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(Alles Oder Nix/Groove Attack)

Die Odyssee währt gut 2.400 Sekunden. Trotzdem vergehen nur ungefähr 300, bis Kalim das versprochene »Echtheitszertifikat« in doppelter Hinsicht vorgelegt hat: »Hatte eine 9mm, da rappte ich noch auf Beats von Pete Rock«, heißt es in »Ja, immer«. So liefert Kalim einerseits Einblicke in seine HipHop-Sozialisation, andererseits in das Leben als jugendlicher Intensivtäter am Hamburger Stadtrand – dort, im Osten der Elbmetropole, wo jeder zweite im Viertel einen Migrationshintergrund hat; wo das Märchen vom sozialen Aufstieg niemand mehr hören kann; wo die Shisha mit Wassermelonengeschmack den Kurzurlaub in sonnigere Gefilde ersetzt; und wo weder vom Glanz der Weltstadt Hamburg, noch vom verruchten Charme ihrer sündigen Meile etwas zu spüren ist. Nein, Billstedt ist sicher nicht die Southside von Chicago, aber wer hier aufwächst, der erlebt schon in jungen Jahren genügend Scheiße, um mit seinen Anekdoten ganze Bücher füllen zu können. Kalim, dessen Name im Arabischen Dozent bedeutet, referierte bislang zumeist auf drückendem Neo-G-Funk. Das klang stilsicher, passierte die AON-Quali­tätskontrolle mit Bestnoten und spielte auf Anhieb in der Straßenrap-Bundesliga ganz oben mit. Folglich wären weder Fans, Label noch Kritiker Kalim böse gewesen, wenn der Nachfolger zu »Sechs Kronen« sich primär am Erfolgsrezept des 2014 veröffentlichten Mixtapes orientiert hätte. Statt jedoch den Status quo zu verwalten, entwickelt »Odyssee 579« gleich zu Beginn eine Sogwirkung, die den Hörer unverzüglich am Nacken packt und nicht mehr loslässt. »Fick Rap, das war nur mein Plan B/Eigentlich mach ich Cash durch H.A.Z.E.«, verteufelt Kalim HipHop schon im Intro als zweiten Bildungsweg. Später wird er diese Aussage relativieren und sagen, dass die Musik ihn rechtleiten konnte. Dass hier jemand genauso viel Lebenszeit ins Reimeschreiben wie in den Verkauf von Narkotika investiert hat, hört man in jeder Sekunde. Öde klingt das trotzdem nie, obwohl man meinen möchte, dass Crackrap als Genre längst durchge­spielt wäre – bedenkt man, wie viel Musik seit »Only Built 4 Cuban Linx« über das Leben als Drogendealer entstanden ist. Kalims Hood-Report überzeugt dabei durch unmittelbares, ungeschöntes Storytelling und diese wunderbare Stringenz, mit der oftmals gerade jene Alben glänzen, bei denen ein federführender Produzent seine Soundvision umsetzen durfte. David Crates gelingt dies auf »Odyssee 579«, indem er die Zeitlosigkeit von »Sechs Kronen« durch progressivere Drumsounds ersetzt und mit schaurig-verschrobenen Samples paart, die Kalims Mord- und Rachegelüste noch kompromissloser Wirken lassen. Gleichzeitig verstehen es die beiden Protagonisten, in den richtigen Momenten den Fuß vom Gas zu nehmen – Trettmann auf »Playlist« und Chefket auf »Odysee Freestyl’« sorgen als Vocal-Features für in gleichen Teilen besonnene wie besondere Momente – speziell, wenn Kalim seinem vor zwei Jahren verstorbenen Freund Faruk gedenkt. Nur »Nougapreise«, mit Parts von Ssio und Xatar das Alles-oder-Nix-Familien­treffen der Platte, greift das bewährte Rezept aus Staubsnares und Sprücheklopferei auf. Die große Stärke von Kalims Debüt bleibt trotzdem seine Stringenz – in Zeiten, wo Einflüsse aus Frankreich und den Südstaaten hiesigen Straßenrap melodiegetriebener und Hit-fixierter denn je gemacht haben, fast ein Anachronismus. Ohne Partymomente und Auto-Tune-Passagen überzeugt »Odyssee 579« mit einer Dringlichkeit, die 2016 im deutschen Straßenrap bislang einzigartig ist.

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