Kings Of HipHop: Eric B. & Rakim

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»My Favorite Things« war einmal ein seichter Showtune, ein beliebtes Stück aus dem Broadway-Musical »The Sound of Music«, das erst zum Pop- und dann zum Weihnachtsstandard wurde. 1961 spielt der Saxofonist John Coltrane seine Interpretation von »My Favorite Things« ein, mit fast 14 Minuten nicht nur eines der frühen wichtigen Stücke des modalen Jazz, sondern auch ein kommerzieller Durchbruch für Coltrane selbst und die Verwendung des Sopransaxofons im Jazz. Warum das hier steht, fragt ihr euch gerade? Diese Aufnahme von »My Favorite Things«, ein Wendepunkt für Form, Stil und Instrumentierung des ­modernen Jazz, ist bezeichnenderweise das Lieblingslied des Mannes, der 25 Jahre später das einläutete, was heute als die Goldene Ära des Rap bezeichnet wird: Die Rede ist von William Michael Griffin Jr., besser bekannt als Rakim. Aber beginnen wir mit Eric B.
 
Ohne Eric Barrier hätte die Welt womöglich nie von Rakim ­Notiz ­genommen. 1965 in Queens ­geboren, spielt der großgewachsene Eric in der High School Trompete und Schlagzeug, verfällt aber wie so viele New Yorker Jugendliche der HipHop-Welle, die aus der Stadt nicht mehr wegzudenken ist. Er legt sich Plattenspieler zu, spielt ­Musik, wo man ihn lässt, und landet als DJ Eric B. beim ­Radiosender WBLS, wo Mr. Magic und DJ Marley Marl mit »Rap Attack« eine der wichtigsten Rap-Radioshows der Stadt hosten. Eric legt bei Off-Air-Events des ­Senders auf, knüpft Kontakte und entwickelt immer ­konkretere Ambitionen, ins Rapgeschäft ­einzusteigen. Fehlen nur zwei Dinge: ein Rapper sowie einer der entscheidenden Zufälle der Musikgeschichte. Denn als Eric irgendwann im Jahr 1985 mit Alvin Toney, einem befreundeten Partyveranstalter, in Long Island unterwegs ist, möchte der ihm eigentlich den raubeinigen Freddie Foxxx vorstellen. Nur ist der gerade nicht zu Hause. Wie das Schicksal so spielt, kennt Alvin einen weiteren Rapper aus seinem Football-Team. Der sei auch nice, mit seinem ­entspannten, ruhigen Style. Und der ist zu Hause.
 

 
Rakim kommt im Januar 1968 als William Michael Griffin Jr. in Wyandanch, Long Island, zur Welt. Im Haus seiner Eltern ist Musik allgegenwärtig: Jazz, R’n’B, Pop, Opern. Seine Brüder spielen Instrumente, seine Schwestern und seine Mutter singen, seine Tante ist gar die »Queen of R’n’B« Ruth Brown, die in den Fünfzigern eine Reihe großer Hits auf Atlantic Records hat. Sein großer Bruder Ronnie bringt den jungen ­William um 1978 mit Rap in Berührung, und der ist Feuer und Flamme für die frische, disziplinübergreifende Kultur: Er beginnt zu rappen und zu breakdancen, sprayt ein wenig Graffiti und bekommt später sein eigenes DJ-Setup. Der Junge, der sich zunächst Kid Wizard nennt, darf sich glücklich schätzen über die Unterstützung seiner Eltern, die von Anfang an verstehen, wie wichtig ihm diese Ausdrucksform ist. Bald werden Crews aus Long Island auf ihn aufmerksam. ­Währenddessen hört William nie auf, sich mit Jazz zu beschäftigen, er spielt Saxofon und zählt John Coltrane und Charlie Parker stets zu seinen großen Einflüssen. Wann immer er kann, fährt er von Long Island zu ­Verwandten nach Brooklyn, um unmittelbar die HipHop-Szene innerhalb der Five Boroughs zu erleben. Der Wunsch, als Junge aus der Vorstadt Teil dieses urbanen Movements zu sein, treibt William an, wenngleich es nicht unbedingt als Karriereoption taugt. Denn einerseits taucht Kid Wizard mit dem jungen Beatboxer-Schrägstrich-Rapper Biz Markie auf Bühnen auf (online findet man das Zeitdokument »Wyandanch High School Jam«, das von 1983 stammen dürfte) und stellt ein Demotape fertig, das er fortan nur noch auf den Tisch legen muss, wenn jemand ihm irgendetwas über Rapskills erzählen möchte. Andererseits liebäugelt William jedoch auch immer stärker mit einer Laufbahn als Profi-Footballspieler – leider ohne amtliches Quarterback-Format zu erreichen.
 
William Jr., der kurz zuvor, inspiriert von den Lehren der Nation of Islam, den Namen Rakim Allah angenommen hat, ist über den ­unangemeldeten Besuch und den ­unbekannten Eric im Pelzmantel etwas ­ungehalten. Erst als Alvin erzählt, dass Eric einen guten Draht zu Mr. Magic und Marley Marl hat, öffnet sich die Türe zögerlich, und Eric B. berichtet seinem skeptischen Gegenüber, eine Platte aufnehmen zu wollen. Sie sitzen also im Keller des Einfamilienhauses, und Rakim tut das, was er in so einer ­Situation immer tut: Er legt sein Demotape ein, lehnt sich zurück und lässt Eric hören, was für ein mächtiges Repertoire an Reimen und Routines er hat. Eric ist in Anbetracht der ­Beweislage ­sicher, den richtigen MC für sein Projekt gefunden zu haben. Der hat auch Lust, schreckt aber vor den ganzen Konsequenzen, Verträgen und Verpflichtungen zurück. Nach längerer Bedenkzeit kommt Eric mit dem vordergründig simplen Vorschlag um die Ecke, Rakim solle doch einfach als Gastkünstler mitmachen, da müsse er keinen Vertrag unter­schreiben. Rakim schlägt ein.
 
Thinking of a master plan
 
Die ersten zwei Songs von ­Rakim und Eric entstehen ­Anfang 1986 bei Marley Marl, der sich mit Eric eine Wohnung in Queensbridge teilt. Rakim und Eric haben einen Stapel Platten bei sich und wissen schon genau, aus welchen Elementen von James Brown, Keni Burke und Fonda Rae sie ihre Musik zusammensetzen wollen. In Rakims Zimmer haben sie sich all das zurechtgelegt – auch dank Rakims Bruder Steve, der in einem Bootleg-Presswerk ­arbeitet und auf alle ­vorstellbare Musik zugreifen kann. Marley Marl ­besitzt einen Vierspur-­Recorder, ein ­einfaches Sampler-Setup und ein Keyboard, und setzt die Ideen in die Tat um – was später immer wieder Anlass zu ­Diskussionen gibt, da Marl sich als ­Produzent der Sessions sieht, in den Credits aber nur als Engineer auftaucht – als ­Techniker also, nicht als Kreativer. Laut Marley Marl entstehen in nur einer Woche »Make The Music With Your Mouth Biz« von Biz Markie und »The Bridge« von Marls Cousin MC Shan; zwei Stücke, über die sich problemlos Seiten füllen ließen. Aber was unter dem Namen Eric B. featuring Rakim als »Eric B. Is President« und »My Melody« erscheint, führt zu einem Erdrutsch von ganz anderen Ausmaßen.
 

 
1986 ist Rap auf lyrischer Ebene immer noch eher simpel aufgestellt. Stars der Stunde wie Run DMC, LL Cool J oder die Beastie Boys haben verstanden, wie wichtig Delivery ist, und machen erst mal nichts anderes: laut in-your-face gerappte Zeilen, klar ­strukturiert, in gleichbleibendem Versmaß und mit vorhersehbaren Reimstrukturen. Blockparty und Schulhof stecken eben tief in der DNA des Genres. Aus heutiger Sicht ist kaum vorstellbar, wie revolutionär da der Battle-Rap-Entwurf des gerade 18-jährigen Rakim gewirkt haben muss mit seiner flexiblen Metrik, all den Binnenreimen, Metaphern und Sätzen, die nicht mehr zwingend mit dem Takt enden müssen. Die zurückgelehnte Vortragsweise, der bedrohlich ruhige Duktus tut sein Übriges. Hier ist plötzlich jemand mit dem Selbstverständnis, sein rappendes ­Gegenüber zerlegen zu können, ohne vom Sofa aufzustehen. Was fast bildlich ­aufgefasst werden kann, denn seine ersten Takes rappt Rakim wirklich sitzend in Marley Marls so prägnant verzerrendes Mikrofon, bis der ihn bittet aufzustehen und das Ganze noch mal mit mehr Druck zu machen. Mehr Druck? Rakim Allah will das genau so.
 
Ganz aus dem Nichts holt Rakim all das natürlich nicht. Sein Ansatz ist so wohlüberlegt wie die resultierenden Lines. Er will ­intellektuell und grimmig sein wie Kool Moe Dee, unterhaltsam wie Grandmaster Caz, und zugleich möchte er politisch sein; ein Straßenpoet wie Melle Mel. Diese Eigenschaften seiner Idole vermengt er mit einem Flow-Verständnis, das er dem Jazz zu ­verdanken hat, Thelonious Monk, Charlie Parker und eben John Coltrane, die auch bewusst mit formalen Regeln ­gebrochen haben. Was aber alles graue Theorie bliebe, wenn nicht »Eric B. Is President«/»My ­Melody« auf dem Indielabel Zakia Records zum Überraschungserfolg des New Yorker Sommers 1986 geworden wäre. Die Single wird von Radiogrößen wie Red Alert ebenso gefeiert wie in den Clubs und erreicht die Top 50 der Billboard R’n’B/HipHop-Charts. Auch ein kleines juristisches ­Scharmützel mit James Brown bleibt nicht aus, der 1986 noch nichts von seinem dritten Frühling als unfreiwilliger Lieblingsonkel der ­Newschool-Samplingkunst ahnt. Die ­Resonanz überzeugt Rakim davon, sich doch ernsthaft auf die Musik einzulassen. Für ihr erstes Album landen Eric B. & Rakim – jetzt als Duo – bei 4th & B’way, einem Sublabel von Island Records, und lassen sich für die kommenden Jahre von Russell Simmons und Rush Management ­vertreten. Zwar wird in den renommierten Power Play Studios aufgenommen statt bei Marley Marl, die Vorgehensweise ist aber ähnlich: Die jungen Studioprofis Patrick Adams und Elai Tubo bedienen einen schon deutlich ­leistungsfähigeren Sampler und ­programmieren Drums, Ra und Eric bringen Ideen und Platten mit, die Texte ­bestehen teilweise aus alten, erprobten Zeilen, werden erst im Studio zu Papier gebracht und sofort eingerappt. Irrsinnigerweise dauert es gerade mal eine Woche, bis auf diese Weise ein Album entsteht, das alle Versprechen einlöst. Am 7. Juli 1987 erscheint »Paid In Full«. HipHop hat eine neue Stunde Null.
 
I hold the microphone like a grudge
 
Dabei ist »Paid In Full« alles andere als makel­los. Wie schon auf der Single sind die Arrangements und Songstrukturen ­manchmal etwas wirr, die Strophen ­unterschiedlich lang, dieser Scratch-Part ziellos, jener Effekt übertrieben. Von zehn Stücken gerade ­einmal fünf neue Songs mit Lyrics. Aber solche Kritik greift einfach nicht, wenn sie auf ein derart bahnbrechendes Werk zielt. »Paid In Full« ist die Antithese zu einer Ära gerader, Drummachine-basierter Beats; das Gegenteil von Run-DMC; der ­bittere Ernst zum Comedy-Unfug der Fat Boys. Rakim stanzt eindringliche ­Pamphlete in die Luft, jeder Satz ein Slogan, jede Strophe einer ­Analyse würdig. MCing ist kein Partyspaß mehr, und selbst wenn es ums Feiern geht, dann in sorgsam ­konstruierter Lyrik voller Referenzen, ­intellektueller Fingerübungen, Five-­Percenter-Wisdom. Gleichzeitig ist »Paid In Full« in seinen besten Momenten purer Groove und öffnet die Tür zur ­Wiederentdeckung von Funk und Soul als organische Basis der nächsten ­Generation von Rapmusik mit fünf, acht, zehn Samples pro Beat. Während Rap noch spielerisch versucht, einen Hügel zu erklimmen, ist »Paid In Full« im Kosmos.
 

 
Das Album klettert bis auf Platz 58 der Billboard Pop-Charts und wird später für eine Million in den USA verkaufter ­Exemplare mit Platin ­ausgezeichnet. Vier Singles ­folgen: das ­monumentale »I Ain’t No Joke«, der ­Tanzflächenfüller »I Know You Got Soul« sowie »Move The Crowd« und »Paid In Full«. Eric B. & Rakim genießen ihren Ruhm, begleiten LL Cool J und Public Enemy auf der Def Jam Tour nach Europa, und Chuck D gibt gern zu Protokoll, was für eine Tragweite diese Zeit hatte: »Rebel Without A Pause« sollte nicht weniger werden als der böse Zwilling von »I Know You Got Soul«. All das zahlt sich aus. Eric und Rakim schließen mit MCA Records den ersten Major-Millionendeal der HipHop-Geschichte ab, kaufen sich einen weinroten Rolls Royce (Erics allererstes Auto) und einen weißen Benz (den der MC mit einem Louis-Vuitton-Dach ausstatten lässt). Nur 13 Monate nach dem Debütalbum erscheint im August 1988 »Follow The Leader«.
 
So unwahrscheinlich es auch scheint: Diese kurze und ereignisreiche Zeit reicht nicht nur für ein passables Zweitwerk aus. Nein, wenn »Paid In Full« die Entdeckung des ­Schießpulvers war, ist »Follow The Leader« ein ausgewachsener Atomsprengkopf. Angefangen mit dem ikonischen Cover, das das Duo in noch weitaus ­extravaganteren Anzügen auf der Haube von Erics Rolls in die Ferne blickend zeigt, über das ­bedrohliche Eröffnungs-Triple aus dem Titelstück, ­»Microphone Fiend« und »Lyrics Of Fury«, kommt es Rakim und Eric gar nicht in den Sinn, irgendwen da draußen aufholen zu lassen. So ­wirklich anders machen sie dabei nichts, aber sie tun alles filigraner, ausgefeilter und zorniger, sie untermauern den Umsturz des Vorjahres mit schlüssig ­begründetem ­Führungsanspruch. Leider sagen die Credits wieder wenig über die ­tatsächliche Arbeitsteilung, ein ­Umstand, den man auch als schönes Mysterium ­romantisieren könnte, wäre man nicht ­ausreichend neugierig. Die meisten ­Produktionen werden vermutlich wieder von Patrick Adams mit Eric und Rakim umgesetzt. Letzterer nimmt gerne für sich in ­Anspruch, den Großteil der ersten Alben produziert zu haben, was Adams als ­ausführenden Maschinisten miteinschließen dürfte. Zwei Beats sollen von dem Mann kommen, der von »The 900 Number« bis »Hard Knock Life« alle erdenklichen Klassiker geschraubt hat und heute ein wundervoll bizarres Youtube-Kleinod moderiert: DJ Mark The 45 King sagt, er habe »Microphone ­Fiend« produziert (ursprünglich für Fab 5 Freddy) und auch an »The R« gearbeitet. Offiziell erwähnt wird er nur bei Remix-Versionen.
 
The fiend of a rhyme on the mic
 
Es ist also 1988, und der 20-jährige Rakim ist der beste Rapper der Welt. Der God MC. So allmählich werden aber auch Dinge über die Dynamik innerhalb des Duos klarer. ­Rakim sieht sich berechtigterweise als der kreative Kopf, hat aber wenig Lust auf die Business-Seite der Dinge, die Eric mehr zu liegen scheint. Wenn Rakims Aussage ­zutrifft, dass die Scratches auf »Musical Massacre« von ihm selbst stammen, ist er ganz nebenbei auch der ­bessere DJ. So gern Rakim aber in seinen Texten über sich spricht, so oft schwänzt er in dieser Phase schon Interviews – das ­Gebaren des vielleicht letzten Rappers, der nie ein anderes Image brauchte als das des ­besten Rappers. William und Eric waren nie ­Sandkastenbuddies, nie beste Freunde. Wie schon 1987 über öffentliche Streitigkeiten der beiden berichtet wird, wie ­demonstrativ sie mit ihrer ­jeweils eigenen Entourage durch New York rollen, unterstreicht den Eindruck einer Zweckbeziehung, die durch den Erfolg zusammengehalten wird. »Follow The Leader« erreicht einen beeindruckenden Platz 22 der Albumcharts, liefert vier Singles und zwei mordscoole Videos.
 

 
Anstatt aber mit anderen Rappern der Stunde zu kollaborieren, tauchen Eric B. & Rakim 1989 auf einem Song der Sängerin Jody Watley auf und liefern mit »Friends« eines der ersten Beispiele für das typische R’n’B-mit-Rap-Feature-Strickmuster – recht doper Bomb-Squad-Remix inklusive. Dass er nicht zum Allstartrack des Jahres, »Self Destruction«, eingeladen wird, wurmt Rakim dann aber doch ein wenig. Derweil landet Freddie Foxxx einen Deal bei MCA, veröffentlicht ein Album, das nur auf dem Papier von Eric produziert wird, und keinen kümmert’s. Irgendwo hier zieht so mancher Purist einen retrospektiven Strich und erklärt die klassische Phase von Eric B. & Rakim für abgeschlossen. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit in einer veränderten Rapwelt, in der plötzlich Alben wie »It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back«, »3 Feet High And Rising« und »Straight Outta Compton« auftauchen. Ein neues Regularium tritt in Kraft, Rap hat seine ersten #newrules seit der Eroberung der Schallplatte. 1989 haben Eric B. & Rakim die Revolution für sich abgeschlossen und widmen sich der Evolution.
 
Als die Arbeiten an einem dritten Album beginnen sollen, stirbt Rakims Vater William Griffin. Tief betroffen sagt Rakim eine Übersee-Tour ab, hört monatelang keine ­Musik, schreibt keine Zeile und starrt zu Hause die Wand an. Ob Rap für ihn überhaupt eine Zukunft hat, ist ihm selbst nicht klar. Die Antwort taucht in Gestalt des jungen Produzenten Paul C auf, der 1988 maßgeblich an »Critical Beatdown« von den Ultramagnetic MCs beteiligt ist, und dessen Frau mit Rakims Freundin befreundet ist. Paul ist ein Virtuose im Umgang mit dem noch recht neuen E-mu SP-1200 Sampler, und die erste Beatskizze, die er Rakim ­vorspielt, ist ein ruhiger Flip eines obskuren Songs von 24-Carat Black. Rakim erwacht aus seiner Schockstarre und schreibt wieder. »In The Ghetto« führt ihn in eine neue, nachdenkliche Richtung, und die Arbeiten an »Let The Rhythm Hit ’Em« beginnen. Aus dem Studio ist Paul C nicht wegzudenken, wo er nicht nur Rakim den Umgang mit der SP-1200 beibringt, sondern auch seinen Protegé, den gerade 16-jährigen Large Professor ins Spiel bringt. Mit »Run For Cover« und dem Titelstück entstehen zwei weitere Perlen, bevor Paul C am 17. Juli 1989 unter nie vollständig geklärten ­Umständen in seinem eigenen Bett ­erschossen wird. Paul McKasty wird nur 24 Jahre alt. Large Professor bleibt im Studio, bis das Projekt seines Mentors ­abgeschlossen ist, weitere sieben Songs produziert er höchstwahrscheinlich mit ­Rakim, Erics tatsächlicher Anteil ist unklar.
 
»Let The Rhythm Hit ’Em« erscheint im Mai 1990 und ist vieles gleichzeitig: eine fast schon traditionalistische Absage an Trend-Themen wie die Native Tongues und die von N.W.A. losgetretene Gangsta-Rap-Welle. Das Portfolio eines merklich gereiften MCs, der ohne Widersprüche aggressiver Battlerapper, suave flirtender Mr. Sexy ­(»Mahogany«) und der Straßenpoet sein kann, den er in seinem Vorbild Melle Mel sieht. Eines der raren Alben mit fünf Mics in der Source. Das bis dato kohärenteste ­Album des Duos, das fast vollständig auf Interludes und DJ-Tracks verzichtet. Ein zeitloses, aus der Zeit fallendes Werk, dem man sein Alter heute kaum anhört. »Let The Rhythm Hit ’Em« ist Hardcore – aber ­kommerziell eine Enttäuschung.
 

 
No more props, I want property
 
Vielleicht ist darin auch der Grund dafür zu finden, dass Eric B. & Rakim mit ihrem vierten und letzten Album zwei Jahre später einen etwas zwiespältigen Eindruck ­hinterlassen. Nach dem wertkonservativen »Let The Rhythm Hit ’Em« hat man bei »Don’t Sweat The Technique« zum ersten Mal das Gefühl, dass der God MC und Eric etwas aufmerksamer auf den Popmusik-Marktplatz schielen, während New Jack Swing gerade durch die Decke geht, und schamloser Käserap wie »Ice Ice Baby« die Charts toppt. Am Ende dieses ­Prozesses steht im Juni 1992 ein Album, das nicht mehr ­ausschließlich der ­Festigung der eigenen Marke dient, sondern in einigen Aspekten den Zeitgeist zumindest ­anerkennt. »Don’t Sweat The Technique« ist ein seltsames ­trojanisches Pferd, das zwar die ­visuelle Coolness des Covers einem ­zeitgemäß bunten Grafikwirrwarr opfert, Hooks singen lässt und ein überlanges, übersmoothes Liebeslied an den Anfang setzt, das dann aber ­unvermittelt zum Raubtier wird. Die Robin-Hood-Gesellschaftskritik »Teach The Children« leitet den Doppelschlag aus »Pass The Hand Grenade« und »Casualties Of War« ein, die Rakim in brutaler Hochform zwischen Golfkrieg und urbaner Apokalypse zeigen. Die ­Straßengeschichte »Know The Ledge«, »The Punisher« und ­natürlich »Don’t Sweat The Technique« selbst gehören zum Besten, was Rakim je in einem Studio gemacht hat, wenngleich das Video zum Titeltrack mit Bikini­mädchen, Poolparty und ­bunten Klamotten kein ­besonders würdiges ­Vermächtnis ist.
 
Das Team hinter dem vierten Album ist wieder nicht ganz klar. Rakim dürfte mehr als zuvor alleine produziert haben, Large ­Professor ist zumindest weiter beteiligt und bringt seinerseits ein neues Gesicht ins Spiel: Rashad Smith, der früh für Main ­Source, Jodeci und A Tribe Called Quest arbeitet, soll »Know The Ledge« und den Titeltrack produziert haben, bevor er Teil des Inhouse-Produzententeams bei Bad Boy Records wird. Das Album erreicht Platz 22, zwei Singles schlagen sich recht anständig, die Kritiken sind fast durchweg gut – und es soll die letzte ­Arbeit des Duos Eric B. & Rakim bleiben. Aber mit Mitte zwanzig ein ziemlich unantastbares Erbe aus vier Alben zu ­hinterlassen, ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. ­Rakim erzählt sie so weiter, dass das ­einander entfremdete Duo laut Vertrag noch drei ­weitere Alben liefern muss, und den Plan ersinnt, das mit je einem Soloalbum und einem ­abschließenden Album als ­Gruppe zu ­erfüllen. Rakim unterschreibt die nötige Freigabe für Erics Soloalbum, Eric jedoch ­bekommt Panik, weil er befürchtet, damit endgültig den Weg für Rakim als ­Solokünstler zu ebnen. Er unterschreibt nicht. Stattdessen taucht er ab und ist für Rakim nicht zu sprechen. Eric hingegen ­erzählt die Geschichte wieder anders, gibt rechtlichen Problemen mit Island Records die Schuld und erklärt auffällig laut, zwischen Rakim und ihm sei alles okay. Ist es nicht. Und Eric, Rakim und MCA Records landen, unter welchen Umständen auch immer, vor Gericht, wo sie die kommenden Jahre ­Auseinandersetzungen führen müssen, anstatt Musik zu machen.
 

 
Change the pace to complete the beat
 
Bis auf einen Song – »Heat It Up« von 1993 – wird es fünf Jahre dauern, bis Rakim wieder auftaucht. Eric B. ­veröffentlicht 1995 ein selbstbetiteltes Album auf seinem eigenen Label 95th Street Recordings, bei dem alles ­zusammenzukommen scheint, was an Eric schwierig ist: der Wunsch nach Ruhm und ­Respekt, die übertrieben zur Schau gestellte ­Selbstsicherheit eines Mannes, der sich in Wirklichkeit unsicher fühlt, und ausreichend Ja-Sager im Umfeld. Wirklich haarsträubend ist dabei, dass der Ex-Partner des God MC aus »Eric B.« eine Ein-Mann-Show macht: Eric rappt auf einmal. Das Album, vermutlich mit Freddie Foxxx produziert, ist Mist. Auf 95th Street erscheint nie ein anderer Künstler, und im Prinzip endet hier die Musikkarriere von Eric Barrier.
 
Mit seinem ersten Album ohne Eric B., »The 18th Letter«, ­beweist Rakim nicht nur ­Geduld, sondern auch ein gutes Händchen für ­Produzenten und Beats, übersteht ­Umstrukturierungen bei MCA und landet im November 1997 in einer Epoche, in der Puff Daddy mit Bad Boy die Charts regiert. Die vermeintlich verdorbene, ­durchkommerzialisierte Zeit dreht Rakim nicht wieder zurück. Aber bei all dem ­Erwartungsdruck ist ihm etwas viel ­Besseres gelungen: ein würdevolles Comeback mit einem guten Album, das ganz ohne Golden-Era-Nostalgie ­funktioniert. ­Produziert haben hauptsächlich Clark Kent, DJ Premier und Pete Rock, und als die ersten Whitelabels von »New York (Ya Out There)« ­auftauchen, als Rakim auf diesem ­erhabenen Premo-Brett von Lower ­Manhattan aus die Five Boroughs namecheckt, und als sich kurz danach dann auch noch »Guess Who’s Back« zum Instant-­Klassiker-Status aufschwingt, ist klar: Das Warten hat sich gelohnt. Ein selbstreferenzieller, vielseitiger und ­selbstsicherer Rakim ist ein weiteres Mal der Mann der Stunde: »… no, I ain’t down with Eric B. no more.« In einem Interview ­bedauert Ra trotzdem, dass das ­Musikgeschäft ihnen in die Quere ­gekommen sei. »I still have love for him. That was my man.«
 

 
Beflügelt durch den Erfolg von »The 18th Letter«, das Platz 4 der US-Charts ­erreicht, und von all dem Respekt, der ihm entgegen­schwappt, nutzt Rakim die Gunst der ­Stunde für einen Nach­folger, für den er den 45 King und TR Love ­(Ultramagnetic MCs) mit je einem Beat an Bord holt, die ­Konstellation aber ansonsten ­unverändert lässt. Zwei ­Jahre nach dem Solodebüt ­releast Rakim »The Master«, aus ­musikalischer Sicht eine leicht ­verwaschene, aber gar nicht schlechte Kopie des Erfolgs­rezepts. Die Freude über noch mehr Rakim manifestiert sich nicht in Zahlen, das Album versackt auf Chartplatz 72, verkauft nur 140.000 statt zuletzt über 600.000 ­Einheiten. Man ist enttäuscht. Und dann weiß man plötzlich gar nicht mehr, was ­passiert, denn 2000 unterschreibt Rakim einen Vertrag mit Dr. Dre und Aftermath.
 
Rakim, zuvor mit Frau und drei Kindern ins ruhige Stamford, Connecticut umgesiedelt, verbringt die nächste Zeit in Kalifornien, und macht sich zunächst ganz gut in seinem neuen Arbeitsumfeld: Bei Truth Hurts gibt er den entspannten Player (»Addictive«), bei Jay-Z den Elder Statesman (»The Watcher, Part 2«), und noch 2002 soll ein Album namens »Oh, My God« erscheinen. Tut es aber nicht. Allen Parteien wird klar, dass die Hochzeit der Giganten schnell ins Leidenschaftslose kippt und scheitert: kreative Differenzen. Dre ist nach »2001« und der »Marshall Mathers LP« erfolgsverwöhnt und hat klare Vorstellungen ­davon, wie ­Rakim klingen müsste, um Erfolg bei einer neuen ­Hörereneration zu ­haben: breitschultrig, ­provokant, gleichzeitig Hochglanz und Straße. Rakim hat Schwierigkeiten damit, das gute Verhältnis zu Dre kühlt ab. Und der widmet sich lieber der Arbeit mit seinem Zögling 50 Cent. Dessen »Get Rich Or Die Tryin’« bringt 2003 auf den Punkt, auf welche Art von Blockbuster Dre abzielt. Rakim schlägt sich derweil mit Produzenten aus der ­zweiten Aftermath-Reihe herum, die ihm Beat-Verfehlungen wie »R.A.K.I.M.« unterjubeln, das auf dem Soundtrack von »8 Mile« eher Kopfschütteln auslöst. Von DJ Premier ­eingereichte Produktionen lehnt Dre dankend ab. 2003 verlässt Rakim Aftermath ohne schmutzige Wäsche, aber auch ohne weitere Veröffentlichung. Eric B. bekommt noch einmal öffentlich Props von Rakim, der sich dankbar dafür zeigt, dass Eric ihn auf künstlerischer Ebene nie beeinflussen wollte.
 
Cash is the topic, the object a fatter ­pocket
 
Rakim kehrt nach Connecticut zurück und durchlebt eine weitere musikalische Dürreperiode. Bei Dreamworks Records unterschreibt er einen Vertrag, kurz bevor das ­Label schließt. Bei einem Konzert von Ghostface Killah im New Yorker Roseland Ballroom wird Rakim 2004 ­festgenommen, es gibt wiederholt Rechtsstreit um überfällige Unterhaltszahlungen für einen ­unehelichen Sohn, zwischen dessen Mutter und Rakim Kleinkrieg herrscht. Es dauert bis 2007, ehe ein neues Soloalbum in Aussicht gestellt wird. »The Seventh Seal« soll es heißen – und erscheint erstmal nicht. ­Stattdessen wird 2008 das Stückwerk »The Archive: Live, Lost and Found« ­eingeschoben, das mit vier neuen Tracks und ein paar Livemitschnitten nicht gerade Begeisterung hervorruft. Überhaupt die Auftritte. Die unangenehme Wahrheit ist: Dieser alles verändernde Rapper war auf der Bühne nie auch nur ansatzweise die Offenbarung aus dem Studio. Schon in den ­Jahren mit Eric B. rappt Rakim meist über ein Vollplayback. Als Solokünstler wird es nicht besser, heute tritt Rakim mit einem ­unerträglichen Schreihals von DJ auf, rappt mal über alte Vocal-Versionen, mal fahrig über neuere Instrumentals, und mal gar nicht. Dass weder das noch sein drittes Soloalbum Rakims Legendenstatus ins Wanken bringt, untermauert die Größe des Erbes der Jahre 1986 bis 1992.
 
»The Seventh Seal« ist auch so eine ­Sache, die man gerne vergessen will. Kaum etwas ist übrig von der ­Erleichterung, die »The 18th Letter« zwölf Jahre zuvor mit sich brachte, keine Spur von dem ­glücklichen Timing, dem Hunger und dem makellosen ­Beatpicking Rakims. Man hätte nicht ­unbedingt etwas Zeitgemäßes erwartet. Aber zeitlos wäre schon schön gewesen.
 

 
Und was macht Eric B. in all den ­Jahren? Dinge, über die er zwar nicht sehr ­konkret, aber gerne spricht. Er strengt eine erfolg­lose Klage gegen Def Jam und Rush Management an und wird Talentscout. In verschiedenen Interviews erklärt er, eine ­Restaurantkette zu ­betreiben, Boxer zu ­managen, Jugendarbeit, dies das. 2009 trompetet er, das ­Album des Rappers Avion sei der erste Schritt dazu, die Eric B. Music Group zum »Motown des 21. Jahrhunderts« zu machen. Man hörte nie wieder davon.
 
Nachdem Eric B. & Rakim 2011 für die Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame nominiert werden, spricht Rakim zwar kurz darüber, mit Eric eine Jubiläumsausgabe von »Paid in Full« vorzubereiten und dafür neue Songs aufzunehmen. Doch dazu kommt es nie. In den letzten zwei ­Jahren ist die Rede davon, dass Rakim mit Pharrell Williams und DJ Premier an neuer Musik arbeitet, zu Eric aber keinen Kontakt hat. Bei Redaktionsschluss ist das letzte Lebenszeichen des God MC eine Strophe auf einer Single von Linkin Park. Er ist eben doch nur ein Mensch.
 
Foto: Island