Kings of HipHop: Jay-Z

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Waiting To Excel

Jay-Z hat HipHop auf seinem ganzen Weg begleitet, mehr Nummer-eins-Alben veröffentlicht als Elvis Presley und die ewige Suche nach dem GOAT ein für alle mal beendet. Größer, und darin sind sich ausnahmsweise alle einig, geht nicht. Es ist der Jordan des Rap, der JFK der Straße, der schwarze Steve Jobs – wenn einem keine besseren Vergleiche einfallen, dann liegt das einzig und allein daran, dass er sie alle selbst schon gemacht hat. Seit 20 Jahren redet Shawn Carter nun über sich selbst. Zu greifen bekommen hat die Welt ihn trotzdem nicht. Eine Näherung.

Vor einiger Zeit erschien im Internet ein Mitschnitt einer Radiosendung von Stretch Armstrong und Bobbito aus dem Jahr 1995. Die beiden New Yorker hatten mit ihrer Show auf dem Unisender WKCR fast die gesamten neunziger Jahre über definiert, wie Rap aus ihrer Heimatstadt – und damit ganz allgemein: Rap – zu klingen habe: hart aber herzlich, wie der Stahl der Queensboro Bridge. Woche für Woche, Donnerstagnacht von eins bis fünf, fand sich im Studio auf dem Campus der Columbia University die Hautevolee der Szene im Studio zum Freestyle ein: Biggie, Nas, Big Pun, aber auch längst vergessene Lokalhelden wie Kurious Jorge, Prince Po oder Supernatural. Dazu gab es rare 12”s, in letzter Sekunde geschnittene Acetate aus Sugar Minotts Dubplate-Studio in Brooklyn und die neuesten Testpressungen aus den damals noch essenziellen Promo-Verteilern der Majors. In jener Februarnacht gab es außerdem: Big L und Jay-Z. Big L war zuerst dran. Er killte, wie üblich, mit seinem streitlustigen, smarten Straßenköter-Flow und Zeilen wie »I got the looks that make your hottie stare/I keep a shotty near/It’s the nigga with knotty hair who Gotti fear«. Als er fertig war, übergab er zufrieden an den Kollegen aus Brooklyn. »Back to my man Jay-Z.«

»My man Jay-Z«: Man muss heute ein bisschen schmunzeln über diesen Anflug von kollegialem Großmut. 1995 aber hatte diese Anrede jede Berechtigung. Big L war der King, Jay-Z der Kumpel von Jaz-O im Hawaiihemd, der jetzt auch einen Joint draußen hatte. Entsprechend motiviert war Jay, als er endlich ans Mic durfte. Er verglich sich mit Zorro und Jesse Owens, streute Comic-Onomatopöie ein und wollte – »boo boo boo bam« – ganz allgemein mehr Opponenten zur Strecke bringen als jemals ein Rapper vor ihm auf 80 Bars. Wer in jener Nacht zuhörte, sah ihn förmlich vor sich, wie er vor der Brust mit den Händen ruderte, todernsten Blickes, auf ein Zeichen der Anerkennung wartend. Er gab alles, mehr noch, preschte nach vorne, überholte sich immer wieder selbst, bis er zum Ende seiner Darbietung kaum noch Verständliches stotterte – das aber immerhin in so etwas wie Doubletime. Es war fast ein bisschen süß.


 
Als der Freestyle im Netz auftauchte, sagte Bobbito in einem Interview, er habe diese Nacht gar nicht in besonderer Erinnerung. Es gebe Sessions, etwa mit einem 16-jährigen Nas, da könne er jedes Detail bis hin zum Outfit seines Partners noch heute haargenau rekonstruieren. Jene mit L und Jay dagegen sei letztlich nur eine unter vielen gewesen. Lehrreich sind diese 21,56 Megabytes jedoch allemal. Schließlich zeigen sie, dass der God MC seine Karriere auf sehr irdische Weise auf den Weg brachte. Die traumwandlerische ­Sicherheit, mit der Hova seine Reime heute auf den Beat haucht, fehlt in dieser Aufnahme trotz allen Talents noch komplett. Er arbeitet auf diesen sieben Minuten. Er ist nicht Er, er ist er selbst. Man könnte auch sagen: Im Februar 1995 war Jay-Z ein ganz normaler Rapper.

Im Februar 2012 ist Jay-Z alles andere als ein normaler Rapper. Er ist der Größte, den dieses Spiel je gesehen hat.