Kings of HipHop: Mobb Deep // Feature

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Kein anderer Act hat die hiesige HipHop-Draufsicht so nachhaltig geprägt wie Mobb Deep, keine andere der großen New Yorker Bands stand so treu Seite an Seite wie Havoc und Prodigy. »You heard of us«? Gewiss. Aber haben wir auch richtig zugehört?

Was soll man schreiben über eine Band, die sich im Grunde mit einer Kick, einer Snare und einem »Ayo« erklärt? Die nie viel Aufhebens machte um ihre Kunst und ihren Platz unter den herrschenden New Yorker Crews als quasi selbstverständlich ansah? Die immer nur ihr Ding machen wollte und allen Widrigkeiten zum Trotz bis zum heutigen Tag mit beeindruckender Konsequenz genau das tut? Was unterscheidet Mobb Deep von anderen Bands ihrer Generation wie Group Home, Onyx oder Capone-N-Noreaga, die zwischenzeitlich einen ganz ähnlichen Buzz unterhielten, aber längst tief in der Belanglosigkeit versunken sind?

Ein Grund ist sicher, dass das raue Geschäft nie einen Keil zwischen die beiden High-School-Freunde zu treiben vermochte (Anmerkung: Der Text erschien in JUICE #137. Nachfolgende Differenzen unter den Mobb Deep-Mitgliedern bleiben dementsprechend unerwähnt). Zwar trug die Beziehung der beiden in den letzten zehn Jahren eher Züge einer Zweckehe denn einer glühenden Liebesaffäre. Eine leidenschaftliche »Free Prodigy«-Kampagne im Stile UGKs etwa hatte man von Havoc nicht zu erwarten, als sein Partner im Frühjahr 2008 einen dreijährigen Besinnungsurlaub auf Kosten des Staates New York antrat – angeblich ließ er selbst mit einem einfachen Knastbesuch über ein Jahr auf sich warten. Doch in der Öffentlichkeit war nie ein schlechtes Wort zu hören zwischen den beiden, auch nicht in den wenigen schlechten Zeiten ihrer Karriere. Damit stehen Mobb Deep ziemlich alleine auf weiter Flur. Fast alle großen Gruppen der Golden Era fetzten sich spätestens dann mit Hingabe, wenn ihnen der Erfolg über den Kopf wuchs oder plötzlich ausblieb. Wu-Tang Clan? Frag nach bei RZA und Raekwon. Gang Starr? Frag nach beim Superproducer Solar. A Tribe Called Quest? Outkast? Fugees? Es geht ins Pathologische. Mobb Deep hingegen lebten der Welt stets jene Hood-Moral vor, die sie in ihren Texten predigten. »As time goes by, an eye for an eye/We in this together, son, your beef is mine.« Und »Blood Money« war ohnehin schon immer dicker als Wasser.

Kings Of Queens

Hinzu kommt, dass Mobb Deep es stets verstanden haben, mit der Zeit zu gehen, behutsam, ohne ihre Fans am Wegesrand zurückzulassen. Anders als alte Weggefährten wie Q-Tip oder Raekwon haben Mobb Deep nie als Retro-Phänomen funktioniert. Sie müssen nicht so tun, als wäre es ’93 bis in alle Ewigkeit, um die Aufmerksamkeit der Blogs auf sich zu ziehen. Das gegenwärtige Interesse an ihrer Musik mag befeuert sein vom Drama um Prodigy und seine sensationsheischende Karriererückschau »My Infamous Life«. Doch in seinem Kern ist es aufrichtig und gilt den Reimen des frisch sortierten Kingspitters ebenso wie dem charakteristischen Sound des inneren Beat-Zirkels um Havoc, Alchemist, Evidence und Sid Roams. Mobb Deep klingen zeitgemäß, ohne sich wie Fat Joe verzweifelt jeder Provinzmode anzudienen oder wie Busta Rhymes jeden Allerweltsremix zu beglücken. Mobb Deep klingen nach Mobb Deep im Jahr 2011, so wie die Mobb Deep von 1995 nach Mobb Deep im Jahre 1995 klangen. Sie klingen wie sie selbst und nach der ganzen Überheblichkeit ihrer Heimat, diesem riesigen, überfüllten, kalten Schlachtfeld von einer Stadt namens New York City.

Überhaupt, New York City. Kein anderer Act hat diesen mythischen Ort je präziser auf den Punkt gebracht, niemand seine kuntergrauen Landschaften je dunkelbunter nachgezeichnet als Mobb Deep auf ihren beiden klassischen Alben »The Infamous« (1995) und »Hell On Earth« (1996). Beide Platten sind Walkman-Musik in Perfektion, Kopfkino in 4D. So wie man nach einem guten Ballerfilm von John Woo aus dem Lichtspielhaus auf die Straße tritt und am liebsten erst mal diesen Haufen Vollspacken auf der gegenüberliegenden Straßenseite über den Haufen mähte, um anschließend stilvoll den örtlichen Pizza Hut in die Luft zu jagen, so wächst mit »Give Up The Goods« auf dem Ohr noch das schmalste Bleichgesicht in Sekundenschnelle zum Super-Gangster an. Die Großen damals fuhren Auto und hörten Snoop. Wir fuhren U-Bahn, hörten Mobb Deep und ­fühlten uns noch viel, viel größer.

Mit diesem Sound prägten Havoc und Prodigy das hiesige HipHop-Verständnis mehr als jede andere Band der neunziger Jahre. Ähnlich wichtig waren nur Gang Starr. Aber deren Einfluss endete weitgehend mit dem Eintritt in die Aggro-Ära. Mobb Deep dagegen definieren im Grunde bis heute, wie echter Rap gefälligst zu klingen hat: ironischerweise auch für den deutschen Dauertodfeind des »echten« Rap, Bushido. So fern ihre Welt auch war – eine Welt voll Seagram’s mit O-Saft, Teppichmessern, 40s, Angel Dust, Tec-9’s, Mentholzigaretten von Newport, billigem Gras, abgezogenen Fila-Jacken, schnellem Schädel, wahllos gebrochenen Nasen, gefälschten Führerscheinen, geklauten Chevys, Tod, Hass, Verrat, Schmerz und Gewalt – so sehr passte sie zu dem, was jeder von uns auf seine Weise in Rapmusik zu finden glaubte. Dazu musste man noch nicht einmal alles verstehen. Es waren die Abgründe in Prodigys Stimme, die einen auch mit mäßigem Schulenglisch tief in ihren Bann zogen. Diese radikale Reduziertheit. Der frostige Flair von Havocs Beats, die zunächst staubtrocken, später soulschwer über kahle Piano-Loops zerbarsten. Der Mobb im Hintergrund, stets ein paar Dutzend Typen deep. Die Timberlands und Polo-Hoodies. Das ganze verfickte Paket.

»Survival Of The Fittest«. »G.O.D. Part III«. »Party Over«. »The Start Of Your Ending (41st Side)«. Das notorische, nimmerfade »Shook Ones Pt. 2«. »Bloodsport«. Die Königskollabo »Eye For A Eye« mit Nas und Raekwon vom Wu-Tang Clan. »Up North Trip«. »Temperature’s Rising«. »Give Up The Goods (Just Step)« mit dem legendären Part von Big Noyd (»Yo, it’s the R-A-double-P-E-R N-O-Y-D/Niggas can’t fuck with me«), der alleine ihm der Legende nach einen Deal über 300.000 Dollar mit Tommy Boy Records eingebracht haben soll. »Animal Instinct«. Das tiefdepressive »Cradle To The Grave«. Die kaum besserlaunige E&J-Hymne »Drink Away The Pain (Situations)«. »Nighttime Vultures«. »Extortion«. All diese Songs entstanden zwischen 1994 und 1996. All diese Songs sind Klassiker des New Yorker Hardcore-Rap, kleine bis godzillagroße. Weil sie noch heute brennen wie Zunder in einer tropischen Sommernacht. Und weil sie der HipHop-Historie einen Sound eingebrannt haben, der zahllosen Acts zu ihrer persönlichen Oldschool wurde. Das Willie Hutch-Sample aus »Still Shinin’« etwa flippte später fast identisch auch 9th Wonder für Masta Ace; den Beat zu »Hell On Earth (Front Lines)« baute 2001 die legendäre Münchner Combo Square One für ihren Song »Knowledge Is Knowledge« um, um sich respektvoll vor der offensichtlichen Inspirationsquelle aus NYC zu verbeugen. Und das sind nur zwei, fast wahllos ausgewählte Beispiele.

Split Personality

Mobb Deep kamen mit »The Infamous« nicht aus dem Nichts. Mit ihrem bildhaften Street-Rap auf Samplebasis standen sie klar in der Tradition von Kool G. Rap und Marley Marl. Natürlich: Jeder Rapper in Queens orientierte sich zu jener Zeit an ihnen und den anderen Überfiguren der Juice Crew. Doch auch Q-Tips Anteil an dem Album, der heute aus Gründen der geradlinigen Geschichtsschreibung gerne mal unter den Tisch gekehrt wird, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Offiziell als Co-Produzent von drei Stücken des Albums geführt, reichte sein Einfluss in Wahrheit deutlich weiter. »Er kam immer wieder ins Studio, um zu helfen und dafür zu sorgen, dass das Endergebnis passt«, erinnerte sich der ehemalige »Source«-Journalist Matty C, damals Mobb Deeps A&R bei Loud Records und Executive Producer der LP, in einem Interview für das »Complex«-Magazin. »Es ging ihm nicht um Geld oder Credits. Er mochte die Jungs einfach und wollte sicherstellen, dass sich Havoc gut entwickeln konnte und das Schiff in die richtige Richtung segelte.« Er hatte drei Klassikeralben mit A Tribe Called Quest auf der Habenseite und bereits in jungen Jahren den Status eines Großmeisters erreicht. Er war entspannt und gefiel sich in der Rolle des Ruhepols inmitten einer Horde wild gewordener Jugendlicher: Während Mobb Deep täglich 30 Kumpels mit ins Studio brachten, Hennessy aus Pappbechern wegkippten, Chicken Wings vernichteten und Bier auf dem Mischpult verschütteten, machte er im Studio Liegestützen – und gab dem Klangbild des Albums seine schroffe, jazzige, zeitlos elegante Note.

Überhaupt macht man es sich ein bisschen einfach, wenn man die Mobb Deep der mittleren Neunziger auf ihr Draufgängertum und die Härte ihrer Lyrics reduziert. Klar: Dass die nihilistische, mitunter martialische Bordsteinpoesie der beiden Alben dieser Zeit zu grob geschätzten 99,74% der Realität entstammt, ist unbestritten. Besonders Prodigy hatte sich bereits mit Eintritt in die Pubertät eine Kriminalbilanz draufgeschafft, mit der Anne Will eine ganze Jahresstaffel über Jugenddelinquenz zusammendiskutieren lassen könnte. Im direkten Umfeld des Mobb ging es eher noch schlimmer zu: Warum etwa Havocs Bruder »Killer Black« genannt wurde, kann man auf »Temperature’s Rising« halbwegs unverschlüsselt nachhören. Eine umfassende Auflistung solcher Gesetzesbrüche, voll blutrünstiger Details und latent infantilem Stolz, kann man bei einschlägiger Neigung in der Prodigy-Biografie nachlesen. Doch es gab immer auch die andere Seite, die Seite von Kejuan Muchita und Albert Johnson, die sich auf der High School of Art and Design in Manhattan kennen lernten und anfangs Poetical Prophets nannten. Es gibt den Havoc, der von seinem Vater, einem DJ, eine Plattensammlung mit endlosen Schätzen aus den Siebzigern und Achtzigern vermacht bekommen hatte und mit der Pausentaste seines Kassettenrekorders eigene Mixtapes aufnahm. Den Nerd, der später jedes Wochenende auf Sammlerbörsen abhängen sollte, um Breakbeats zu jagen wie Large Professor und Pete Rock. Der auf einem sinistren Gangstarap-Klopper namens »Bloodsport« Lines droppt, die auch den Stieber Twins zu größter Ehre gereichten (»You all fucked up like an off-beat blend«). Und es gibt auch den Prodigy, der als kleiner Junge Tanzstunden nahm, weil er Michael Jackson sein wollte. Der sich die Aufnahme an die Art and Design mit selbst entworfenen T-Shirts verdiente. Der Gedichte und Drehbücher schreibt, auch wenn die ihm mittelfris­tig wohl keinen Ehren-Oscar einbringen werden.

Es lohnt ein Blick auf Prodigys Familiengeschichte, um zu verstehen, in welchem Spannungsfeld Mobb Deep ihre ureigene Mischung aus Kunst und Kakophonie, erbittertem Hood-Darwinismus und traditionellen HipHop-Werten entwickeln konnten. Sein Großvater war ein berühmter Jazz-Musiker. Dizzy Gillespie und Gary Bartz gingen bei Johnsons ein und aus, und es muss den jungen Albert geprägt haben, so wie ihn die ständigen Umzüge geprägt haben, die Notwendigkeit, sich vor immer wieder neuen Cliquen aufs immer wieder Neue beweisen, immer noch verrücktere Dinge tun zu müssen. Seine Großmutter tanzte während der Prohibitionszeit im Harlemer Cotton Club mit der großen Lena Horne. Nach ihrer aktiven Karriere eröffnete sie ihre eigene Tanzschule (und Jay-Z viele Jahre später die Möglichkeit, Prodigy mit einem Foto aus dieser Zeit beim Hot 97 Summer Jam bloßzustellen, gepaart mit der unvergesslichen Zeile »When I was pushing weight back in ’88, you was a ballerina, I got the pictures, I seen ya«, das nur am Rande). Sie hing mit Diana Ross und Ashantis Mutter Tina Douglas. Sie gab Menschen Jobs, stellte ihren hart erarbeiteten Reichtum lustvoll zur Schau und nannte sich H.N.I.C., Head Nigga in Charge. Prodigy tat es ihr gleich und machte diesen selbstverliehenen Ehrentitel 2000 zum Namen seines ersten Soloalbums. Die Unternehmermentalität, das Selbstbewusstsein, die Freude an den Insignien des Wohlstands, die Sturheit, seine ersten Plattenspieler und Mixer – all das hatte Prodigy von seiner Großmutter väterlicherseits.

Crack für Hummer mit Buttersauce

Die Familie seiner Mutter dagegen war schwarzes Bürgertum, Politiker, Geschäftsleute. Auch der Gründer der Morehouse-Eliteschule in Atlanta findet sich auf dieser Seite des Stammbaums. Die Erzieher von Martin Luther King und Spike Lee, Prodigys Mutter war stolz auf diese Ahnengalerie und tat ihr Bestes, ihren Sohn in diesem Bewusstsein aufzuziehen. Und sie behütete ihn nach Kräften, denn er war klein und schmächtig und litt unter Sichelzellanämie, einer furchtbaren, chronisch lebensbedrohlichen Blutkrankheit. Sein Vater dagegen brachte Prodigy bei, wie man eine Pistole abfeuert, als er sieben Jahre alt war. Einmal raubte er einen Juwelierladen aus, um seine Heroinsucht zu finanzieren – während sein Sohn im Auto auf ihn wartete. Klar, man kann das mit der Kindheitsprägung auch überinterpretieren. Aber wenn man mal kurz überlegt, wie häufig derartige Biografien in Stuttgart-Obertürkheim und Ahlem-Badenstedt-Davenstedt vorkommen, dann versteht man so ungefähr, warum Kunst und Kredibilität so selten zusammen gehen im deutschen Kriminalrapwesen… Prodigy jedenfalls lebte die scheinbaren Widersprüche in seinem Umfeld vollständig aus. Er verkaufte Crack in LeFrak und bestellte beim Familiendinner Hummer mit Buttersauce. Er schleppte Knarren mit in die Schule und drehte am Wochenende mit seinen Freunden kleine Filmchen mit der VHS-Kamera seiner Großmutter. Was diese Welten zusammenhielt, war Rap. Also rappte er. Erst zum Spaß und alleine. Später in vollem Ernst und mit seinem neuen Kumpel Havoc aus Queensbridge.

Man mag es kaum glauben, aber Prodigy, einer der ganz großen QB-Rapper, kommt überhaupt nicht von dort. Es waren ursprünglich Havocs Freunde, die das Sagen am Block hatten. Die berüchtigte 12th Street Crew, der spätere Nukleus des Infamous Mobb um Rapper und Naja-dann-bin-ich-halt-auch-ein-Rapper wie Big Noyd, Godfather, Ty Nitty, Capone und die Zwillinge Jamal Twin Gambino und Jamel The Scarface Twin. Havoc hatte schon für The Intelligent Hoodlum alias Tragedy Khadafi gerappt, einem weiteren O.G. der lokalen Rap-Szene. Prodigy dagegen war der neue Typ, ein Eindringling. Er musste sich erst beweisen, indem er die beiden führenden MCs im Viertel battlete, einen noch gänzlich unbekannten Nas und vor allem den etwas älteren Cormega. Ganz ohne RBA oder Feuer über Queensbridge: Man lief einfach ein paar Blocks über den Hügel an das andere Ende der Projects, traf Nas auf einer Parkbank, nahm einen Schluck aus der Pulle, and it was on, wie es im Althochdeutschen heißt. Erst nachdem dieses archaisch anmutende Männlichkeitsritual durchlaufen war, war Prodigy vollumfänglich integriert und der Mobb in seiner heutigen Form geboren. Revolution lag in der Luft.

Da bliebe sie vorerst jedoch auch. Es ist eine erstaunliche Randnotiz, dass Mobb Deep nicht mit ihrem ersten Album den Durchbruch schafften. Die New Yorker HipHop-Geschichte ist ja voll mit brillanten, oft nie wieder erreichten Debütalben, von »Critical Beatdown« über »Breaking Atoms« und »Enta Da Stage« bis hin zur Mutter aller unerreichten Debütalben, »Illmatic«. Eine zweite Chance bekamen die wenigsten. Mobb Deep dagegen mussten den Umweg nehmen über das mittlerweile eingestampfte 4th & Broadway-Label und das unreife, seltsam uninspirierte Debütalbum »Juvenile Hell«, das nicht einmal besonders dilettantisch ist, sondern einfach nur wahnsinnig fade. Vielleicht lag es daran, dass die 12th Street Crew in ihrer unmittelbaren Umgebung – und etwas anderes als die unmittelbare Umgebung zählte damals nicht – längst Stars waren, als sie die Platte aufnahmen. Vielleicht mussten sie erst den bitteren Beigeschmack der Niederlage kennen lernen, mitansehen, wie Biggie, Wu-Tang und Nas mit Sieben-Meilen-Timbs an ihnen vorbeizogen, um endgültig motiviert zu sein. Oder sie mussten einfach noch ein bisschen lernen.

Knapp zwei Jahre später jedenfalls steckten auch Mobb Deep mittendrin in der boomenden Bewegung des neuen New Yorker Hardcore-Rap. Die Fans lagen ihnen zu Füßen, es hagelte Gold-Plaketten, Kritiker- und Kollegenlob. Die Gang verbrannte ihre Kohle auf Yachten und feierte ihren Ruhm im überangesagten Nachtclub »The Tunnel« in Chelsea, der jeden Sonntag zum Pandämonium der New Yorker HipHop-Halbwelt wurde, mit der härtesten, lautesten, besten Musik der Stadt. Sie hatten die Zeit ihres Lebens. Und merkten dabei nicht, wie im Windschatten einer goldenen Zukunft die Geister der Vergangenheit immer näher kamen. Oder präziser: die Geister der Gegenwart. Denn das Leben, das ihnen das Drehbuch für ihren Rap-Film geliefert hatte, wollten Havoc und vor allem Prodigy nicht einfach aufgeben, nur weil plötzlich auch sauberes Geld reinkam. Die Waffen und die Drogen und die Gewalt wurden nicht weniger. Sie wurden zum Lifestyle. In der natürlichen Konsequenz mehrten sich die Verhaftungen; nachdem kaum ein Konzert des Mobb ohne handfeste Massenschlägerei zu Ende ging, gab es Auftrittsverbote. Fragen von Außenstehenden, selbst wohlwollenden, begegneten sie, wie sie es auf der Straße gelernt hatten: verschlossen, störrisch, misstrauisch bis ins Paranoide. Interviews wurden beharrlich weggenaaaht oder mit starrem Blick auf den Boden ausgesessen. Den Ärger betäubten sie im Anschluss mit Müllsäcken voller Weed, heimlich im Hinterzimmer gezogenem Blow und noch beherzteren Griffen zur Flasche – ein Teufelskreis, den sie mit »Drink Away The Pain (Situations)« so vortrefflich beschrieben hatten. Zumindest die eine Hälfte davon.

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