Kings of HipHop: Run DMC

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Heute vor zehn Jahren wurde Jam Master Jay unter mysteriösen Umständen ermordet. Der DJ der legendären Rap-Crew Run DMC war nicht nur ein Pionier an den Turntables und eine Ikone der weltweiten DJ-Kultur, sondern förderte neben seiner Tätigkeit bei Run DMC auch junge Künstler – u.a. den jungen 50 Cent. In der HipHop-Community wird er unvergessen bleiben. R.I.P.

Zum Gedenktag hier der »Kings of HipHop«-Artikel über Run DMC aus JUICE #120.

Rock goes the weasel

Klar, in der Einleitung zu einem Artikel über Run DMC müsste in etwa so etwas stehen: Legendenstatus, voll die Helden, ganze Generationen mitgeprägt und – je nach Alter des Schreibers – meine Jugend dies, früher war alles besser das. Aber fangen wir doch mal mit einem Begriff an, der im Zusammenhang mit Run DMC noch zentraler sein dürfte als der der Legende: Crossover.

Je nach Verständnis und Sozialisation verbinden Musikfans damit verschiedene Bedeutungen: Wenn in den Neunzigern ein MTV-Moderator diesen Begriff benutzte, kündigte er in der Regel einen Videoclip von Rage Against The Machine, Clawfinger oder im schlimmsten Falle H-Blockx an. Was in dem Fall gemeint war, liegt auf der Hand: harte Gitarren mit Rap obendrauf. Weniger eng gefasst meint Crossover schlicht die Inkorporation genrefremder Elemente in die eigene Musik oder stilistische Ausflüge in andere Genres, in unserem Fall etwa Rap über Reggae-Riddims oder Ähnliches. Und dann gibt es noch den Crossover, den EPMD anno 1992 in ihrem gleichnamigen Hit bereimten: Den aus einer Subkultur in den kommerziellen Mainstream, im schlimmsten Fall mittels Inkaufnahme einer Verwässerung der eigenen musikalischen Identität, sei es durch Kollaborationen mit erfolgreichen Künstlern oder die Anpassung an gerade erfolgreiche Trends. Im Bezug auf das Adidas tragende Trio aus Hollis, Queens treffen alle Definitionen gleichermaßen zu. Und Run DMC waren diesbezüglich auch in jedem Punkt Vorreiter.

Begonnen hat die Geschichte der Crew im Windschatten einer der größten Persönlichkeiten der New Yorker Old School: Kurtis Blow, der zumindest in diversen Musiknachschlagewerken als »erster Rapper« gilt und dessen 1980er Hit »The Breaks« heute noch auf jedweder Art von Party per Disco-Groove und Response-Shouts für gehobene Stimmung sorgt. Sein Manager war ein gewisser Russell Simmons, der sich später mal mit einem Label namens Def Jam eine goldene Nase und Respekt für Dekaden verdienen sollte. Zu den Auftritten von Kurtis Blow schleifte dieser gerne mal seinen kleinen Bruder Joseph mit, der sich bei Blows Shows an Mic und Plattenteller austoben durfte und schon bald unter dem Namen »Son of Kurtis Blow« auf dem Flyer stand. Im Keller seines Kumpels Darryl McDaniels übte Joe seine Routines, Darryl legte Platten auf und versuchte sich bald auch selbst am Mic: Joe nannte sich fortan Run, Darryl bastelte sich aus den Anfangsbuchstaben seines Namens das Pseudonym DMC. Mit dem Typen aus der Nachbarschaft namens Jason Mizell, den sie regelmäßig besuchten und nach Equipment anschnorrten, war auch schnell ein DJ gefunden und das Trio in seiner endgültigen Besetzung komplett – Run, DMC und Jam Master Jay waren bereit. Und Russell Simmons sah Potenzial in ihnen.


 
Was an den Dreien so besonders war, wird im Vergleich mit der Ausrichtung der restlichen Szene im New York des Jahres 1983 augenfällig: Hüben pluckerte Electro zunehmend gleichförmig vor sich hin, drüben rappten mitunter seltsam verkleidetet Oldschooler – ja, dem Vernehmen nach gab es diese Kategorisierung schon damals – über Disco-Breaks belanglose Hotel-Motel-Reime in entspanntem Party-Tonfall; abgesehen von »The Message« gab es kaum etwas, das ein wenig Kante vorzuweisen hatte. Run DMCs erste Single setzte dann den größtmöglichen Kontrast: Der Beat so minimalistisch wie brachial, die Raps aggressiv geshoutet, und dann erst der Inhalt: »Unemployment at a record high …« – unbedingt nachvollziehbar und neuartig angriffslustig verpackt und vorgetragen, traf »It’s Like That« genau den Nerv der Zeit. »Sucker MCs« und das deutlich härter ausgefallene Remake von Kurtis Blows »Hard Times« folgten, bis mit »Rock Box« das erste Kapitel in der Crossover-Geschichte Run DMCs aufgeschlagen wurde: Hier kamen verzerrte E-Gitarren zum Einsatz, so dass auch langhaarige weiße Kids mal die Ohren in Richtung Rap spitzten. Die folgende, selbstbetitelte Debüt-LP der drei, vom geschäftstüchtigen Russell Simmons beim Label Profile untergebracht, brach in der Folge alle Verkaufsrekorde und fuhr als erstes Rap-Album überhaupt 1984 Gold ein. Ihren Förderer Kurtis Blow, der nach »The Breaks« eine ziemliche Verkaufsflaute durchmachen musste, hatten sie somit kommerziell überflügelt. Ob dessen ’84er Album »Ego Trip« auch deshalb so erfolgreich war, weil er Run und DMC für ein paar sozialkritische Zeilen ans Mic ließ, sei mal dahingestellt. Der krasse Style-Unterschied zwischen Alt und Neu lässt sich hier jedenfalls deutlich nachvollziehen: »Yo, there go my homeboys Run DMC …« – und plötzlich ist da eine ganz andere Energie im Spiel.


 
Und auch in puncto Image setzten Run DMC ganz neue Akzente: Während damalige Stars wie The Furious Five in verrückten Paradiesvogel-Kostümen oder Fetisch-Lederklamotten auftraten und Choreographien à la Jackson 5 bei nahezu allen Rap-Acts gang und gäbe waren, sparten sich diese Jungs jegliche Sperenzchen. Adidas-Jacken und -Sneakers, Jeans, Hüte, die Arme verschränkt – Run DMC sahen aus wie B-Boys von der Straße und nicht wie Rick James, und so gestalteten sie auch ihre Live-Shows. Ein DJ, zwei MCs, der DJ scratcht, die MCs rappen, die ehrlich gemeinte Reduzierung auf das Wesentliche war das Faszinierende. Eine Formel, die funktionierte, in der Folge von nahezu jedem Rapper kopiert wurde und heutzutage gerne als Blaupause für das angeführt wird, was der gemeine HipHop-Head unter »real« versteht.
 
Das zweite Album »King Of Rock« vollführte einen noch größeren Leap in das Bewusstsein des Mainstreams, auch hier sorgte der mit Schweinegitarren befeuerte Titeltrack für die nötige Schubkraft in Richtung Suburbs – eine Platinauszeichnung war die Folge. Zudem leistete man hier erneut Pionierarbeit in Sachen Crossover: Was genau auf dem Track »Roots, Rap, Reggae« passiert, kann man dabei schon dem Titel entnehmen. Für den völligen Dammbruch sorgte aber erst die nächste LP »Raising Hell« von 1986: Für »Walk This Way« schloss man sich mit den Rockern von Aerosmith zusammen, die den Titel mit nahezu gleichem Text zwar schon 1976 unter das Rockpublikum gebracht hatten, aber mit dieser Kollabo den ersten die Bezeichnung verdienenden Crossover-Hit landeten – ein Umstand, der Steven Tyler und Co. auf dem Weg zu erneuten Erfolgen in den Neunzigern sicher behilflich war. Für die Rap-Welt bedeutete das Stück nicht weniger als ein Erdbeben: MTV-Rotation, und das in einer Zeit, als dort so gut wie ausschließlich weißer Rock/Pop gespielt wurde. Eine Grammy-Nominierung. Doppelplatin für das Album. Und somit einen Fuß bzw. Adidas Superstar in der Tür zur großen Popwelt. Zudem war ja auch Manager Russell Simmons inzwischen mit Def Jam vollends am Start und hatte mit LL Cool J und den Beastie Boys zwei nicht minder massentaugliche Acts auf die großen Bühnen gebracht. 1986 hört die westliche Welt, drei Jahre nach dem Breakdance-Boom, wieder Rap. Mit Schweinegitarren. Mehr Crossover geht nicht. Dass sich mit dem roh aus Bob James’ »Mardi Gras« zusammengecutteten »Peter Piper« auch noch ein wahrhafter Evergreen nicht nur für die scratchende Zunft auf »Raising Hell« findet, sei deswegen nur am Rande erwähnt.


 
Und es gab noch weitere Felder, in die es hinein zu crossovern galt: Mit dem zwar mediokren, aber aufgrund seines Casts (u.a. LL Cool J und die Fat Boys) durchaus interessanten Film »Krush Groove« platzierte Russell Simmons seine Schützlinge auch noch in der Filmbranche, dieses Experiment wurde mit dem dilettantisch exekutierten Werk »Tougher Than Leather« von 1988 jedoch glücklicherweise beendet. Viel mehr Kapital aus ihrem Image konnten Run DMC jedoch in puncto Mode schlagen: »My Adidas« von der »Raising Hell«-LP entstand ursprünglich aus einer persönlichen Abneigung gegen vorherrschende Modediktate heraus, hatte aber zur Folge, dass die Sneakers mit den drei Streifen in HipHop-Kreisen bis heute Kultstatus haben. Und nachdem Run bei einem Gig im Madison Square Garden das Publikum aufforderte, ihre Adidas in die Luft zu halten und der halbe Saal seine gestreiften Mauken präsentierte, kamen auch die Marketingmenschen der besungenen Marke auf die Crew zu. Die daraus resultierende Kollektion ist auch heute noch beliebt, kuckt mal bei eBay.
 
Run DMCs viertes Album »Tougher Than Leather« stellt aus heutiger Sicht die letzte Phase ihrer Regentschaft über HipHop dar: Während sich um sie herum eine neue Generation anschickte, einen zukünftigen Klassiker nach dem anderen zu veröffentlichen – man denke nur an Public Enemy, BDP, EPMD, Juice Crew, Ultramagnetic MC’s, Tuff Crew u.v.a. – formulierten Run DMC ihr Selbstbewusstsein auf einem gewohnt ruffen, aber deutlich samplelastigeren Album. Jaulende E-Gitarren waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der große Schocker, und Run DMC beschränkten diese folgerichtig auf ein Minimum. Schlecht für den Crossover ins weiße Amerika, gut für den HipHop-Fan, denn so viele Cuts, Scratches und Sample-Frickeleien konnte man bisher auf keinem Album der Hollis-Crew hören.


 
Die Musikschreiber-Floskel für das, was auf »Tougher Than Leather« folgte, lautet: Es wurde still um Run DMC. Mal abgesehen von ihrem Beitrag zum Soundtrack von »Ghostbusters II« – eine reichlich absurde Miami-Bass-Neuauflage von Ray Parker Jr.s »Ghostbusters«-Hit, passierte 1989 nicht viel. Aber auf der B-Seite besagter 12” zeichnete sich der erste Missgriff in Sachen Crossover schon schmerzlich ab: »Pause« heißt das Stück, das mit seiner Swingbeat-Produktion dermaßen offensichtlich in Richtung Hitlisten schielte, dass es den Fan nur grausen konnte. Zur Erläuterung: Zu der Zeit räumten Leute wie Teddy Riley, Wreckx-N-Effect, Babyface und überhaupt jeder, der inbrünftig singen und dazu tanzen konnte, Goldplatten und Teeniehöschen ab, und das mit einem eingängigen Hybrid-Sound aus HipHop und R&B, der sich wahlweise Swingbeat oder New Jack Swing schimpfte und nicht wenigen HipHoppern damals als das Beschissenste galt, was man sich nur in den Walkman stopfen kann. Und mit genau so was kamen Run DMC nun an. Da verwundert es auch wenig, dass das zahnlose, uninspirierte »Back From Hell« 1990 kaum jemanden in den Plattenladen locken konnte.
 
Ruhm , Erfolg und Backstage-Leben sind beileibe nicht spurlos an den beiden Rappern Joseph und Darryl vorbeigegangen: Run musste sich mit Vergewaltigungsvorwürfen rumschlagen, DMC züchtete über die Jahre ein handfestes Alkoholproblem, die Karriere lag Anfang der Neunziger deswegen fürs Erste auf Eis. Der zumindest für aufgeklärte Europäer etwas befremdliche Versuch, einen Weg aus der Krise zu finden: die Hinwendung zum Glauben, die sich erstmals auf dem ’93er Album »Down With The King« manifestierte. Schon der zweideutige Titel machte klar, mit wem Run DMC in Zukunft unten zu sein gedachten, und wer das nicht gepeilt hat, dem war spätestens nach der Begutachtung des Covers klar, was Phase ist: DMC trägt hier statt monströser Goldkette ein schlichtes Holzkreuz um den Hals, obwohl dem Vernehmen nach »Reverend« Run die treibende Kraft hinter der Hinwendung zur Religion war. Und obschon die Zeichen für dieses Album denkbar schlecht standen – 1993 cripwalkte sich die Rap-Welt gerade schwer bewaffnet einen auf Dre und Snoop runter – fand es Beachtung. Das lag zum einen daran, dass die gleichnamige Single mit Pete Rock an Beat und Gastvers ein komplettes Brett war, zum anderen fiel es trotz deutlicher Statements gegen Gewalt und für christliche Werte bei weitem nicht so gospelig und zeigefingernd aus, wie man das von neugeborenen Christen erwartet hätte. Die Game-Dominanz und Innovationskraft früherer Tage waren aber unwiederbringlich dahin.


 
Mit der Produktion von Alben sollte es das dann für längere Zeit gewesen sein. Jam Master Jay kümmerte sich zunächst um die Aggro-Rapper von Onyx, die mit »Slam« und ihrem Album »Bacdafucup« ordentlich abräumten und dem längst nicht mehr so strahlenden Rap-Flaggschiff Def Jam den dringend benötigten Wind in die Segel bliesen. Zwar gingen Run DMC weiterhin auf Tour und spielten u.a. auf den weltweiten »Streetball«-Veranstaltungen von Adidas, aber die Chemie innerhalb der Crew stimmte schon lange nicht mehr. DMC, der das ewige Touren und die Abwesenheit von Frau und Kind nur schwer verkraftete, soff fleißig weiter, bis er 1997 depressiv wurde und sich im Zuge dessen auch noch in einer ernsthaften Tablettensucht verrannte. Zudem wurde bei ihm eine vermutlich durch jahrelanges Shouten verursachte spastische Dysphonie diagnostiziert, eine Kehlkopferkrankung, die die Stimme stark einschränkt. Ironischerweise stanzte im selben Jahr der »It’s Like That«-Stampftechno-Remix von Jason Nevins in Europa einer jüngeren Generation von Hörern genau die Shout-Raps ins Gedächtnis, mit denen Run DMC bekannt wurden. Auf dem letzten regulären Run-DMC-Album »Crown Royal« von 2001 war Darry McDaniels nur auf drei Songs vertreten, zuletzt hörte man ihn auf einer reichlich cheesigen Emo-Pop-Rap-Single zusammen mit Sängerin Sarah McLachlan.
 
Angesprochenes »Crown Royal« war leider auch eine der letzten Gelegenheiten für Jam Master Jay, sich als aktiver Teil von Run DMC in der Öffentlichkeit bemerkbar zu machen: Im nächsten Jahr, am 30. Oktober 2002, wurde er in einem Studio in Jamaica, Queens erschossen. Über die Gründe wurde seitdem reichlich spekuliert, eine Person 2007 als Komplize bei dem Mordanschlag verurteilt, die genauen Hintergründe liegen aber noch im Grauen: Fakt ist, dass Jam Master Jay sich zu besagter Zeit schon eine ganze Weile um einen gewissen 50 Cent kümmerte, der wiederum einen einseitigen lyrischen Beef mit einem schwerkriminellen Bekannten von Murder-Inc.-Boss Irv Gotti pflegte. Dass Jam Master Jay hier ungewollt zwischen die Fronten irgendwelcher Straßengeschichten aus Fiftys Vergangenheit geraten ist, erscheint zumindest plausibel. Der HipHop-Welt wird Jason Mizell jedoch immer im Gedächtnis bleiben.
 
Derjenige, der seine Popularität als Rap-Star der Achtziger wohl am besten zu nutzen wusste und weiß, ist unbestritten Reverend Run: Seit er 2005 sein erstes Soloalbum »Distortion« veröffentlicht hat und seine eigene Reality-Show »Run’s House« auf MTV läuft, ist er populärer denn je. Das letztlich kommerziell kaum relevante Album wurde komplett im Stil der Run-DMC-Klassiker produziert, dazu – und in diversen lustlosen Interviews – gab der jetzt mit Hut und Priesterkragen auftretende Run Reflexionen seiner Karriere, konservative Beiträge zur Abtreibungsdebatte und jede Menge christliche Vorbildfunktion zum Besten. Seine TV-Show funktioniert nach einem ähnlichen Muster wie »Hogan Knows Best«: Man sieht alltägliches Familienleben, ein wenig durch diverse Extras aufgepeppt, irgendwann weint eines der Kinder und gründet eine Clothing Line, und am Ende kommt der Papa und hat die passende Lebensweisheit parat. Joseph Simmons’ Crossover ins konservative Corporate America hat bestens funktioniert.
 
Text: Marc Leopoldseder