KMN Gang: »Wir dachten damals echt, wir wären die Kings.« // Feature

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Label im Abrisshaus

Damals um 2008 war Ali der Kopf der schon erwähnten Ghetto Stars – einer Bande Jungs, die von der großen Rapkarriere träumte. »Wir hatten T-Shirts und Sticker mit unserem Logo und dachten damals echt, wir wären die Kings«, erinnert sich Ali und grinst, als wäre er von sich selbst belustigt. Azet rappte damals für Freunde auf dem Hof und wollte ebenfalls Teil der Ghetto Stars werden. Irgendwann klappte es, und Azet war voller Erwartungen auf einen Labeldeal. Die Vorstellung verpuffte schnell. »Am Ende saßen wir bei Ali, der in einem Abrisshaus gelebt hat. Das Wasser musste man teilweise vom Brunnen holen, weil es keinen Anschluss gab, und im Hof waren alte Autos übereinander gestapelt. Alis Vater war damals Gebrauchtwagenhändler.«

Daran erinnern sich beide. Auch an einen Auftritt im Jugendzentrum mit Texthängern. »Jetzt ist die ‚Karriere‘ vorbei«, dachten sie danach. Die Realität aber war: Es interessierte niemanden. Außerdem gab es Streit zwischen den Jugendfreunden, alles schien sich zu verlaufen. Das sollte sich 2010 ändern. Man fand wieder zusammen. Die Gruppe KMN wurde gegründet. Mitglieder waren damals Ali aka Achillez, Azet aka Azphalt und ein Rapper namens Insider. Die Musik klang da noch nach von Bushido beeinflusstem Straßenrap. Nur der Hang zu melodiösen Hooks stach schon damals heraus. Für Dresdner Verhältnisse, eine Stadt, in der es keine ernstzunehmende HipHop-Szene gibt, war das progressiv.

Das selbstbetitelte Debüt-Mixtape ging für damalige Maßstäbe durch die Decke. Hundert CDs wurden verkauft, und man feierte sich selbst auf einer großen Releaseparty, die auch Zuna besuchte. »Ich wollte unbedingt mit den Jungs rappen«, erinnert er sich. »Wir gehören zusammen«, habe er den anderen versucht zu verklickern. Nach anfänglichem Misstrauen finden die drei sich schließlich zu KMN zusammen, Insider verlässt die Crew. Auch wenn die ersten Projekte »Hinter der Rayban« und »Cannabis« von Zuna, das fertige, aber nicht erschienene Album ­»Malboro« von Azet und »Aspirin« von Ali (damals Jesse Jamal) »zum Vergessen sind«, wie Letzterer sagt. Die aufkeimenden Hypes aus Übersee – Kendrick Lamar und A$AP Rocky – waren unter anderem die Inspiration, sogar Cros Raop konnte man heraushören. Etwas lieblos hingerotzte Kiffer- und Ticker-Oden dominierten. Zufrieden war keiner mit dem damaligen Zustand von KMN.

Auf dem Weg von Prohlis in ein Innenstadt-Café mit dem plakativen Namen King’s hören wir auf Anschlag einen derzeitigen KMN-Liebling: Noizy. Der Kosovo-Albaner kombiniert Rap mit Dancehall-Rhythmik und Pop-Kniffen, wirkt dabei superclean und einnehmend catchy. Er entpuppt sich als Hitmaschine. Azet dreht sich vom Beifahrersitz nach hinten: »Was Noizy macht, ist mehr als nur Rap. Das wollen wir auch: Melodien. Musik machen. Wie das am Ende heißt, ist doch egal.«

Und schon sind wir im Jetzt. Im King’s sitzen wir vor einem überdimensionierten Pokertisch, und irgendwie passt der Name des Cafés auch zum selbstbewussten Auftreten von KMN. Ihre Musik hat sozusagen den eigens durch Selbstkritik verlangsamten Weg zum Ziel »King-Status« erreicht, auch wenn anfangs zu hoch gepokert wurde. Subtiler Auto-Tune-Einsatz durchzieht nachdenkliche Straßenballaden, die sogar im Club-Kontext vorstellbar wären, auch wenn sie von Tanzmusik noch weit entfernt sind. KMN ist nicht mehr nur ein lokales Hype-Thema, sondern ein millionenfach geklickter Vertreter der neuen Straßenrap-Generation, zu der man auch Nimo und Soufian zählen kann. »Für die Familie« heißt der bekannteste Track von Azet und Zuna. Und so kitschig es auch klingen mag: Die beiden machen die Musik tatsächlich ohne Kompromisse für die KMN-Familie. Für sich, Nash und ein paar Andere. Die Öffentlichkeit darf daran teilhaben. ◘

Text: Johann Voigt
Fotos: Wilhelm Polinski

Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Interviews war Miami Yacine noch kein KMN-Miglied und wird dementsprechend nicht im Text erwähnt.

Dieses Feature erschien in JUICE #176 (hier versandkostenfrei nachbestellen). juice-176