Loyle Carner: »Ohne ADHS wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin« // Interview

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HipHop bedeutet anno 2017 vor allem Vielseitigkeit – und Loyle Carner personifiziert diese These wie kaum ein anderer. Mit »Yesterday’s Gone« hat der junge Londoner Ende Januar eines der interessantesten Rapalben des Jahres geliefert: Poetische Lyrics für Genius-Geeks harmonieren mit klassischem Boombap, Spoken-Word-Songs reihen sich ebenso mühelos ins Gesamtbild wie Gospelchöre. Nebenbei gibt der Engländer Kochkurse für Teenager, die mit ADHS klarkommen müssen – ein Schicksal, das er selbst teilt. Gründe genug, Loyle vor seinem restlos ausverkauften Berlin-Gig zum Gespräch zu bitten. Über Seniorentheater, Liverpool-Niederlagen, Mama-Umarmungen und Whiskygläser.

Die meisten deiner Liveshows sind ausverkauft, heute spielst du die zweite Berlin-Show innerhalb weniger Monate. Abgesehen davon, dass Liverpool gerade gegen Leicester verloren hat, muss es dir ziemlich gut gehen, oder?
Ja, Leicester, Mann. Dass Jürgen Klopp [Trainer FC Liverpool; Anm. d. Verf.] wahrscheinlich gehen muss, bricht mir das Herz. Ich liebe den Typen. Aber ja, mir geht’s super! Es hat lange gedauert bis wir sicher sein konnten, dass genug Leute zu den Shows kommen. 

Hattest du schon deinen Whisky-Shot vor der Show? Ich habe gehört, dass das dein Ritual vor Auftritten ist.
Noch nicht! Mittlerweile ist aus dem Shot aber ein ganzes Glas geworden, obwohl ich auf dieser Tour nicht so viel trinken wollte.

Bist du gerade nervös, so ein paar Stunden vor der Show? 
Noch nicht, aber das kommt bald. Tagsüber bin ich entspannt, aber dann wird’s schlimmer und schlimmer und zwei Minuten vor der Show denke ich nur: »Fuck!«

Das ist der Moment, wenn der Whisky ins Spiel kommt.
Genau! Normalerweise trinke ich schon etwa eine Stunde vor der Show ein bisschen, um meine Nerven zu beruhigen. Wenn ich nervös bin, bin ich einfach nicht in Bestform. Ich kann mich dann nicht richtig unterhalten oder rede viel zu viel und erzähle die falsche Sachen.

Lass uns über deine Musik sprechen. Deine Mutter und dein Bruder sind in fast allen deiner Videos zu sehen, deine Mutter sogar häufig auf dem Album zu hören. Wie beeinflusst deine Familie, abgesehen von deinen Lyrics natürlich, deine Musik?
Ich bekomme so viel Unterstützung von meiner Familie und wir zeigen uns gegenseitig viel Musik. Meine Mum hat viel David Bowie und Bob Dylan gehört. Mein kleiner Bruder zeigt mir Leute wie Kendrick Lamar und J. Cole, die ich als junger Typ eigentlich kennen sollte. Ich höre eher älteren HipHop. Ich liebe Mobb Deep zum Beispiel, habe sie sogar live gesehen. Es war eine gute Show, aber es ist schade, dass ich meine Lieblingskünstler nie in der Phase erleben werde, in der sie durch die Decke gegangen sind.

 
Apropos Show: Ein Fan hat letztens getweetet, dass er seine Mutter nach deiner Show angerufen hat, weil ihn die ganze Familienthematik so berührt hat.
Das ist wirklich was Besonderes. Ich dachte nicht, dass meine Musik die Menschen so verbinden würde, besonders, weil es eben HipHop ist. Das ist toll. Ich hab letztens eine Frau auf die Bühne geholt, die ihren Sohn zu jeder Show begleitet. Ich konnte nicht glauben, dass sie in der ersten Reihe stand und mitgesungen hat. Meine eigene Mum ist gerade so weit entfernt, also umarme ich einfach jede Mutter, die ich zu fassen kriege. (lacht)

Machst du auch negative Erfahrungen damit, dass deine Texte so persönlich sind?
Nicht wirklich. Klar geht es mir beim Performen der Songs besser als beim Schreiben, aber es ist cool, das Erlebte nochmal zu verarbeiten. Es erinnert dich daran, wo du zu diesem Zeitpunkt warst und gibt dir Bodenhaftung. Wenn deine Musik nur positiv ist, ist das auch gut, klar, aber du denkst dann, dass es immer so bleibt. Man muss wissen, dass das Leben eben nicht so ist. Das ist wichtig für mich.

Ein Thema, dass dir auch sehr am Herzen liegt, ist ADHS. In einem Interview mit Noisey hast du gesagt: »ADHD isn’t my disorder, it’s my super power«. Kannst du mir das genauer erklären?
Ich sehe das wie bei einem Superhelden in einem Film. Ein Junge hat Superkräfte und weiß zuerst nicht, wie er damit umgehen soll. Er sprengt Löcher in die Wand oder macht Sachen kaputt, einfach, weil er nicht versteht, wie es funktioniert. Es geht darum, das herauszufinden. Ich habe letztes Jahr eine Kochschule für Teenager mit ADHS gegründet. Eine der Mütter kam zu mir und hat mich gefragt, wann man da herauswächst. Es ist aber eher so, dass du hineinwächst. Mein Kopf ist einfach die ganze Zeit beschäftigt, aber ohne ADHS wäre ich jetzt nicht hier. Es hat mir dabei geholfen, meine Energie in etwas Positives umzuwandeln, nämlich in Musik.

»Wenn die Leute meine Musik irgendwann scheiße finden, will ich für den Rest meines Lebens diese Kochkurse geben.«

Wie war es, den Kids beim Kochen zuzusehen? Hat es ihnen genauso geholfen wie dir?
Ja, voll! Ich habe mir echt Sorgen gemacht, dass es nicht funktioniert. Dass ich in den Raum reinkomme und alle durchdrehen. Ich wusste ja nur aus meiner eigenen Erfahrung, dass Kochen mir dabei hilft, runterzukommen. Da waren Kids, die aus der Schule geschmissen wurden, aggressiv waren und überhaupt nicht auf Autoritäten hörten. Aber alle waren entspannt und bereit zu lernen. Das war wirklich eine Überraschung für mich, weil ich weiß, dass ich schwierig war damals. Aber sie haben mich respektiert und wollen alle wieder kommen. Es hat gezeigt, wie wichtig sowas sein kann. Irgendwie würde ich mir wünschen, so was für den Rest meines Lebens zu machen. 

Schule ist nicht der einfachste Ort für Kinder mit ADHS. Was hätte es damals für dich einfacher gemacht?
Ich hatte Glück mit meiner ersten Schule, vielleicht auch, weil es eine Privatschule war. Die Lehrer verdienen mehr als an staatlichen Schulen und haben dadurch natürlich einen größeren Anreiz, hart zu arbeiten. Der Unterricht war immer spannend, Sachen wie Frösche sezieren zum Beispiel, das hat es leichter gemacht. Nur in Büchern zu lesen und dazusitzen, das macht einfach keinen Spaß. Besonders für Schüler mit ADHS ist diese Verpflichtung ein Problem. Die Vielfalt macht es erst interessant.

Hast du mal darüber nachgedacht, selber Lehrer zu werden?
Vor dem Kochkurs nicht. Meine Mum ist Lehrerin, unterrichtet unter anderem Kinder mit ADHS. Ich wäre gerne Kochlehrer, aber dafür muss ich erst richtig lernen zu unterrichten. Ich will nach Italien und Korea and dort wirklich kochen lernen. Ich glaube, ich wäre ein gute Lehrer.

Gibt es schon konkrete Pläne für den nächsten Kochkurs?
Ja, wir machen diesen Sommer wieder einen. Wenn die Leute meine Musik irgendwann scheiße finden, will ich das für den Rest meines Lebens machen.

 
Neben der Musik und dem Kochen bist du außerdem noch Schauspieler. Du warst an der Brit School und dem Drama Centre in London. Du hast mal gesagt, dass du der nächste James Bond sein willst. Würdest du die Musik eine Weile beiseitelegen und dich voll darauf konzentrieren? 
Ich weiß nicht, das ist ne schwierige Sache. Ich will irgendwie, dass beides harmoniert. Ich liebe es, zu schauspielern, aber momentan habe ich echt keine Zeit dafür. Ein Album zu machen, braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit. Die ideale Vorstellung wäre für mich, ein Album zu machen, zu touren und sich danach Zeit zu nehmen, um einen Film zu schreiben oder ein Theaterstück oder selbst mitzuspielen.

Was für ein Stück würdest du denn gerne machen wollen?
Spielen würde ich gerne Shakespeare, »Romeo und Julia« zum Beispiel. Romeo ist ein brillanter Charakter, auch wenn er ganz schön weinerlich ist. Ich habe angefangen, ein Theaterstück über alte Männer zu schreiben. Wenn ich Zeit dafür hätte, würde ich das also weitermachen.

Warum schreibt ein junger Typ wie du über alte Männer?
Weil ich selber ein bisschen wie ein alter Mann bin. Die sind so spannend, echt! Ein 85-Jähriger ist im Kopf immer noch so alt, wie ich es jetzt bin. Wenn du ein bestimmtes Alter erreichst, vierzig oder fünfzig vielleicht, dann alterst du im Kopf nicht mehr, im Gegenteil. Du machst dir weniger Sorgen, hast mehr Spaß. Das ist meine Theorie. Und mein Plan.