Megaloh, Yassin, Kalusha & Kobito: »Jeder ist doch politisch« // Diskussionrunde

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Den Überblick zu bewahren fällt schwer. Im politischen Weltgeschehen ­keimen ­immer ­neue Krisenherde auf. Und auch inner­halb Deutschlands geht es immer hekti­scher, immer ­komplexer ­vonstatten. Wie äußert man sich im Jahr 2016 also angemessen und ­reflektiert über ­Politik? Klar ist: Wir alle sind ­unmittelbar ­betroffen. Menschen fliehen, der ­Recht­sruck nimmt zu, Anschläge ­werden ­verübt – die Liste ist lang. ­Gleichzeitig posaunt jeder Hans und Franz seine ­Meinung undifferenziert ins Internet, eine ­Diskussionskultur kommt immer ­seltener zustande. Das wollten wir ­ändern. ­Deshalb haben wir zu einer Debatte über die ­Bedeutung von HipHop und Rap in diesen aufwühlenden Zeiten geladen. In ­illustrer ­Runde treffen sich Megaloh, ­Yassin, ­Kalusha und Kobito.

Warum ausgerechnet diese vier? Nun, der Berliner Rapper Kobito wird nicht zuletzt wegen seiner Label-Heimat Audiolith und seiner Gruppe Deine Elstern (zusammen mit Sookee) gerne der linksgerichteten Zeckenrapschiene zugeordnet – ein Genre, das per Definition als politisch gilt. Yassin dagegen hat sich mit seinem Kollegen Audio88 derweil von besetzten Häusern als Sprecher der Links­außenfraktion entfernt, ohne deshalb die politische Richtung gewechselt zu haben oder in seiner Musik deswegen weniger kritisch zu sein. ­Megaloh indes wird spätestens seit seinem »Regenmacher«-Album, auf dem er sich unter anderem mit seiner Identität als Afrodeutscher auseinandersetzt, von Feuilletons und Fans für seine reflektierte Meinungsäußerung geschätzt. Und die Karriere Kalushas wurde nach einem ersten Hype um 2004 durch eine lange Haftstrafe und die anschließende Abschiebung nach Ghana ausgebremst. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie jedoch wieder in Berlin, hat seiner kriminellen Karriere abgeschworen und reflektiert das Erlebte auf seinem aktuellen Album »Prototyp«. »Wir bewahren die Haltung« – das haben Deine Lieblingsrapper Sido und Harris bereits vor mehr als zehn Jahren skandiert. Und auch unsere vier Gesprächspartner eint der Umstand, stets Haltung bewahrt zu haben. Dass Kobito, Yassin, ­Megaloh und Kalusha trotz dieser Überschneidungen durchaus nicht immer einer Meinung sind, war für unser Gespräch über »Rap und Politik in D« nur förderlich. Aber lest selbt.

Kobito, auf deinem neuen Album gibt es den Song »Schlechter Scherz«, in dem du dich auch über den Begriff »Zeckenrap« lustig machst. Darin rappst du: »Ich bin ein Zeckenrapstar/Das heißt: Mich kennt kein Arsch!« Wen erreichst du denn mit deiner Musik?
KOBITO: Ich habe mich natürlich nicht selbst in diese Schublade gepackt. In dem Song gehe ich zwar humorvoll damit um, aber wohl fühle ich mich damit nicht. Generell ist der Stempel »Politischer Rap« immer eine Art Stigma, das einem nur selten zum Erfolg verhilft. Ich mache schon recht lange Musik, und das nicht immer politisch. Aber anscheinend bin ich dort am einfachsten einzuordnen. Die Leute wollen Schubladen. Aber Schubladen schließen nicht nur ein, sondern auch aus.

Yassin, im letzten JUICE-Interview mit dir und Audio88 meintest du, dass ihr schon in viele Schubladen gesteckt wurdet – und in der Zeckenrap-Schublade hättet ihr euch am unwohlsten gefühlt. Warum?
YASSIN: Weil man sich dann jedes Mal rechtfertigen muss, wenn man den Erwartungen nicht entspricht, die mit einer solchen Schubladisierung einhergehen – und das frisst unnötig viel Energie. Ich verstehe zwar, dass solche Kategorien anfangs bei der Einordnung eines Künstlers helfen, aber es ist eben ätzend, wenn man darauf reduziert wird. Wenn du als vermeintlich politischer Rapper mal etwas anderes machst, heißt es: »Schade, wir dachten, du hättest was zu sagen.« Wir sind da auf viel Ablehnung gestoßen.

Haben Audio88 und du euch denn je als politische Rapper verstanden?
YASSIN: Wir hatten zumindest immer schon gesellschaftskritische Themen in unseren Texten, insofern sind wir wahrscheinlich politische Rapper, ja. Aber der Begriff ist ein bisschen abgenutzt. Außerdem: Jeder ist doch politisch.

Kalusha, auf deinem aktuellen Album »Prototyp« gibt es den Song »Sie schnüffeln rum«, in dem du davon sprichst, dass du im Gefängnis warst, geläutert bist, abgeschoben wurdest, Stress mit der Justiz hattest und Leute dich immer noch anpissen wollen, obwohl die Kriminalität mittlerweile hinter dir liegt. So gesehen bringst du die Gesellschaftskritik schon durch die textliche Aufarbeitung deines Werdegangs in deine Musik ein, oder?
KALUSHA: Das kann man so sehen. In den letzten Jahren ist in meinem Leben viel passiert. Nach meiner Abschiebung bin ich 2010 wieder zurück nach Deutschland gekommen und hatte wirklich das Gefühl, von der Polizei verfolgt zu werden. Ich wurde auch mehrfach wegen Straftaten von anderen vorgeladen. Aber ich wollte damit nichts mehr zu tun haben. Aus dieser Motivation heraus entstand der Song.

Warum bist du damals abgeschoben worden?
KALUSHA: Mir ist nach einer Verhaftung 2001 bereits mit einer Abschiebung gedroht worden. Mein damaliger Anwalt hat dann einen Deal mit der Ausländerbehörde ausgehandelt: Wenn ich ein Jahr straffrei bleibe, dann ist alles vom Tisch. Ich habe das aber auf die leichte Schulter genommen, bin innerhalb dieses Jahres straffällig geworden, und somit war die Abschiebung rechtskräftig: Strafe verbüßen, Land verlassen.
YASSIN: Wie lange warst du im Knast?
KALUSHA: Knapp fünf Jahre, von 2002 bis 2007. Als ich wieder rauskam, hatte ich sechs Wochen Zeit, um mit Kind und Kegel das Land zu verlassen.
YASSIN: Wie lange warst du dann weg?
KALUSHA: Ich bin dann nach Ghana und war dort zwei Jahre. Meine Großeltern wohnen noch dort.

Du sprichst so etwas in deiner Musik an, ohne explizit politische Statements daraus zu machen. Würdest du dich dennoch als politischen Rapper bezeichnen?
KALUSHA: Ich habe nie politische Intentionen gehabt oder mich irgendwo engagiert – das überlasse ich anderen. Ich gucke zwar Nachrichten, aber das war’s dann schon. Aber klar, sobald man eine Aussage tätigt und, wie in meinem Fall, eine gewisse Randgruppe repräsentiert, ist man irgendwo politisch. Ich habe mir aber nie bewusst vorgenommen, politische Texte zu schreiben. Ich verarbeite lediglich das, was ich sehe und erlebt habe, auf einem Beat.

Megaloh, du hast mal gesagt, dass du als Rapper vor allem aus deinen eigenen Erfahrungen schöpfst, richtig?
MEGALOH: Ja, absolut. Man sollte die Sachen selbst erlebt oder zumindest gesehen haben, über die man spricht. Ich würde mich selbst auch nicht als politischen Rapper bezeichnen, aber es gibt Dinge, die in der Gesellschaft passieren, und über die spreche ich – zum Beispiel darüber, wie mit Flüchtenden umgegangen wird. Das habe ich zwar nicht selbst erlebt, aber ich bekomme den Umgang damit natürlich tagtäglich mit. Und weil mich das emotional berührt, denke ich mir: Ich bin ein Künstler, ich habe eine Stimme – und die will ich nutzen. Die Frage ist halt: Was bedeutet »politisch sein« konkret?

Wie wäre denn deine Antwort?
MEGALOH: Ich gehe zunächst von Parteipolitik aus – und da würde ich mich als Künstler nie von einer Seite vereinnahmen lassen wollen. Mir ist meine kreative Freiheit sehr wichtig. Ich möchte mal einen ignoranten Track machen können, mal einen Partytrack, mal einen persönlichen Song. Ich möchte nicht bloß auf eine Sache reduziert werden, denn das würde meinem persönlichen Anspruch an Musik nicht gerecht.
YASSIN: Es wird auch langweilig, wenn man sich als Künstler selbst so sehr filtert, dass am Ende immer das gleiche Statement herauskommt. Das wirkt unnatürlich, so als hätte jemand etwas Gelesenes verinnerlicht und würde es nur noch wiederkäuen. Das ist keine emotionale Meinung, die auch eine Weiterentwicklung und eine Änderung dieser Meinung einschließen würde. Warum sollte ich mir denn Musik von jemandem anhören, der für dieselbe Sache immer bloß andere Worte findet?
KOBITO: Ich selbst komme ursprünglich aus der Freestyle-, nicht so sehr aus einer Politecke, fing irgendwann aber bewusst an, politische Musik zu machen. Mittlerweile finde ich die teilweise selbst zu dogmatisch und kann verstehen, warum mich Leute in eine Schublade gepackt haben. Ich habe es aber als spannende Aufgabe empfunden, mich davon freizustrampeln. Und als ich mich musikalisch etwas geöffnet habe, kamen direkt Sell-Out-Vorwürfe. Ich musste dann erst mal für mich klären, dass ich als Künstler machen kann, was ich will.
YASSIN: Wenn es zu dogmatisch wird und man in seiner Kunst keine Widersprüche zulässt, darf man sich eben auch nicht wundern, wenn man aus bestimmten Schubladen nicht mehr herauskommt. Und ich meine: Am Ende haben wir alle mit der Mucke angefangen, weil es uns Spaß macht. Ich habe aber bei Leuten, die sich zur Aufgabe gemacht haben, politische Musik zu machen, oft das Gefühl, dass sie sehr ernst an die Sache herangehen. Gerade im deutschen Rap ist es ja oft so: Die Leute leben nicht in den Schwierigkeiten, die sie anprangern. Und wenn ich das Gefühl habe, bei einem Künstler statt Charakter nur ein Dogma vorzufinden, dann finde ich das unglaubwürdig und habe dazu keinen Zugang.
KOBITO: Genau das ist das Problem bei politischer Mucke: Am Ende bleiben oft bloß Slogans.

Haltet ihr das für ein spezifisch deutsches Problem?
MEGALOH: Na ja, Deutschland ist nicht gerade für seine Emotionalität bekannt.
KALUSHA: Rap ist eine Kunst und Ausdrucksform, in der Lyrik und Poesie eine genauso große Rolle spielen wie Rhythmik und Vibe. In Deutschland ist Rap für mich aber zu kopflastig. Ich höre mir vieles an und denke: »Krass, wie du dir das aus dem Arsch gepresst hast.« Auch wenn sich musikalisch in den letzten Jahren viel getan hat: Mir fehlt noch eine Lockerheit in der Musik.
KOBITO: Auf »Russisch Roulette« hat Haftbefehl in den »1999«-Dingern aus seinem früheren Alltag erzählt, das hat für mich schon sehr viel transportiert.
MEGALOH: Da wird ja auch nicht nur glorifiziert.
KALUSHA: Wenn du etwas wirklich erlebt hast, kannst du unmöglich nur positiv davon berichten. Ich führe mittlerweile mein Familienleben und will mit der ganzen Scheiße nichts mehr zu tun haben, aber ich habe noch sehr viele Berufsverbrecherfreunde – und keiner von denen ist glücklich mit diesem Leben. Da können mir noch so viele Rapper erzählen, wie geil das ist. Genau daran merke ich, dass das, was sie erzählen Marketing ist und nicht auf ihren Erfahrungen beruht. Ich glaube, Rap wird niemals auf eine authentische Weise politisch sein, weil er schon längst vom Kapitalismus verschluckt wurde. Rap wird höchstens noch mal politisch werden, wenn es zum Zeitgeist passt und sich damit Platten verkaufen lassen.

Dazu passt ein Statement von Afrob aus dieser Ausgabe: »Politischer Rap interessiert keine Sau.« Eure Meinung dazu?
KALUSHA: Da ist schon was dran. HipHop ist eine Jugendkultur, und Jugendliche wollen sich nicht mit dem aktuellen politischen Weltgeschehen auseinandersetzen, sondern Spaß haben. Damit will ich nicht sagen, dass man als Rapper keine gesellschaftspolitischen Aussagen treffen soll, aber man sollte dabei nicht zu eingleisig agieren.
MEGALOH: Es kommt auf die Umsetzung an: Wenn man nur predigt und den Lehrer raushängen lässt, vergrault man die Leute. Aber wenn du eine spannende Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählst oder Humor als Stilmittel benutzt, dann kann das durchaus funktionieren.
KOBITO: In Bezug auf Rap finde ich das Zitat von Afrob etwas kurzsichtig und pauschalisierend. Klar, um ein politisches Statement in einem Raptext unterzubringen, muss man ein geeignetes künstlerisches Stilmittel benutzen und nicht wie an einen Demo-Flyer rangehen. Aber es würde doch auch niemand behaupten, Menschen würden nur Actionfilme gucken. Da sind wir beim Thema Vielfalt: Man sollte nichts kategorisch ausschließen. Rap war immer schon politisch. Und das darf er auch sein. Er muss es aber nicht.
MEGALOH: Darin widerspricht dir Robbe ja auch nicht. Er beschreibt nur den aktuellen Zustand, und ich glaube schon, dass politischer Rap viele Menschen nicht interessiert. Die Leute haben wenig Zeit und sind reizüberflutet, die wollen nach den ersten fünf Sekunden gecatcht werden. Politik ist aber ein großes Thema, das schwer zugänglich ist. Die Aufgabe eines Rappers besteht dann darin, komplexe Themen verständlich aufzubereiten. Der Weg dorthin ist aber sehr beschwerlich und wird deshalb von vielen gescheut.
KOBITO: Genau deshalb ist es ja so wichtig, dass du einen Song wie »Wohin« gemacht hast, in dem du die Perspektive eines Flüchtenden einnimmst – auch wenn der Track vielleicht kein Chartbreaker ist.

K.I.Z sind mit ihrem Album »Hurra, die Welt geht unter« immerhin auf Platz 1 gechartet – mit zwei Singles, die sehr gesellschaftskritisch waren.
YASSIN: Es stimmt schon, dass sich Rap in Deutschland in dieser Hinsicht bessert. K.I.Z klingen weder langweilig noch verbittert. Und jeder hat da ein Bild vor Augen: 16-Jährige können bei »Boom Boom Boom« genauso mitbrüllen wie bei »Hurensohn«. Auch bei Haftbefehl ist das so: Der baut in einen Track eine politische Zeile und geht danach wieder Crack kochen. Man merkt, dass Künstler immer cleverer darin werden, Inhalte so zu verpacken, dass die Zuhörer nicht sofort abschalten.
KALUSHA: Wenn du dir die Historie anschaust, ist HipHop aus einer Folge von Misspolitik entstanden. Die Jungs hatten keine Lust mehr, sich über den Haufen schießen zu lassen, haben Blockpartys veranstaltet und gesagt, dass sie ihre Kämpfe jetzt mit Kunst austragen. Das war damals ein politisches Statement, und das entwickelt sich weiter. Jede Generation hat eigene Probleme. In diesem Sinne wird HipHop immer politisch sein.

Wie war es denn in eurer eigenen Jugend: Gab es politischen oder gesellschafts­kritischen Rap, der euch in eurer Meinung beeinflusst hat?
KALUSHA: Ich habe die ganzen politischen Rapper aus den USA früher totgehört – von KRS-One über Public Enemy bis N.W.A.. Das hat mich als Jugendlicher geschockt.
MEGALOH: »Falsche Politik« [erschien 1993; Anm. d. Red.] von Fresh Familee habe ich als Kind gehört – die Platte, auf der »Fuck The Skins« drauf war. In dem Song haben sie über die Neonazisituation im Osten der Neunziger gesprochen. Damals haben viele Flüchtlingsheime gebrannt, und die haben den Mund aufgemacht. Inhaltlich ist der Track heute noch genauso aktuell wie damals.