Real Talk: Die Krisen kommen näher (und der Wunsch, sich zu beteiligen, wächst) // Kolumne

0
1087

Immer mehr Leute kommen auf die Idee, dass es derzeit nicht ganz korrekt läuft und dass man sich irgendwie engagieren sollte. Und jetzt, liebe Homeboys und Homegirls, Dudes und Dudettes, liebe HipHop-Heads, habt ihr dazu die Gelegenheit, denn es soll sie in Kürze geben: die HipHop Partei.

Kanye hat ähnliches schon für die USA angekündigt und auch Jay Z saß die letzten zehn Jahre regelmäßig am Esstisch des amerikanischen Präsidenten, insofern ist es eigentlich nur logisch, dass sich die Generation HipHop nun formiert und ihre Stimmen in einer gemeinsamen Partei bündeln will. Bei den beiden Initiatoren der Partei in Gründung handelt es sich jedoch um Vertreter des eher nicht-kommerziellen Flügels der deutschen HipHop-Landschaft, nämlich um die Breaker Raphael Hillebrand und den legendären Storm. Beide orientieren sich an den Grundwerten der HipHop-Bewegung, die gerade im Bereich des interkulturellen Zusammenlebens doch so einiges zu bieten hat. So schreiben sie in ihrem Thesenpapier: »In Zeiten der Globalisierung ist unsere Gesellschaft einem stetigen Wandel von kultureller Identität unterworfen. Die HipHop-Kultur hat seit den Siebzigerjahren eine Vielzahl von Strategien zum erfolgreichen Miteinander im urbanen Raum entwickelt. Diese sind nicht nur für Liebhaber dieser Kunstform ein hilfreiches Werkzeug. Jeder kann von dieser Entwicklung profitieren. Das Prinzip des Dialogs und des gegenseitigen Respekts steht dabei im Zentrum. Die künstlerischen Disziplinen Malerei, Tanz und Musik wurden durch HipHop in den folgenden Dekaden neu definiert. Diese Kultur von Produzenten fordert ein aktives Mitbestimmen der Bewohner einer städtischen Gemeinschaft. Es wird endlich Zeit, diese kulturelle Praxis aktiv in die politischen Prozesse einzubinden.«

Das klingt auf jeden Fall gut, erinnert aber auch ein wenig an die Praxis von Jugendsozialarbeitern, die den Breakdance- oder Rap-Workshop für das geeignete Mittel halten, um Kinder von kriminellen Machenschaften abzuhalten. Dabei berufen sich die Macher der HipHop Partei auf einen der Gründungsmythen der HipHop-Geschichte, dass die Gangstreitigkeiten im New York der Siebzigerjahre dadurch beigelegt werden konnten, weil aus Gangstern plötzlich Sprüher, Breaker, MCs und DJs wurden. Ehrlich gesagt: Ich persönlich habe meine Zweifel an der Echtheit dieser Geschichte und würde nach wie vor behaupten, dass die Leute erst dann keine Gangster mehr werden oder bleiben wollen, wenn sie mit dem anderen Zeug genug Geld verdienen – aber das ist nur meine private Meinung. Die Gründer der HipHop Partei beziehen sich also auf die Ursprünge von HipHop im Zeitraum 1970 bis 1982 und grenzen sich dabei eindeutig vom kommerzialisierten Game ab: »Uns geht es darum, die positiven Errungenschaften dieser Kultur für unsere Gesellschaft nutzbar zu machen«, schreiben sie in ihrem Manifest und berufen sich dabei auf die gemeinsamen Werte: Gewaltfreiheit. Menschenrechte. Selbstbestimmung.

Etwas mehr ins Detail gehen die Macher in ihrem Neun-Punkte-Plan, in dem sie eine »Demokratie frei von Lobbyismus« fordern, wobei sie allerdings auch weiterhin an die »Soziale Marktwirtschaft« glauben wollen, die aus einem »freien Markt (besteht), der vom Staat in gesunde Bahnen gelenkt wird«. Dabei kritisieren sie, laut einer Studie der Princeton Universität in den USA, dass seit Jahrzehnten vor allem die finanziellen Interessen der reichsten Bürger über die Politik des Landes entscheiden würden. Diese Einflussnahme habe sich auf Europa ausgeweitet und bedrohe die Demokratie. »Das muss aufhören. Lobbyismus gehört verboten«, wird daher konsequenterweise gefordert, wobei sich allerdings die Frage stellt, wie in einer repräsentativen Demokratie die Willensbildung funktioniert, da die Abgeordneten, laut Grundgesetz, ja nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet sind – denn natürlich sind auch Demos oder Hintergrundgespräche mit Umweltverbänden, zu denen Abgeordnete eingeladen werden, Lobbyismus. Auch wenn dieser weit hinter den zahlungskräftigen Lobby-Maschinerien der Großkonzerne zurückbleibt, so würde ein solches Verbot ja auch diese Art von versuchter Einflussnahme betreffen. Anders sähe es aus mit einem imperativen Mandat, bei dem ein Bürgerrat oder eine Bürgerversammlung dem oder der Abgeordneten einen eindeutigen Auftrag erteilen würde. Davon ist im Konzept der HipHop Partei allerdings noch nichts zu lesen, stattdessen aber ein bisschen was zum Thema Bildungspolitik, die sich mehr um die Kreativität von jungen Menschen kümmern sollte und dabei natürlich auch auf die sehr erfolgreichen Techniken der HipHop-Kultur verweist.

Spannend wird es beiden Lieblingsthemen deutscher und amerikanischer Rapper: Lebensqualität und Geld. Da heißt es: »Wir sehen es als gegeben an, dass die Lebensqualität der Menschen in dieser Welt das oberste Ziel jedes politischen Systems sein muss.« Und weiter: »Es gibt keinen vernünftigen Grund für Firmen oder Individuen, unendlich viel Geld beziehungsweise Macht anzuhäufen.« Nein, diesen Grund gibt es tatsächlich nicht, allerdings muss man an dieser Stelle annehmen, dass die Gründerväter der HipHop Partei nicht wirklich verstanden haben, was Geld im Kapitalismus bedeutet. Geld ist im Kapitalismus (und somit auch in der oben geforderten Marktwirtschaft) mit einem freien Markt nämlich kein Schatz, der gehortet wird, sondern ein Investitionsgut, das sich vermehren kann. Geld hat nur dann einen Sinn, wenn es investiert wird. Investiert wird aber nur, wenn am Ende mehr rauskommt als reingesteckt wurde. Denn das bringt erst das ganze System in Schwung, denn wenn aus Geld nicht MEHR Geld werden kann, wird es nicht investiert – und dann steht alles still. Dann gibt es keine Produktion. Dann wird nichts gebaut. Es werden keine Maschinen benötigt und es gibt keine Arbeit, weil niemand da ist, der sie bezahlen will. Das ist zwar alles auch blödsinnig, und das müsste man ändern, allerdings muss man damit auch gleich die gesamte Marktwirtschaft und die freien Märkte kippen. Den freien Markt behalten und gleichzeitig auf die unsinnige Geldvermehrung verzichten zu wollen, das klappt aber leider nicht. Man kann nicht das eine ohne das andere haben wollen, das gehört leider unweigerlich zusammen.

Mit dem letzten Satz des Thesenpapiers bin ich dann allerdings wieder vollkommen down, der da lautet: »Die aktuelle Verteilung von Ressourcen weltweit ist ein Verbrechen an der Menschheit als Ganzes und hat damit jegliche Legitimation verloren.« Word up!

Insofern: HipHop Party go for Bundestagswahl 2017. Es wird spannend.

Text: Marcus Staiger
Foto: Ferry Dietel (Die Urbane) / William Minke (Marcus Staiger)

Die Urbane feiert ihre Kick-off-Jam am 20. Mai in Berlin. Genauere Infos zur Veranstaltung gibt’s u.a. auf Facebook.

Diese Kolumne erschien in JUICE #179 (hier versandkostenfrei nachbestellen).