Review: Drake – Nothing Was The Same

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Drake - Nothing Was The Same
 
(Cash Money/Universal)
 

Die Geschichte von HipHop ist die Geschichte eines Aufstiegs, von ganz unten nach ganz oben. Aus den abertausenden Aufstiegsanekdoten – real wie fiktiv – der HipHop-Figuren der letzten 40 Jahre ­materialisierte sich die Erfolgsstory dieser kulturellen Bewegung. Vom Bordstein der South Bronx zur Skyline der Welt. Aus nichts wurde alles. HipHop ist das gesamtgesellschaftliche Crescendo. Dass diese Erfolgsgeschichte längst keinen fixen Startpunkt mehr hat, wurde vor ziemlich genau sechs Monaten in Stein gemeißelt. Aubrey Graham, ein 26-jähriger Ex-Kinderschauspieler aus der kanadischen Mittelschicht, rappte immer und immer wieder den einen Satz: »Started from the bottom, now we here.« Dieses »here« brauchte keine weitere Erklärung: Drake ist einer der erfolgreichsten Musiker unserer Zeit. Aber dieses »bottom«? Von welchem »bottom« redete Drake?

 

Die Biografie von Aubrey Drake Graham ist nicht einzigartig. Eine Heerschar von Disney-Kids wandert in der popkulturalisierten Realität auf den gleichen Pfaden. Alle kennen die singenden und tanzenden Schauspieler-Entertainer Justin und Britney, Selena und Miley – mal klappt die Erschaffung der eierlegenden Wollmilch-Pop-Sau, mal verendet das Experiment mit Glatze oder twerkend vor Robin Thickes Schritt. Bei Drake hat das alles bis dato recht gut geklappt. Umso erstaunlicher, weil ihm der Wandel vom harmlosen Daily-Soap-Highschooler aus Kanada zum respektierten, globalen Rap-Star gelungen ist (no Oli P. natürlich). Drakes Werdegang ist der Beweis, dass der Anspruch an Realness mittlerweile nicht mehr nur den strikt vorgegebenen Regeln des HipHop-Genres folgen muss. Du musst nicht mehr irgendwann mal gestrugglet, gedealt, geschossen oder gelitten haben, um im Rap respektiert zu sein. Klar, Drake wird auch belächelt, ja, gehasst – wegen seiner Weißweinschorle-Musik, dem Jammern über die Exfreundinnen, dem fehlenden Klamottenstil, dem Gesang, der Posen. Aber wenn dich ein Common als »soft« beschimpft oder ein Papoose dich für die »Feminisierung von HipHop« mitverantwortlich macht, was bedeutet das schon? Du musst nicht mehr darüber sprechen, wie hart es war oder wie hart dich das gemacht hat. Du kannst deine eigenen Themen finden. Du darfst Little Brother und Aaliyah lieben und dabei Cash Money sein, du darfst Rap und Gesang verbinden, du darfst Dada-Anzüge tragen und schwarze Timberland-Boots, du darfst vom Erfolg träumen und über den Erfolg schimpfen, du darfst einen Song mit »All Me« betiteln und ihn mit 2 Chainz und Big Sean teilen und du darfst dir mit 23 Jahren das Ziel setzen, bis in zwei Jahren 25 Millionen US-Dollar zu verdienen. Auf seinem Blog schrieb Drake einmal: »Ich habe mich nicht in meine derzeitige Position eingekauft und es war alles andere als einfach, in diese Position zu kommen.« Genau das ist Drakes »bottom«.

 

»Nothing Was The Same«, allein der Titel. Was er wohl bedeuten könnte? Ist es eine dickhosige Ankündigung eines Paradigmenwechsels, wie man es eben von Ankündigungen von Rap-Alben kennt? Ist es die verletzliche Feststellung, dass dieser unglaubliche Weg zum Erfolg auch für Drake kaum nachzuvollziehen ist? Oder ist es die Erklärung des Status quo, bei dem die Voraussetzungen in der heutigen Welt des Rap (und damit Pop) schlichtweg andere sind und es Drake möglich machen werden, als erster Rapper nach Lil Waynes »Tha Carter III« – also fünf Jahre später – eine Million Alben in der ersten Woche zu verkaufen? Wir wissen es nicht. Drake lässt die Öffentlichkeit gerne im Ungewissen. Trotz seiner Musik, in der er vielleicht mehr als der ganze Rest die Hosen runterlässt. Zugegeben hat er diesen Wunsch nach Verschleierung nie selbst. Es war The Weeknd, der es im Cover-Interview mit »Complex« – übrigens dem einzigen, das es von ihm gibt – auf den Punkt brachte. Das Gerücht, dass Drake und er sich nach der engen Zusammenarbeit auf »Take Care« im Streit getrennt hätten, lächelt er erhaben vom Tisch: Natürlich sei man noch cool miteinander, aber man wolle dem Publikum eben nicht alles auf dem Silbertablett servieren. Denn: »It’s all about the mystery, and people like it.« Einer der besten Songs von »Nothing Was The Same«, die grandiose Kollaboration »Too Much« mit dem britischen Produzenten/Singer-Songwriter Sampha, liefert eine weitere Losung: »Don’t think about it too much, too much, too much, too much/There is no need for us to rush it through«.

 

 

Musikalisch ist »Nothing Was The Same« weit eindimensionaler als der Vorgänger »Take Care«. Es gibt kaum Ausreißer aus der Drake/40-Formel, dem post-souligen Emo-Rap, dem emotional aufgeladenen Schmuse-Nebel, dem Toronto-Blues. Drakes Kreuz ist breiter geworden, seine Töne jedoch leiser. Noch konzentrierter übersetzt Drake auf »Nothing Was The Same« seinen Ansatz des post-»808s & Heartbreak«-HipHops. Überhaupt, Kanye. »Me And Hov would’ve never made ‘Watch The Throne’ if this nigga wouldn’t have put pressure on us like that«, sagte Kanye auf seinem überraschenden Auftritt bei Drakes OVO-Fest in Toronto. Darauf kam die Danksagung von Drake an sein »Vorbild«, »den Gott« Kanye West. The Throne is for the taking! Im Interview mit »XXL« geht Drake noch detaillierter auf seine Beziehung zu Kanye ein: »Ich kann nicht so tun, als würde ich Kanye nicht mögen. Er ist der Typ für mich. Aber ich mache das hier, um der Beste zu sein. Ich bin hier, um alle zu übertreffen. Und dafür bin ich bereit, es mit jedem aufzunehmen.«

 

»Nothing Was The Same« bringt alle Voraussetzungen dafür mit. Auf dem Opener »Tuscan Leather« gibt Drake auf einem drei mal unterschiedlich geflippten Whitney-Houston-Sample (»I Have Nothing«) den Rap-Rapper. Auf der anderen Seite gibt es mit »Hold On We’re Going Home« einen Synthpop-Song, zu dem man live Lederschuh-R&B-Grimassen und Dieter-Bohlen-Fäuste machen kann. Auf »Jodeci Freestyle« tütete er bereits im Vorfeld den Titel für die schlechteste beste Einstiegs-Line aller Zeiten ein: »26 on my 3rd ‘GQ’ cover« – Punkt, genug geredet. Mit »Girls Love Beyoncé« wurden die Mädels bereits in Stellung gebracht, dank des »Versace«-Remix mit Migos sind die Clubs on lock und auf »5AM In Toronto« wurde der State Of The Union bereits dickschwänzig adressiert. Wer ist der Sinatra in Jogginghosen? Irgendwo dazwischen ist der rote Faden des dritten Drake-Blockbusters zu finden. Die Marke Drake hat sich längst verselbstständigt. Wofür der Rapper Drake im Jahr 2013, dem Jahr von »MCHG«, »Yeezus« und »MMLP2«, steht, ist längst nicht mehr auszumachen. Er selbst möchte der »light-skinned Keith Sweat« mit dem Eulen-Tattoo am rechten Fleck sein. Dabei ist er – und das ist seine große Stärke – genauso nah am Jersey-Shore-gebräunten Lederhaut-Schönheitsideal eines Pauly D (»Tuscan Leather«?!) wie beim Ich-hab-sehr-wahrscheinlich-Madonna-gebumst-Bravado eines Big Daddy Kane und, ach was soll’s, beim Hard-Knock-Wife-Frauenbild eines Jay Z. (»Talkin‘ about pussy power.«)

 

Nothing Was The Same eben. Man möchte Drake nur zustimmen. Nicht mit einem ­Händeschütteln, sondern mit einer Umarmung. Jedoch nicht mit einer Coolness-Pose, bei der sich die Schultern kurz berühren. Mit einem echten Hug. Einer umschließenden Deutschrap-im-Jahre-2013-Umarmung und den Worten »Drake, du hast recht. Und wir freuen uns ­wahnsinnig darüber.«