The Pharcyde [Kings Of HipHop]

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Pharcyde

Das Erbe der Achterbahn

Herbst 2013. Sonntagabend im Kaiserkeller, einem Rockschuppen auf der Großen Freiheit, in dem noch die Met-Preise der letzten Mittelalterparty an der Wand hängen. Aber an diesem Abend ist alles etwas anders: Das Publikum strotzt vor Mittdreißigern in Baggys, die sich nur zu gern an Schulzeit und Zivildienst erinnern lassen. Joints werden schüchtern in der Luft geschwenkt, dankbar singt man die in Erinnerung gebliebenen Hooks mit, von she keeps on passin’ me by bis you can’t keep runnin’ away. Nur wenige interessiert die Tatsache, dass da gar nicht The Pharcyde (oder »Farcyde«, wie das Kassenhäuschen behauptet) auf der Bühne stehen, sondern vielmehr eine Splittergruppe um genau einen der vier eigentlichen MCs, die sich nicht mehr so nennen darf. Warum? Nun, das ist eine längere Geschichte, eine hoffnungslos ausgefranste und mitunter tragische Geschichte über Begegnungen und Trennungen, über Egos, Drogen und Geld. Die Geschichte von The Pharcyde. Oh … shit.


 
Dabei beginnt alles ganz unbeschwert. 1989 finden in Los Angeles die College-Kids Emandu Wilcox aus Compton, Trevant Hardson aus South Central und Romye Robinson aus dem beschaulichen Pasadena über die gemeinsame Leidenschaft fürs Tanzen zusammen und bilden die Formation 242, die für zahlreiche Musikvideos engagiert wird. In der Sketch-Fernsehshow »In Living Color«, die auch im Lebenslauf von Jim Carrey, Jamie Foxx und J-Lo auftaucht, sind 242 eine Zeitlang Teil des Casts. Emandu und Trevant rappen und singen nebenbei, nehmen das Thema aber nicht sonderlich ernst – bis die South Central Unit ins Spiel kommt. Die SCU ist ein außerschulisches Freizeitangebot, das musikalische Jugendliche aus South Central fördert. Leiter des Programms ist der R&B-Musiker Reggie Andrews, in den 80ern erfolgreicher Produzent für Rick James und die Dazz Band, der als High-School-Musiklehrer und als eine Art Hood-Impresario einen Teil seines Hauses in Proberäume und Studios umgewandelt hat. In dieser Doppelhaushälfte formiert sich die Gruppe, die wenig später den Nukleus von The Pharcyde bildet, das Team hinter einem Debütalbum, das noch 20 Jahre später von Superstars wie Kanye West und Justin Timberlake als riesengroßer Einfluss hochgehalten wird.
 
Die Verbindung zu Reggie Andrews stellte dessen Protegé Juan Martinez her, in Madrid geborener Sohn des Jazzmusikers Pedro Martinez. Juan gilt als hochbegabter Pianist, wird mit sechs schon aufs Konservatorium geschickt und lässt die klassische Ausbildung sausen, als er Ende der 80er HipHop und R&B als Produzent und Sänger für sich entdeckt. Durch einen gemeinsamen Freund trifft er den gleichaltrigen Tre Hardson. So landen die drei Neulinge in der SCU, wo Martinez alias J-Swift eine MPC 60 ebenso gut im Griff hat wie jedes andere Tasteninstrument, und wo Reggie Andrews schnell das kreative Potenzial der Neuen erkennt. Umfeld, Technik, Knowledge – alles ist beisammen, bis auf das letzte Puzzlestück im künftigen Bandgefüge, das bald in Form von Derrick Stewart in der SCU auftaucht. Aus Derrick wird Fatlip, Emandu, Trevant und Romye werden zu Imani, Slimkid Tre und Bootie Brown. The Pharcyde sind da.
 
Dope is how I breed ’em, beats is what I’ll feed ’em
 
Während die meisten Jugendlichen in der SCU den New-Jack-Swing-Idolen des Tages nacheifern – New Edition und Teddy Riley sind der Shit –, ermöglicht Andrews der Rap-Crew gewisse Privilegien: Sie haben Zugriff auf seine riesige Plattensammlung als Sample- und Inspirationsquelle und beziehen eine gemeinsame Bude in einem Apartmentkomplex, der Andrews gehört. Ganz einfach weil ihn, wie er sagt, diese Jungs daran erinnern, »wie Jazz einmal war«. Fünf Jungs, die ohne Umschweife Rap zum gemeinsamen Plan A machen und eigentlich nichts weiter tun als kiffen (viel), Mädchen klarmachen (mehr oder weniger) und an ihrem Demo schrauben. Okay, nebenbei feiert J-Swift sein eigentliches Debüt als Produzent mit einer Keisha-Jackson-Single, und 242 tanzen in einem Video des Pop-Jazz-Trompeters Herb Alpert, der als Miteigner von A&M Records auch die SCU mitfinanziert. Egal. Aber dieses Demotape.
 

 
Die drei Stücke zeigen Anfang 1991 die Essenz dessen, was diese Band so außergewöhnlich macht: Die Deine-Mudder-Sprüche auf »Ya Mama« sind halsbrecherisch lustig, kackdreist und einfallsreich. »Officer« beschäftigt sich auf eine Weise mit dem Leben als schwarzer Jugendlicher in ­South Central, die sich diametral von dem unterscheidet, was N.W.A. vorgelegt haben. Und »Passin’ Me By« ist auch damals schon »Passin’ Me By«, ein bei allem Augenzwinkern herzzerreißendes Stück Poesie über unerwiderte Liebe. So richtig wild ist zunächst kein Label auf die verstrahlte Gruppe von der Westküste, die zwischen den kommerziell schon recht verwertbaren Themen Gänseblümchen (aus New York) und Straßendinge (aus L.A.) in kein gängiges Industrie-Beuteschema passen mag. Von Motown lässt man sich zum Dinner ausführen, was neben dem freien Essen aber zu wenig führt. Der Schlüssel zu Pharcydes Plattenvertrag ist schließlich nicht ihr de-facto-Manager Reggie Andrews, sondern Paul Stewart, ein unermüdlicher Strippenzieher, auf dessen Konto die Erfolge von Warren G, Cypress Hill und House of Pain gehen und der sich heute um Musik für Hollywood-Blockbuster kümmert. 1991 ist Paul Stewart Streetpromoter, The Source-Korrespondent, Warm-Up-DJ im Studio von »Fresh Prince of Bel-Air« und nach einem Job bei Delicious Vinyl eine feste Größe in der Rapwelt der Stadt. Auf einer Collegeradio-Convention schleppt ein befreundeter Tänzer nachts plötzlich vier Kerle in Stewarts gut gefülltes Hotelzimmer, die spontan – sofern man das durch die Rauchschwaden sehen kann – auf dem Bett hüpfend »Ya Mama« rappen. Stewart, der gleich beim ersten gemeinsamen Essen mit einer gesperrten Kreditkarte für Sympathie sorgt, übernimmt das Management. Das führt zum Bruch mit Reggie Andrews, zu einem neuen temporären Zuhause in Paul Stewarts Zweizimmerwohnung und im Sommer 1991 zu Mike Ross, Mitgründer von Delicious Vinyl.
 
Seit »Wild Thing« von Tone Loc und »Bust A Move« von Young MC 1989 in den Top Ten gelandet sind, ist Delicious Vinyl eines der erfolgreichsten Rap-Indielabels im Westen, kann aber in den folgenden Jahren keine neuen Acts etablieren. Mike Ross hört »Passin’ Me By« bis zu Tres Zeile »I guess a twinkle in her eye is just a twinkle in her eye«, drückt auf Stopp und will die Band signen. Er erinnert sich: »Dieser Song verkörperte die Band perfekt. Sie kamen nicht straight outta Compton. Sie hatten keine Waffen und waren nicht in Gangs, sondern lustige Lyricists, die viel mehr mit dem Native Tongues-Movement gemein hatten.« Delicious Vinyl bietet, was sonst keiner einräumen will: künstlerische Freiheit. The Pharcyde unterschreiben. Dass das Kleingedruckte nicht gerade zum finanziellen Vorteil der Band ist, schert erst mal keinen. Das kommt später.
 
Als Kickstart wird das Signing auf »Heavy Rhyme Experience, Vol. 1« platziert, einem Album der britischen Acid-Jazzer Brand New Heavies, auf dem The Pharcyde mit »Soul Flower« ihre erste Veröffentlichung haben – gleich neben Gang Starr, Main Source, Grand Puba und Black Sheep. Wenige Tage nach der Session beginnen die Arbeiten an »Bizarre Ride II The Pharcyde«, das in etwas mehr als einem halben Jahr in einer fast Kommunen-artigen Atmosphäre entsteht. Die Rapper beziehen das Haus, das als Pharcyde Manor für die nächsten Jahre Platz zum Leben, Proben und Feiern bietet, verbringen aber die nächste Zeit fast durchgehend im Hollywood Sound Studio. Die Entstehung von »Bizarre Ride« ist so, wie das Endprodukt klingt: eine endlose Jamsession, überquellend vor Ideen und Insiderwitzen, popkultureller Inspiration und Weed (Hausdealer Quinton hat einen eigenen Skit auf dem Album und später sogar eine von J-Swift produzierte Single). Bandmitglieder schlafen im Studio in Regalen oder unter dem Billardtisch. Auch Paul Stewart und Mike Ross verbringen viel Zeit dort, die Fäden laufen aber bei J-Swift zusammen, der neben Drummer JMD alle Instrumente einspielt und diese ebenso sampelt wie Berge von Jazzplatten, die ihm aus allen Richtungen gereicht werden: »Auf dem ersten Album habe ich fast 70 Platten gesamplet und wurde nur bei 16 erwischt. Because I chop the shit up!«
 
Just tell that you’re affected by the e-g-o
 
Gegen Ende der Produktionsphase zeigen sich die ersten Risse im Bandgefüge. Zwischen Tre und Fatlip knallt es häufig, wenn auch auf einer Ebene, die beide noch als brüderlich wahrnehmen. Handgreiflichkeiten sind keine Seltenheit, fast immer geht es dabei um künstlerische Meinungsverschiedenheiten. Das mag damit zu tun haben, dass Fatlip den Eastcoast-Dogmatiker gibt, für den nichts über Big Daddy Kane geht, während Tre einen Hang zu Soul und Gesang an den Tag legt. Neben unliebsamen, musikalischen Kompromissen geht es, oh Wunder, auch ums Geld: In einem Streit um Produktions-Credits verlässt J-Swift kurz vor Deadline die Motivation. Er holt LA Jay an Bord, der mit »Otha Fish« den letzten Song der Sessions produziert, kehrt Pharcyde den Rücken und verabschiedet sich auf seine ganz eigene bizarre Reise. »Otha Fish«, ein Höhepunkt des Albums, sorgt als Tre-Solostück später für weiteren Ärger, als Fatlip sich weigert, zum Videodreh zu erscheinen.
 
Aber: »Bizarre Ride II The Pharcyde« ist fertig. Zu einer Zeit, als längst Gangsta-Rap die Westküste dominiert, als niemand mit Jazz aus South Central rechnet, einem Ort, den die Welt zuletzt in »Menace II Society« als Hölle auf Erden kennengelernt hat. Zu erfolgreich sind Tribe, De La und ihr Umfeld aus New York, als dass der sogenannte alternative Rap aus L.A. eine große Abnehmerschaft fände. »Bizarre Ride« erscheint im September 1992, nur wenige Wochen vor »The Chronic« von Dr. Dre, das mal eben die komplette Musikwelt verändert. The Pharcyde hätten mit etwas Pech in der gleichen Nische landen können wie ihre Weggefährten Freestyle Fellowship – super und übersehen. Das Video zu »Ya Mama«, ein kaum eigenständiges buntes Etwas, ändert daran zunächst wenig. Aber dann kommt »Passin’ Me By«, die zweite Single mit dem zurückgenommenen Schwarzweißvideo, in dem die Welt um die MCs herum Kopf steht, während sie über Frauen sprechen und ganz ungeschminkt Dinge bekennen wie: »Damn I wish I wasn’t such a wimp.« Fatlip erkennt erst anhand von Biggies »Ready to Die«, welche Macht ein Image haben kann, bis dahin will er nie hinterfragt haben, ob andere Rapper die Wahrheit sagen, ob jemand ein Killer ist oder einfach ein Poet. Die Band versteht »Bizarre Ride« nie als bewusstes Statement gegen das Gangstertum, im Gegenteil, N.W.A. geben sie immer Props. Sie trauen sich einfach, eine andere Seite von HipHop zu repräsentieren: ihre eigene.
 
Das grundehrliche Album bekommt zwar gerade mal dreieinhalb Mics in der Source und bleibt auf Chartplatz 75 hängen, »Passin’ Me By« klettert aber auf Platz 52 der Hot 100, und Mike Ross erzählt oft von einem Termin bei MTV, die letztendlich »Slam« von Onyx statt »Passin’ Me By« auf Tagesrotation nehmen. So knapp. Trotzdem übertrifft der Song im nächsten Jahr alle Erwartungen, und das Label versteht es, die unmittelbaren Bedürfnisse des beständig tourenden Quartetts zu befriedigen. Denn solange genug Taschengeld, Drogen und Frauen da sind, stellt niemand unangenehme Fragen. Eine breite Akzeptanz poliert die angekratzten Egos auf Hochglanz. Q-Tip und Phife rufen als hysterische Fans in der Rapper-WG an, Pharcyde touren mit Tribe, De La Soul und Ice Cube, und als sie im New Yorker Palladium erleben, wie Funkmaster Flex zur Primetime ihren Hit aufcuttet, fühlen sie sich endlich von der verehrten Ostküste angenommen. Dass Russell Simmons das Demo einst mit der Anmerkung abgelehnt hat, das sei »some East Village hipster shit«, ist vergessen. (Dass das mal eine Begründung für ein Nein war, ist wieder ein ganz anderes Thema.) Aber in New York findet auch ein entscheidendes Umdenken statt, als Tupac Shakur sich dort der Band gegenüber wundert, dass sie immer noch nicht Gold gegangen seien – er höre die Single doch ständig, überall. Für Paul Stewart ist genau das der Moment, an dem The Pharcyde ihre Unschuld verlieren. An deren Stelle tritt ein wachsendes Misstrauen gegen ihre Geschäftspartner. Tre erzählt später: »Eine Zeitlang habe ich das Leben einfach gehasst. Ich wollte nur noch herausfinden, wo unser verdammtes Geld war.« Die Band fühlt sich vom Label hintergangen, interne wie externe Spannungen wachsen. Die Tantiemen für »Passin’ Me By« fließen zum Großteil zu Quincy Jones, Goldstatus erreicht »Bizarre Ride« erst 1996, als der Kosmos der Band bereits völlig anders aussieht.
 
And all this time you been wantin’ somethin’ for nothin’
 
In Interviews zum Debütalbum ist zu lesen, dass die Band nur drei gemeinsame Alben veröffentlichen will, bevor es auf zu neuen Ufern geht. Drei Alben umfasst auch der Vertrag mit Delicious Vinyl. Dass es schon beim zweiten so viel anstrengender wird, hätten sie damals sicher nicht vermutet. Die zerfeierte Pharcyde Manor wird gegen ein etwas schickeres, spärlich möbliertes Haus in Silverlake eingetauscht, das auf den Namen Labcabin hört, das Management übernimmt der bisherige Tourmanager Greg »Suave« Campbell. Die tatsächliche Arbeit an dem Album, das »Labcabincalifornia« werden soll, beginnt verspätet in den New Yorker D&D Studios mit Diamond D und Q-Tip. Letzterer muss sich nach »Midnight Marauders« mit einer ganz eigenen Gruppendynamik befassen, steckt dem Besuch aus Kalifornien aber Beattapes von einem gewissen Jay Dee zu. Ein Witz, da sind sich The Pharcyde sicher. Diese irren Beats kommen doch auch von Tip, der bürgerlich Jonathan Davis heißt, also Jay Dee. Oder? Nein. Irgendwann treffen sie tatsächlich auf den noch gänzlich unbekannten James Yancey aus Detroit, lange bevor Dilla dein T-Shirt gechanget hat.
 
Für angeblich 2.500 Dollar pro Beat verantwortet Jay Dee schließlich knapp die Hälfte von »Labcabincalifornia«, inklusive der Singles »Runnin’« und »Drop«. Als das Album 1995 erscheint, sind drei Jahre seit der ungezwungenen Bohemien-Mixtur von »Bizarre Ride« vergangen, und in einer HipHop-Landschaft, die von einem medial aufgepeitschten Eastcoast-Westcoast-Konflikt dominiert wird, bekommt das radikal introvertierte Album kaum die verdiente Aufmerksamkeit. Inhaltlich hat man es mit vier merklich desillusionierten Charakteren zu tun, die die Enttäuschung von sich selbst und voneinander, vom Geschäft und von HipHop kaum verbergen können. »Everytime I step to the microphone, I put my soul on two-inch reels that I don’t even own.« Hier, Label, nimm. Auf dem Rücken des passablen Erfolgs von »Runnin’« und des wahnsinnigen Rückwärts-Videos zu »Drop«, mit dem Spike Jonze für ein paar Monate das Musikfernsehen dominiert, erfahren The Pharcyde zwar weiteren Crossover-Fame, spielen Lollapalooza und touren ausgerechnet mit Korn. Ein nächstes kommerzielles Level verfehlt das 420-Quartett trotzdem. »Labcabincalifornia« hat bis heute keinen Goldstatus erreicht.
 

 
Intern wird’s nicht besser. Gerade Fatlip ist mit dem New-York-geprägten Album latent unzufrieden, kloppt sich vor dem schockierten Dilla mit Tre über die Frage, welcher Sampler besser ist, und, so sagt man, beklaut sogar Bands, mit denen man spielt. Tre produziert mit LA Jay ein Album für Brian Austin Green, der neben seiner Karriere vor den Kameras von »Beverly Hills, 90210« Rap-Ambitionen hegt. Ein Move unter Freunden, den Tre bis heute vehement gegen Kollegenschelte verteidigt, garniert mit der Fußnote, dass ein gewisser Daniel »Doom« Dumile ebenfalls in den Credits auftaucht. Ein unberechenbarer Fatlip ist nach fünf, sechs ununterbrochenen Jahren mit der Band derart unzufrieden, dass er beschließt, sich lieber das Produzieren beizubringen als mit The Pharcyde aufzutreten. Zu redundant ist ihm die Routine, zu wenig HipHop das Resultat. Tre findet er wack, weil er singt – »Wu-Tang haben nie gesungen« –, und verliert sich in Kokain, Ecstasy und Paranoia. Imani und Brown bilden ein loyales Zweierteam innerhalb der desolaten Gruppe, das sich längst von den ambitionierten Streithähnen und deren allgegenwärtigen Freundinnen abgrenzt. Als eines Tages, privat geht man sich längst aus dem Weg, der Rest der Band vor Fatlips Wohnung steht, ist klar, was kommt. »Du solltest lieber dein eigenes Ding machen.« Fünf Minuten später ist das zentrale Kapitel der Bandgeschichte abgeschlossen, Fatlip ist raus, primär auf Tres Betreiben, und es wird Jahre dauern, bis er nach der folgenden depressiven Phase wieder Fuß fassen kann – oder bis man wieder etwas von The Pharcyde hört.
 
Wonderin’ why is everybody always pickin’ on me
 
1999 taucht Fatlip nur kurz wieder auf der Bildfläche auf, als Delicious Vinyl mit »What’s Up Fatlip« eine schonungslose Statusmeldung des Verstoßenen veröffentlicht: »Feelin’ downtrodden, fresh kid turned rotten (…) I make myself sick, get on my own nerves / immature, insecure grown up nerd / has-been MC on a label that’s unstable.« In einem halbstündigen Porträt von Spike Jonze, der »What’s Up Fatlip« treffend verfilmt, spricht Fatlip offen über Drogen, Depressionen und erzählt die unangenehme X-rated Version der Transvestiten-Geschichte aus »Oh Shit«. Für Sommer 2000 wird das Album »Revenge of the Nerd« angekündigt – und kommt nicht. Fatlip rutscht nur für MTV Jackass den Handlauf einer Rolltreppe hinunter und prellt sich den Steiß.
 

 
Unterdessen laborieren Imani, Bootie Brown und Tre nach einer EP als Trio wenig glücklich am überfälligen, dritten Album herum. Zwar taucht J-Swift mit einzelnen Produktionen auf, insgesamt sind aber weder Band noch Label zufrieden mit dem Material. Wenn Tre nicht gerade an seiner eigenen musikalischen Zukunft arbeitet, befasst er sich mit Spiritualität, Taekwondo, Yoga und Meditation und irritiert so nachhaltig seine verbleibenden Bandkollegen, die ihn kaum noch zu Gesicht bekommen. Sie stellen ihn vor die Wahl: Solosachen oder Pharcyde. Tre sieht die für ihn einzig logische Konsequenz und verlässt die Band. Aus dem vorhandenen Material wird auf Drängen von Delicious Vinyl das Album »Plain Rap« fertiggestellt, das von der Kritik weitgehend ignoriert wird und dem State of the Art des Jahres 2000 nichts hinzuzufügen hat, wenngleich es das letzte grundsätzlich hörenswerte Pharcyde-Album bleibt. In den USA erscheint »Plain Rap« in einem Joint Venture mit Edel America, in Deutschland über Four Music. Rechte am Backkatalog erwirbt Four gleich mit und presst die ersten beiden Alben nach, mit dem neuen Album passiert aber auf beiden Seiten des Atlantiks kaum etwas.
 
Die Single »Trust« ist insofern aufschlussreich, dass Imani sich offenkundig auf Fatlip bezieht: »What’s the gripe, clown, turn that hype down / you had your chance but wasn’t able to advance (…) you fucked up your chances / due to certain circumstances that you could’ve controlled / but had no real substance so under pressure you fold.« Im animierten Video wird sich über einen Fatlip-Clown mokiert und er wird sogar geschlagen, bevor Tre zum Ende seiner nachdenklichen Strophe als Phönix gen Himmel fliegt – beides, so Imani, habe der Regisseur gegen den Willen des Duos umgesetzt. Tre Hardson veröffentlicht im selben Jahr als The Legend of Phoenix ein Album in Kleinstauflage über sein eigenes Label Flying Baboon. Brown und Imani finden sich immer mehr in der Rolle, das Erbe der Marke The Pharcyde zu verwalten, ohne dem Anspruch künstlerisch Nachdruck verleihen zu können, während R&B-Crooner Joe mit »Stutter« »Passin’ Me By« zu neuem Leben erweckt und mehr neue Fans zu The Pharcyde bringen kann als die zerschlagene Band selbst. Ähnlich wirkt 2003 das auf »Runnin’« basierende »Fallen« von Mya, die Fatlip und Tre sogar auf einen Remix einlädt.
 
Gotta kick something that means something
 
Mit »Liberation«, dem Debüt unter seinem bürgerlichen Namen, veröffentlicht Tre Hardson 2002 das vielfältigste der Pharcyde-Soloalben, ein erfreulich bodenständiges Werk mit MC Lyte, Chali 2na (Zwischenfrage: ob es Jurassic 5 wohl ohne The Pharcyde gegeben hätte?) und schlau eingesetzter Liveband. Der Rumpf von The Pharcyde bildet derweil mit den Souls of Mischief die Supergroup Almyghty Mygthy Pythons und liefert eine 12″ ab, der bis heute kein Album gefolgt ist – wegen zu hoher Erwartungen, wie Imani sagt. Gar nicht so hoch sind die Erwartungen, als 2004 »Humboldt Beginnings« fertig ist, das vierte und bis heute letzte Pharcyde-Album auf dem bandeigenen Imprint Chapter One, mit Beats von Spaceboy Boogie X und dem New Yorker 88-Keys. Boogie X und Manager Greg (»Schmooche Cat«) werden sogar als neue Bandmitglieder vorgestellt. Das Album dreht sich weitgehend ums Kiffen, ohne dabei jemals wirklich nach Spaß zu klingen, und geht, das muss man so sagen, unter wie ein Stein. Den kreativen Funken haben offenkundig Tre und Fatlip mitgenommen. Zur Zeit dieses Albums verklagt Tre, kommerziell weniger erfolgreich als gehofft, die Ex-Kollegen auf seine Rechte am Namen The Pharcyde und unterliegt vor Gericht. Allein Brown und Imani dürfen unter dem Bandnamen auftreten.
 
Fünf Jahre nach Plan wird 2005 Fatlips Soloalbum – inzwischen heißt es »The Loneliest Punk« – auf Delicious Vinyl veröffentlicht. Wie zu erwarten ist das Album ein harscher Kontrast zur Ausgeglichenheit eines Tre Hardson, vielleicht ein bisschen nervig und negativ und gerade deswegen ein ganz zentrales, autobiografisches Statement, wenn man ’Lip verstehen will. Für Musik sorgen J-Swift, Mark the 45 King und Fatlip selbst als Edy Crahp (mal rückwärts lesen), Shock G und Chali 2na als Gäste passen blendend ins Westküsten-Weirdo-Rap-Kontinuum.
 
Aus den Jahren ab 2000 bleiben diverse, oft widersprüchliche Geschichten nachzulesen, in denen es nicht an Schuldzuweisungen mangelt. Bootie Brown und Imani stehen weiter Schulter an Schulter, Tre kommt in Interviews selten gut weg, tritt aber je nach Tageslaune doch noch hin und wieder mit beiden auf. In Bezug auf Fatlip, der meist als an sich selbst gescheiterter Irrer dargestellt wird, sind nur vereinzelte Kollisionen überliefert. Bootie Brown ist 2005 nach einem Feature auf »Dirty Harry« mit den Gorillaz unterwegs, Imani hat eine Reihe von Japan-only-Releases und Tre legt 2006 »Slimkid3’s Cafe« nach, ein etwas verspätetes Neo-Soul-Album, bevor er mit der Latin-Funk-Combo Ozomatli reist.
 
Erst 2007 raufen Fatlip und Tre sich ernsthaft zusammen und nehmen ihren Klassiker-Katalog mit auf die »Over 30, Dirty Old Men Tour«. Mit J-Swift entsteht die Single »All I Want For Christmas (Is Somebody Else)«, ein wenig festlicher Trennungssong und die erste gemeinsame Arbeit der drei seit 15 Jahren. Allmählich scheint – bei nur noch zwei Streitparteien – zum ersten Mal eine friedliche Reunion halbwegs denkbar, und in der Tat gelingt es den solventen Machern der Festivaltour Rock The Bells, The Pharcyde für den Sommer 2008 mit allen vier MCs zu verpflichten. Elf Jahre nach Fatlips Ausstieg steht die Crew wieder zusammen auf der Bühne. Die ausgehandelten Verträge sorgen dafür, dass Imani und Brown einen höheren Anteil der Gage erhalten, als Kompensation für diverse Posten, die Tre und Fatlip seit ihrem Weggang der Bandkasse schulden. Auf Rock The Bells folgen 2008 und 2009 weitere gemeinsame Gigs, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Probleme überhand nehmen. Fatlip regt sich über Imanis Stimme auf, die er nicht mehr ertrage. Brown petzt. Imani und Brown wollen Delicious Vinyl per Gerichtsbeschluss zwingen, die Bücher offenzulegen, um an ihre rechtmäßigen Tantiemen zu kommen. Anstatt sich der Klage anzuschließen, warnt Tre angeblich das Label vor der Aktion. Zwar bekommt das Duo Nachzahlungen, fühlt sich aber nach dieser Episode erst recht hintergangen. Nur noch selten spielt Tre 2010 und 2011 mit The Pharcyde.
 
You gotta get on up off of that bullshit
 
2012, zum 20. Geburtstag von »Bizarre Ride II The Pharcyde«, wird auf Initiative von Delicious Vinyl und J-Swift, Fatlip und Tre im Roxy Theatre, Los Angeles, das erste Album der Gruppe in voller Länge aufgeführt, Skits und alles. Da Imani und Brown nicht dabei sein wollen, ist der Bandname tabu. Swift, L.A. Jay und der MC K-Natural ergänzen die Crew auf der Bühne, JMD an den Drums, Quinton bringt Partyutensilien. Die als One-Off gedachte Nacht wird ein unerwarteter Erfolg, »Bizarre Ride Live« geht international auf Tour und man denkt laut über neue Musik in dieser Konstellation nach. (Den eingangs erwähnten Abend in Hamburg bestreiten übrigens Tre, J-Swift, LA Jay, K-Natural und DJ Cee Brown ohne Fatlip, der spontan nicht ausreisen darf oder krank ist, je nachdem, wen man fragt.)
 

 
Einen neuen Höhepunkt erreicht das ewige Gerangel, als Bootie Brown und Imani im Sommer 2013 Tre und Fatlip verklagen, weil sie unerlaubter­weise als The Pharcyde aufgetreten seien. Die Klage lautet auf Vertragsbruch, Markenverletzung, Verletzung des Persönlichkeitsrechts, unlauteren Wettbewerb und unrechtmäßige Bereicherung. Der Ausgang bleibt bis dato ungewiss.
 
Das letzte Album unter dem einst so klangvollen Namen The Pharcyde wird bald zehn Jahre alt. Wenn man unbedingt Punkte vergeben möchte, haben Fatlip und Slimkid Tre seit der Jahrtausendwende eindeutig interessantere Musik gemacht als ihre ehemaligen Freunde. (Oder kennt ihr das Mixtape von Bootie Brown als Frank Friction? Besser so.) Studiert man Videos von der Reunion bei Rock The Bells, tauchen die selben Bewegungsmuster auf wie früher: Tre und ’Lip, die Mike Ross gern als McCartney und Lennon der Band bezeichnet, stehen instinktiv ganz vorne, sobald sie die Bühne betreten. Imani und Romye wirken wie ihre Backups. Umso unerbittlicher halten sie daran fest, heute die einzig legitimen The Pharcyde zu sein. Nur ist das eigentlich alles gar nicht mehr wichtig. Mit zwei unangefochtenen Klassikern, über jeden Zeitgeist erhabenen Alben, die gegensätzlicher kaum sein könnten, haben The Pharcyde ihren Platz in dieser Rubrik ein für allemal verdient. Viel mehr aber als eine weitere gequälte Reunion ist ihnen zu wünschen, dass es ihnen gelingt, sich gegenseitig in Frieden zu lassen. Ihr musikalisches Erbe wird es ihnen danken.
 
Mmm … drop.
 
Foto: Presse
 
Dieser Artikel ist erschienen in JUICE #157 (hier versandkostenfrei nachbestellen).