Titelstory #155: Sido (Interview)

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Als das superintelligente Drogenopfer sich gerade auf dem Sprung zum Erfolg befand, empfing er ­unseren Autoren Marc Leopoldseder merklich verpennt in einer kleinen, schäbigen Bude inmitten eines Hochhauskomplexes. Das ist mehr als neun Jahre her. Seitdem hat Paul Würdig die schönen und die schlechten Seiten des Showgeschäfts kennen gelernt und, zunächst musikalisch, mittler­weile aber auch privat, all seine Ziele erreicht. Er veränderte gemeinsam mit Bushido, Fler und Aggro ­Berlin deutschen HipHop und vielleicht sogar das ganze Land. Mit seiner Karriere, mit seinem Erfolg hat er all den verlorenen Straßenjungs und ihren Träumen ein Denkmal gesetzt, um das niemand mehr herumkommt. Heute ist Sido das, was man arriviert nennt. Mal mehr, mal weniger souverän ­meistert er den Spagat zwischen seinem Leben als boulevardrelevante Persönlichkeit und seinem noch ­immer ­unangefochtenen Status als eines von Deutschraps wichtigsten Aushängeschildern. Dass er als ­Wandler zwischen diesen unterschiedlichen Sphären immer auch die Fahne für HipHop hochhält, hat ihm die Szene nur selten gedankt. Dennoch ist Sido seiner Kultur immer treu geblieben. Mit seiner Musik hält er es ähnlich: In seinen Texten, ganz gleich, ob zu verdrogten Royal-TS-Zeiten oder in den persönlichen ­Seelenspiegelungen von »Ich«, blieb Sido immer einer, der konkret aus dem jeweiligen ­Lebens­abschnitt des Menschen Paul Würdig berichtete. Mit jeder neuen Platte lernte man gewissermaßen auch einen neuen Sido kennen. Daran hat sich bis heute nichts geändert und so dürfte auch »30-11-80«, sein fünftes Soloalbum, wieder einige Menschen auf dem falschen Fuß erwischen.

 

Berlin, ein Tag im Oktober. Eine Woche vor Heftabgabe. Im siebten Stock des Universal-Gebäudes an der Spree tönt ein selbstbewusster Sido aus den Boxen. Ich brauche nur wenige Songs, um zu merken, dass ich hier alles andere als das dahingeschluderte Spätwerk eines Künstlers höre, der alles erreicht hat und dem deswegen die Ideen ausgehen. Anstatt sich an klassischen Rap-Thematiken abzuarbeiten, gibt sich Sido tatsächlich, man mag es kaum glauben, gereift und erwachsen. Die Idee des »Grown Man Rap«, den Jay-Z mit »Kingdom Come« ausgerufen hatte, auf »301180« lebt sie weiter. Hier spricht offensichtlich keiner, der seiner für immer verlorenen Jugend nachrennt. Paul Würdig hat seinen Platz im Leben gefunden. Folgerichtig spricht auch Sido soziopolitische Themen an und berichtet von Vaterfreuden. Gleichzeitig erzählt er jedoch auch wieder verstärkt aus dem Alltag der Menschen um ihn herum, so wie Sido das schon immer getan hat. Das gesamte Projekt »301180« – der Titel bezieht sich natürlich auf das Geburtsdatum von Paul Würdig – wirkt in sich schlüssig. Sido kann heute mit Genetikk und Marsimoto Maskenball feiern, aber auch Musik mit Helge Schneider und Marius Müller-Westernhagen machen, ohne dass man sich erschrickt. Sicher, Straßenrap klingt anders. Doch wie könnte Sido heute noch guten Gewissens vom Straßenleben erzählen? Schließlich lebt er doch heute am Rande eines verschlafenen Vorortes in der Peripherie Berlins.

 

 

Genau dort bin ich eine gute Stunde später auch mit Sido verabredet. Ein Universal-Mitarbeiter hat mich hingefahren. Gerade stehen wir vor einem eisernen Tor, das sich ferngesteuert öffnet. Kurz nachdem wir das Grundstück betreten haben, sehe ich das Haus der Familie Würdig, zuvor hatte es sich hinter mehr als zwei Meter hohen ­Hecken versteckt. Wir gehen eine große Wiese entlang die Einfahrt hinauf. Das Haus ist weiß und geräumig. Ein Hund kommt auf uns zugerannt. Anstatt uns ­Eindringlinge kritisch zu beschnuppern, möchte er sich jedoch Streicheleinheiten abholen. Dann biegt Sido, Verzeihung, Paul ums Eck und begrüßt uns freundlich grinsend. Natürlich ohne Totenkopfmaske, aber auch ohne die Sonnenbrille, die er heute stets in der Öffentlichkeit trägt. Jogginghose, T-Shirt, Adiletten – die Zeichen wirken eindeutig. Hier steht nicht Sido, der Rap-Star, sondern Paul, der Mensch. Wir betreten das Haus und gehen direkt hinunter in den Keller, dort, wo der Hausherr sich sein Jungszimmer eingerichtet hat. Seine Familie und sein Wohnbereich bleiben das, was sie sind: Privatsache. Ich nehme auf einer Couch Platz, Sido holt uns einen Tee. Ich blicke auf eine Standard­ausrüstung für einfache Homerecording-Sessions, eine goldene Schallplatte für »23«, einen großen Fernseher inklusive Nintendo Wii. Kein Prunk, kein Protz, nirgendwo. Fünf Minuten später dampft vor meiner Nase der Tee, während Sido mir gegenüber sitzt und einen Joint dreht. Von oben hört man Babygeschrei.

 

Dein neues Album klingt, als hättest du der HipHop-Szene noch etwas zu beweisen. Ist das so?
Ich muss der Szene nichts mehr beweisen, aber ich wollte ihr noch mal zeigen, wo der Hammer hängt. Ich weiß, dass ich gut bin. Ich sehe solche Dinge ja sehr objektiv. Ich höre mir noch immer alle relevanten Neuerscheinungen an und bilde mir dazu eine ehrliche Meinung – ohne mich vorab von irgendwem beeinflussen zu lassen. Und so kann ich objektiv sagen: Ich bin zwar ­mittlerweile immerhin 33 Jahre alt, aber immer noch der Krasseste.

 

Als wir vor einigen Jahren mit dir über »Ich« sprachen, sagtest du, dass die Rap-Krone jetzt dir gehöre. Liegt die gerade oben in deinem Schlafzimmer?
Die habe ich eingeschmolzen und mir eine schöne Uhr draus machen lassen. Eine Krone? So ein Statussymbol brauche ich nicht. (lacht) Was soll man mit solchem Scheiß? Solange die Leute wissen, dass ich weiterhin der Beste bin, ist doch alles in bester Ordnung. Natürlich sind in den letzten Jahren viele gute Leute nachgekommen, aber die sind bisher noch nicht auf meinem Level.

 

Wie wichtig ist dir eigentlich, dass andere Menschen diese Einschätzung teilen?
Eigentlich brauche ich diese Bestätigung von außen nicht. Hater wird es ohnehin immer geben. Solange der Großteil der Menschen weiß, dass ich noch immer an der Spitze stehe, bin ich glücklich. (grinst)

 

»301180« beginnt mit »Hier bin ich ­wieder«, einem sehr selbstsicheren Song und einem klassischen Opener, dessen großes und breites Instrumental mich ein wenig an die Opener älterer Jay-Z-Platten erinnert.
Naja, erst mal klingt für mich an der Platte eigentlich alles ziemlich groß. Da ist nichts zufällig oder mal so eben nebenbei entstanden, ganz im Gegenteil. Was daran liegen mag, dass wir die Grundidee für das Album sehr lange mit uns herumgetragen haben. Ganz konkret sind die Songs dann relativ schnell entstanden, weil ich ja zuvor drei Jahre lang Zeit gehabt habe, um mir darüber Gedanken zu machen, wie mein nächstes Album klingen wird. Diese Platte musste einfach opulent klingen, mit weniger hätte ich mich nicht zufrieden­geben können. Deswegen macht auch gleich der erste Song ordentlich Rabatz. Es gibt kein Intro, kein Gequatsche, sondern einfach direkt auf die Zwölf. »Hier bin ich wieder« knüpft außerdem an eine Tradition an. Schon meine letzten Alben begann ich immer mit einem Song, auf dem ich rekapituliere, was in meinem Leben zwischen der Veröffentlichung des jeweils letzten und des aktuellen Albums passiert ist.

 

 

Eines der konkreten Ereignisse, die du im Text ansprichst, ist dein Sieg bei der TV-Sendung »Absolute Mehrheit«. Hat es dich sehr gewurmt, dass man deine guten Absichten infrage gestellt hat, weil du nicht verraten wolltest, was du mit dem ­gewonnenen Geld machen wirst?
Nö, eigentlich nicht. Mich stört es viel mehr, wenn Prominente ihre Charity-Aktivitäten an die große Glocke hängen müssen, um selbst davon zu profitieren. Charity ist Charity, heißt also, ich tue etwas, ohne davon selber zu profitieren. Es geht darum, etwas zu geben, ohne dafür irgendwas zurückzubekommen. Ich mag es nicht, wenn Leute es an die große Glocke hängen, dass sie Gutes tun. Ich fand es total affig, dass man quasi von mir verlangt hat, dass ich das gewonnene Geld zur ­Selbstpromotion verwende.

 

Überhaupt diese Sendung: Das war ja nicht das erste Mal, dass du dich auf die eine oder andere Art und Weise in eine ­politische Diskussion eingeschaltet hast. Die Sachen sind dir wirklich wichtig, oder?
Ja, das stimmt. Ich habe mich unter ­anderem auch in diese Sendung gesetzt, weil ich es mir tatsächlich gut ­vorstellen könnte, selbst mal so ein Format zu produzieren. Ich würde sehr gerne eine Politiksendung für das normale Volk auf die Beine stellen. Das probiert Stefan Raab mit »Absolute Mehrheit« ja auch, allerdings funktioniert das nur zur Hälfte, weil seine Gäste am Ende dasselbe quatschen wie bei Maischberger.

 

Ganz blöd gefragt: Wie kannst du überhaupt noch guten Gewissens »Schlechtes Vorbild« bei deinen Shows spielen? Siehst du dich trotzdem auch selbst noch so?
Weißt du, im Endeffekt werde ich in der öffentlichen Wahrnehmung doch immer der Rüppelrapper bleiben. Wenn ich in eine Talkshow gehe, spricht man mich immer noch auf den »Arschficksong« an. Ich bin heute natürlich ein anderer, aber ich glaube nicht, dass die breite Masse das wirklich wahrnimmt. Der erste Eindruck zählt eben. (grinst) Aus dieser Perspektive macht macht es heute eigentlich umso mehr Sinn, diesen Song zu spielen. Schließlich will ich ja tatsächlich nicht, dass ihr euch ein Beispiel an dem Sido nehmt, den ihr euch in eurem Kopf zurechtgelegt habt.

 

Denkst du heute eigentlich noch häufig an deine Vergangenheit, an den »alten« Sido?
Schon. Manchmal, wenn ich durch mein Haus laufe und die Gänge einfach kein Ende nehmen, da denke ich daran, wie ich früher drauf war, wie ich damals gelebt habe. Aus heutiger Perspektive glaube ich, dass diese Zeit für mich sehr wichtig war. Ich vergleiche das gerne mit einem Tattoo. Während du es machst, tut es weh, aber wenn du es dann hast, dann bist du glücklich. Ich habe lange echt ein ­unerträgliches Scheißleben geführt. ­Damals fand ich es unerträglich, doch ­heute kann ich mit einem beruhigten Blick auf diese Zeit ­zurückschauen. Sie erinnert mich daran, dass ich das, was ich jetzt habe, nicht aufs Spiel setzen sollte. Ich habe in der ­Vergangenheit mit Kohle rumgeschmissen und mir alle Statussymbole gegönnt, die man sich so vorstellen kann. Heute brauche ich das alles nicht mehr. Ich habe meine Kette noch, die hängt irgendwo im Schrank, und ich sammle jetzt Uhren. Ansonsten bin ich aber keiner, der groß Geld verprasst. Ich weiß mein heutiges Leben schon sehr zu schätzen, gerade weil die Zeit damals so hart war.

 

Ich habe das Gefühl, dass du diese ­Dankbarkeit auch ein Stück weit an deine Hörer vermitteln möchtest. Richtig?
Früher war mir das egal, aber heute habe ich den Anspruch, meinem Publikum etwas mitzugeben, ja. Ich möchte mich nicht einfach nur als der Beste und Tollste inszenieren, auch wenn diese Herangehensweise natürlich im Rap weiterhin seine volle Berechtigung hat. Mein Anspruch ist heute einfach ein anderer.

 

Auf deiner neuen Platte gibt es einen Song namens »Enrico«. Mit ­welcher Intention hast du den geschrieben?
Zunächst wollte ich in erster Linie einen Song über einen Zigeunerjungen schreiben, um darin meine Sinti-Herkunft zu verarbeiten. Dann dachte ich an die Sinti- und Roma-Jungs, die in Berlin an den Kreuzungen warten, um ihr Geld mit dem Putzen von Autoscheiben zu verdienen oder damit, in der U-Bahn Lieder auf der Gitarre zu spielen. Also schrieb ich ­»Enrico« aus so einer Perspektive. In Berlin wird mit diesem Song jeder etwas anfangen können, aber ich hoffe auch, dass ich diese Geschichte so aufgeschrieben habe, dass auch Jungs aus der Kleinstadt sich mit ihr identifizieren können.

 

Man muss nicht in einem Hochhaus ­aufgewachsen sein, um sich damit ­identifizieren zu können, oder?
Stimmt. Das Hochhaus ist im Endeffekt ja auch nur ein Sinnbild für etwas Größeres. Mit der eigentlichen Problematik, nämlich damit, dass man sich von seinem Umfeld eingeengt fühlt, kann sich auch jemand vom Dorf identifizieren. Auch wenn die Geschichte vom sozial schwachen Kind aus der Hochhaussiedlung natürlich etwas Dramatischeres hat, als die Vergangenheit von Franz aus dem Dorf XY, der in seiner Heimat schon jede Olle gebumst hat und da jetzt endlich mal raus will, bevor er noch anfängt, Sex mit Kühen zu haben. Obwohl, vielleicht könnte aus der Kuh-Story doch auch ein guter Song werden. (lacht)

 

Ein anderes Thema, dass dich in den ­letzten Monaten offensichtlich sehr ­beschäftigt hat, ist die Geburt deines ­zweiten Kindes, auf die du dich in einigen der Songs beziehst. Wie sehr hat dich ­dieses Ereignis beeindruckt?
Sehr. Als ich das erste Mal Vater wurde, war ich gerade erst 19 Jahre alt und noch nicht der richtige Mann, um mit dieser Verantwortung umzugehen. Ich wusste, dass ich nicht in der Lage war, meinem Sohn ein guter Vater zu sein. Das hat mich damals belastet, als er zur Welt kam. Heute kann ich es mir hingegen vorstellen, sogar noch mehr Kinder zu bekommen. Die ­Ausgangssituation war einfach eine ganz andere.

 

 

Hat dich diese zweite Vaterschaft als Mensch verändert? Fühlst du dich heute glücklicher oder gelassener?
Das ist irgendwie komisch. Ein glücklicher Mensch war ich eigentlich schon immer. In welcher Scheiße ich zeitweise steckte, habe ich meist erst im Nachhinein so richtig wahrgenommen. Als ich mir im Viertel mit Bobby die Wohnung geteilt habe, da war ich ganz unten angekommen. Trotzdem haben wir es sogar damals geschafft, uns das Leben erträglich zu gestalten. Irgendwie bekamen wir es immer hin, die ganze eklige Scheiße zu verdrängen, zum Beispiel die Mäuse, die neben uns auf dem Bett herumhüpften. Mittlerweile bekomme ich Herpes, wenn ich nur daran denke, wie eklig das damals war. Aber damals fiel mir das nicht so recht auf, irgendwie war ich immer glücklich. Aber natürlich kommt dazu mittlerweile eine gewisse Lockerheit, schließlich habe ich heute alles erreicht, was ich mir je gewünscht habe. Ich bin verheiratet, ich habe Kinder, ein Haus und sogar meine Mutter hier unterbringen können. Ich kann sehr entspannt in die ­Zukunft blicken. Alles, was jetzt noch kommt, ist nur Bonus.

 

Du verspürst also keinen Druck mehr?
Nee, überhaupt nicht. Und ich glaube, das merkt man auch diesem Album an. Die Platte klingt, wie ich finde, anders als alles, was ich zuvor gemacht habe. Als neuerer Sido-Fan wird man sich damit schon identifizieren können, nur die Leute, die früher meine Tapes gehört haben, die werden sich damit wohl überhaupt nicht mehr arrangieren können – es sei denn, sie sind mit mir zusammen erwachsen geworden. Aber davon gehe ich nicht aus. Vermutlich sind viele von denen musikalisch in ihrer Jugend hängengeblieben. Ich bin ja genauso. Ich höre auch lieber die Neunziger-Sachen, als dieses ganze A$AP-Rocky-Zeug und so. Damit kann ich gar nichts anfangen. Aber ich schweife ab. Worauf wollte ich noch mal hinaus?

 

Du wolltest mir erklären, warum die Platte ungezwungener als alles klingt, was du bisher gemacht hast.
Stimmt. Das liegt daran, dass es mir, Paul Würdig, egal ist, ob irgendjemand ­dieses Album mag. Ich weiß zwar, dass das Album sehr viel Potenzial hat und, wenn es gut läuft, sehr vielen ganz ­unterschiedlichen Menschen gefallen
kann, aber wenn es anders kommt, wird mir das auch nicht die Laune vermiesen. Ich finde es einfach gut, sie gemacht zu haben. Sido hingegen möchte aber natürlich, dass auch diese Platte den ­größtmöglichen Erfolg hat.

 

In der Veröffentlichungsflut von heute gehen auch gute Platten manchmal unter, ganz einfach, weil die Menschen sich nicht genug Zeit nehmen. Was tust du, um sicherzugehen, dass du mit deiner Musik trotzdem noch Menschen erreichst?
Ich weiß einfach, dass ich meine Hörer ­möglichst schnell für mich gewinnen muss. Das war mir allerdings auch schon immer klar. Ich wusste schon früh, dass, ganz egal wie gut der Song im Ganzen sein mag, die ersten 20, 30 Sekunden immer am ­wichtigsten sind. Das gilt für jeden meiner Songs. Natürlich skippen die Leute Musik, ganz besonders bei Spotify, immer schneller durch. Da nehme ich mich auch gar nicht raus. Ganz häufig reicht mir bei neuer Musik auch einfach die Preview-Funktion von iTunes. Die 90 Sekunden, die ich da hören darf, reichen mir häufig schon für ein Urteil.

 

Gehen dir Texte eigentlich immer noch so leicht von der Hand wie vor einigen Jahren?
Ja, ich arbeite noch immer nach ­demselben Prinzip: Wenn ich einen Song anfange und nicht am selben Tag ­fertigstelle, dann schmeiße ich ihn weg.

 

Ich habe das Gefühl, dass du auf »301180« wieder mehr Geschichten erzählst, als in den Jahren zuvor. Hast du dir das bewusst zum Ziel gesetzt, als du anfingst, diese Platte zu schreiben?
Ich möchte mit meinen Texten Bilder malen, das ist eigentlich immer mein erstes Ziel und auch das, was ich am besten kann. Das wird mir ja auch häufig von ­außen bestätigt. Wenn ich etwas rappe, dann erzeugt das in deinem Kopf ein Bild. Vielleicht nicht dasselbe, was der Typ neben dir vor Augen hat, aber es macht ein klares Bild. Mir geht es nicht darum, die übertrieben krassen Reime zu finden. Natürlich bin ich ein Rapper, also sind mir Reime, Flow und Technik auch irgendwie wichtig. Eine viel größere Rolle spielt für mich allerdings das, was ich mit einem Text sagen möchte. Der Reim kommt bei mir immer an zweiter Stelle. Ich entscheide erst, was ich sagen will und schaue dann zu, dass sich meine Aussagen auch reimen. Andere Leute erzeugen einen Wow-Effekt, in dem sie sich wahnsinnig verschachtelte Reime ausdenken. Ich ­hingegen zeichne Bilder in deinen Kopf.

 

Sollen diese Bilder immer auch eine ­Geschichte erzählen?
Nicht unbedingt. Nimm nur das neue ­Album. Darauf gibt es ganz ­unterschiedliche Songs. Mal mag ein Bild nicht ganz so eindeutig ­gezeichnet wirken, das nächste wiederum male ich sehr exakt. Manche Songs werden bei den meisten Leuten ähnliche Bilder ­erzeugen, bei ­anderen ist der Spielraum für ­Interpretationen hingegen größer.

 

Weißt du bereits vorab, welches Thema ein Song haben wird?
Ja. Ich setze mich nie hin und schreibe einfach los. Ich weiß immer zunächst, was ich aussagen möchte. Häufig trage ich sehr lange nur eine krasse Line mit mir herum, zum ­Beispiel: »Bevor du kamst, war ich nur einer dieser Steine.« Das war die erste Zeile, die ich im Kopf hatte, bevor ich richtig mit dem Album anfing, sie ist sozusagen der ­Ausgangspunkt der Arbeit an der Platte.

 

Weißt du noch, wann dir diese Zeile einfiel?
Ich war gerade in Los Angeles. Wann genau, kann ich nicht mehr sagen, aber ich könnte dir jetzt haargenau beschreiben, wo ich gerade stand, als mir diese Zeile in den Kopf kam.
Man hat mir gesagt, dass das erste ­musikalische Lebenszeichen vom Album der Song »301180« sein wird, ein Song mit Strophen von insgesamt 19 Rappern, der wohl viele überraschen wird.
Findest du?

 

 

Klar. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich irgendwann mal Bushido und Smudo von den Fantastischen Vier auf demselben Song hören würde.
Das hat mich auch überrascht. Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, dass Bushido vielleicht gegen den einen oder anderen der Rapper auf dem Song einen Groll hegt oder so. Aber ihm war es ein echtes ­Anliegen, auf dem Song zu sein.

 

Warum überhaupt dieser Song?
Ich wollte eigentlich nur sehr wenige Features auf dieser Platte haben. Und wenn überhaupt, dann sollten die ein wenig aus dem Rahmen fallen. So wie Helge Schneider und Marius Müller-Westernhagen, die natürlich niemand auf einem Song mit mir erwarten würde. Trotzdem wollte ich auch etwas mit meinen Freunden machen. Bobby [B-Tight, Anm. d. Verf.] und Bass Sultan Hengzt sollten also auf jeden Fall auf die Platte. Dann fielen mir allerdings immer mehr Leute ein. Ich sah zum Beispiel irgendwann ein Interview mit Lakmann und dachte mir: Krass, wie der sich ­gemacht hat. Also fragte ich ihn nach einer ­Strophe und dann kam eines zum ­anderen. Plötzlich hatte ich eine Idee: Warum nicht alle meine Lieblingsrapper auf einem Song featuren? Ich war schon immer ein Fan dieser US-Rap-Posse-Tracks. Ganz besonders aus New York kamen damals sehr oft solche Songs, bei dem einfach alle angesagten Rapper auf demselben Song vertreten waren. »5 Boroughs« mit KRS-One, Cam’ron, Keith Murray, Redman, Prodigy und noch einigen anderen war zum Beispiel so ein Ding.

 

Du würdest alle Rapper auf dem Song zu deinen Lieblingsrappern zählen?
Auf jeden Fall. Beinahe alle diese Leute haben an irgendeinem Punkt meines Lebens einen enormen Einfluss auf mich gehabt. Dazu gehört natürlich Erick Sermon, schließlich habe ich das ganze Def-Squad-Zeug in meiner Jugend enorm gefeiert, aber auch zum Beispiel Moses Pelham und Dr. Renz von Fettes Brot. Natürlich kann ich nicht wirklich sagen, dass BK [Blut und Kasse, Anm. d. Verf.] mich wirklich beeinflusst hat, der ist ja noch ein Newcomer. Aber den finde ich einfach gut.

 

Du hattest auch mal eine Fettes-Brot-Phase?
Klar. Als ich 14 war, habe ich ständig »Nordisch By Nature« und das »Auf einem Auge blöd«-Album von Fettes Brot gehört. Wie alt bist du eigentlich? Hast du die damals gehört?

 

Ich bin 25. Mit Fettes Brot bin ich nicht aufgewachsen.
Okay, da warst du einfach ein bisschen zu spät dran. Als Jugendlicher waren Fettes Brot für mich jedenfalls eine astreine und sehr unterhaltsame ­HipHop-Band. Was die heute machen klingt natürlich, ohne das jetzt negativ zu meinen, wesentlich poppiger. Einige der Beats auf »Auf einem Auge blöd« waren aber so gut, die ziehen dir heute noch die Hose aus.

 

Dass ihr gerade diesen Song als Erstes vom Album auskoppelt, ist auch als Statement in Richtung HipHop-Szene zu verstehen, oder?
Das komplette Album ist für mich ein Statement an die Szene.

 

Das ganze HipHop-Ding ist dir also immer noch enorm wichtig.
Klar. Ich möchte zwar auch über den ­Tellerrand der Szene hinaus ­verkaufen, aber natürlich will ich weiterhin als HipHopper wahrgenommen werden. Ich werde ­immer weiter die Fahne für meinen schönen Rap hochhalten.

 

In einem JUICE-Interview anlässlich der Veröffentlichung deiner »MTV Unplugged«-DVD sagtest du mal, Bushido, Fler und du seien dafür verantwortlich, dass die ­Straßenrapper nach euch die HipHop-Werte vergessen haben. Aus heutiger Perspektive: Warum war das so?
Erst mal finde ich es trotz allem noch immer legitim, was wir damals gemacht haben. Wir haben der Welt ja nichts vorgemacht. Wir kamen aus dem Nichts und hatten auf einmal goldene Platten und viel Geld. Damit haben wir kokettiert, aber wir hatten ja wirklich plötzlich die Weiber und die fetten Karren am Start. Wir haben damals all die HipHop-Klischees wirklich erfüllt. Alle bei Aggro Berlin haben eine Zeit lang richtig gut Asche gemacht. Wir fanden es legitim, damit anzugeben, weil wir die Ersten waren, die es bis ganz nach oben in die Charts geschafft haben. Heute redet jeder über seine Verkaufszahlen und seine Chart-Platzierung. Dadurch bekommt man manchmal das Gefühl, diese Zahlen wären wichtiger als die Qualität der Musik, was natürlich nicht stimmt. Ich finde, wir sollten wieder mehr auf die HipHop-Werte achtgeben.

 

Was sind denn für dich die Werte hinter dieser Kultur?
Für mich bedeutete HipHop am Anfang, in meiner Jugend, in erster Linie Rebellion. Es ist eine schöne Art, sich auszudrücken, ganz gleich, ob man politische Probleme anprangert oder Sekte-mäßig Songs mit einem Augenzwinkern schreibt. Wir haben damals in erster Linie Musik gemacht, um uns unseren Frust von der Seele zu schreiben. HipHop ist heute die bessere Punk-Musik. Natürlich bin ich heute kein Jugendlicher mehr. Ich habe keine allzu große Lust mehr, zu rebellieren. Aber HipHop ist einfach mein Leben, es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Außerdem ist es das Einzige, was ich wirklich gut kann. Genau deswegen ist es mir auch so wichtig, dass man unsere Musik endlich ernst nimmt, denn das ist leider noch immer nicht wirklich der Fall. Nimm zum Beispiel »Cover My Song«: Da standen die Rapper immer ganz weit unter diesen Schlager-Leuten. Aber wen interessiert Schlager heute noch? Rap ist heute die angesagte Musikrichtung. Aber bei dieser Sendung gab es immer den kleinen Rapper, der zu dem Schlager-Star nach Hause kam und über dessen goldene Schallplatten staunte.

 

Trotzdem scheint HipHop momentan so stark in der Mitte der Gesellschaft ­angekommen, wie vielleicht noch nie. Würdest du das unterschreiben?
Auf jeden Fall. Allerdings ist es ja nicht so, als hätte es nicht schon mal eine Zeit gegeben, in der deutscher HipHop im Pop angekommen war. Damals war das Problem ein anderes: Die HipHop-Szene war zu dieser Zeit noch so eingeschworen, engstirnig und elitär. Schrecklich war das. Alles, was nicht den musikalischen Vorstellungen der Szene entsprach, erkannte man einfach nicht als Rap an. Heute würde niemand mit Verstand behaupten, dass Cro keinen HipHop macht. Unter diesen Begriff fällt heute so vieles und genau das beweist, dass wir ernstzunehmende Musik machen, die von Erwachsenen ­gefälligst nicht mehr ständig als Jugendgetue ­abgeschrieben werden sollte.

 

 

Hat sich in dieser Hinsicht nicht in den letzten Jahren bereits viel getan?
Da hast du schon recht. Deine Eltern haben bestimmt auch schon mal »Bilder im Kopf« im Radio gehört und den Song dann lauter gedreht, oder?

 

Das haben sie tatsächlich.
Eben. Natürlich liegt das auch daran, dass das Mainstream-Radio heute eben auch älteren Generationen HipHop näherbringt. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass deine Eltern auch auf meinen älteren Alben an dem einen oder anderen Song Gefallen gefunden hätten, wenn man sie nur darauf gestoßen hätte. In der Vergangenheit wurden doch selbst die Fantastischen Vier vergleichsweise wenig im Radio gespielt. Das ist aktuell anders. Und wem haben wir das zu verdanken? Cro natürlich. »Easy« lief im Radio rauf und runter und ich glaube, dass das vielleicht das erste Mal überhaupt war, dass ein Rap-Song mit einem klassischen HipHop-Beat und ohne echte Hook so krass viel gespielt wurde. Deswegen ist natürlich heute die Nachfrage nach ähnlichen Sachen größer und die Radiosender müssen mehr Songs aus der HipHop-Ecke auf Rotation nehmen. Da hat ihnen dann »Bilder im Kopf« natürlich ziemlich gut in den Kram gepasst.

 

Inwieweit hast du eigentlich den Erfolg von »Bilder im Kopf« antizipiert?
Naja, ich hatte ja mit Neffi und Sven von Universal abgemacht, dass ich für »#Beste« auch noch ein paar neue Songs schreiben würde. Also habe ich fünf ­Nummern gemacht und dem Label zugeschickt. Das Feedback war dann so: »Schön und gut, aber wir brauchen eine Single. Wir wollen dein Best-of wie ein richtiges Album behandeln.« Also ging ich zurück ins Studio und schrieb eine Single. Ich weiß ja, wie so etwas funktioniert. Ich kann mich halt mal eben hinsetzen und dir eine Single schreiben, kein Problem. Irgendwie kenne ich das Kochrezept oder so. Dann schrieb ich »Bilder im Kopf«, gab ab und alle waren zufrieden. Dass der Song jedoch so erfolgreich werden würde, das hat mich wirklich sehr überrascht. Ich glaube, dass ich in der Vergangenheit bereits Songs ­geschrieben habe, die ein ähnliches Potenzial hatten, aber damals hatten die Radiostationen eben noch ­keinen Bock auf mich.

 

In der Vergangenheit hast du Interviews gerne mal dazu genutzt, um gegen andere Leute zu stänkern. Du wirkst, als hättest du daran heute gar kein Interesse mehr.
Na ja, wenn mir jetzt irgendetwas Lustiges über wen eingefallen wäre, dann hätte ich das jetzt bereits ausgepackt. Aber mir fällt im Moment einfach keiner ein, über den ich irgendetwas Schlechtes zu sagen hätte. Nicht, dass du jetzt denkst, dass mir nicht mehr nach stänkern ist. Wenn mir irgendwas an irgendwem nicht gefällt und ich das Gefühl habe, dass ich das loswerden muss, dann werde ich das auch weiterhin sagen. Dafür werde ich mir nie zu schade sein, darauf kannst du dich verlassen.

 

Noch mal zurück zu »301180«. Mich hat gefreut, dass du auf der Platte wieder verstärkt auf dein Storytelling-Talent setzt. Meiner Meinung nach hattest du das auf »Ich« mit Songs wie »Bergab« ­perfektioniert. ­Andererseits scheinst du konsequent den Weg weiterzugehen, den du mit deinem letzten Album »Aggro Berlin« ­eingeschlagen hast. Ist dein neues Album die Zusammenführung des alten und des neuen Sido?
Hm, es fällt mir schwer, das zu erklären. Vielleicht fange ich am besten mit dem »Aggro Berlin«-Album an. Auf der Platte hatte ich versucht, Songs zu machen, die stärker als zuvor Erwachsene ansprechen. Das hat leider nur zum Teil funktioniert. Ich glaube allerdings, dass ich mit dem neuen Album dieser Vorgabe nähergekommen bin. »Bergab« hingegen war explizit ein Song, der Jugendliche angesprochen hat. Als ich den schrieb, war ich gerade drauf und dran, den Schritt aus dem Viertel raus und hinein in ein besseres Leben zu wagen. Damals war die Straße noch mein Leben, aber heute könnte ich kein »Bergab« mehr schreiben. Ohnehin hätte er auf »301180« wohl fehl am Platze gewirkt. Darauf gibt es durchaus Songs, die ein ähnliches Gefühl vermitteln, allerdings sind die Themen mittlerweile andere. Ein Song wie »Testament« wiederum hätte sehr gut auf diese Platte gepasst, sowohl thematisch, als auch musikalisch. Habe ich deine Frage damit beantwortet?

 

Ich finde schon. Neben den Songs, auf ­denen du fiktive Geschichten erzählst, gibt es auch Stücke, auf denen du ­vergleichsweise viel von dir selbst preisgibst. Du erzählst beispielsweise von den Momenten, in denen du die Kontrolle über dich selbst verlierst. Du meinst damit wohl jene Situationen, von denen man dann am Tag danach in der Boulevardpresse liest, oder?
Genau die. Mittlerweile komme ich mir ja auch schon vor, als wäre ich total der Choleriker, der ständig nur rumschreit und Leute verprügelt. (lacht)

 

Besagter Song heißt »Papa, was machst du da?«. Hast du mittlerweile eine Antwort auf die Frage gefunden, wie du solche ­Momente deinen Kindern erklären sollst?
Ja, auch wenn diese Antwort keine sehr befriedigende ist: »Sohnemann, manchmal ist dein Vater einfach ein Idiot.« Mir ist ja völlig egal, was die Öffentlichkeit von mir hält. Das, was meine Kinder, meine Frau und meine Mutter von mir denken, das ist mir wichtig. Also schäme ich mich natürlich in den Boden, wenn ich mal wieder die Kontrolle über mich verloren habe.

 
Foto: Murat Aslan